Stefan Krisos Blick schweift über die Wiese und das Maisfeld am Rand der Römerstadt. Hier, im Gewann „Steingrube“, ist ein Penny-Discounter geplant. Außerdem soll eine Bäckerei, die sich aktuell noch in der Stadtmitte befindet und keine Expansionsmöglichkeiten hat, hier ebenfalls ansiedeln samt Produktionsräumen und einem Café. Schon bald sollen hier, geht es nach dem Willen der Stadtverwaltung, die Bagger anrollen und der als dringend notwendig erachtete Markt und das Backhaus gebaut werden.
Oberriexingen „Halten den Standort für ungeeignet“
Die Oberriexinger Schutzgemeinschaft „Steingrube“ will einen Discounter verhindern. Dieser soll in einem hochwassergefährdeten Gebiet gebaut werden, so ihr Argument.
„Es macht für uns keinen Sinn“
„Es macht einfach keinen Sinn, den Versorger an dieser Stelle zu realisieren“, sagt der Sprecher der Schutzgemeinschaft „Steingrube“, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Ansiedlung des Marktes und der Bäckerei zu verhindern. Der Standort liege in einem hochwassergefährdeten Gebiet entlang der Dürren Enz, einem unscheinbaren, aktuell beinahe ausgetrockneten Nebenarm der Enz. „Da sah es vor wenigen Tagen, am vergangenen Donnerstag, jedoch noch ganz anders aus“.
Am Abend, als die mächtige Gewitterzelle in der Region für Überflutungen, Starkregen und Hagel sorgte, schwoll binnen kürzester Zeit auch dieses unscheinbare Bächlein an. Kriso: „Und das war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was folgen könnte, würde dieser Markt realisiert und die Fläche versiegelt werden.“ Überflutete Verkaufsflächen, eine Parkplatzfläche, die einem See gleiche – all das sei möglich und fuße nicht auf Vermutungen, sondern auf ausführlichen Berechnungen und einer umfassenden Expertise der Stadtwerke Bietigheim-Bissingen.
„Aus diesem Grund ist es nicht nachvollziehbar, dass die Stadt an diesem Grundstück und an diesem Vorhaben festhält“. Es seien zwar zwei Regenrückhaltebecken auf diesem Flurstück vorgesehen, doch diese würden die Überflutungsgefahr nur unzureichend dämmen können. Er konkretisiert, aus dem Gutachten zitierend: „Auch unter Berücksichtigung solcher Maßnahmen ist das realisierbare Rückhaltevolumen nicht ausreichend, um einen wesentlichen Schutz der unterhalb gelegener Bebauung bei Starkregenereignissen sicherzustellen.“ Die topografischen Begebenheiten täten ihr Übriges – das Gelände flacht zur Steingrube hin ab und wirkt wie ein Amphitheater. Durch die geplante mobile Starkregenbarriere seien zwar Bereiche vor einer Überflutung geschützt.
„Wir sind keine Querulanten“
Entlang dieser ergebe sich bei einem außergewöhnlichen Abflussereignis eine maximale Überflutungstiefe von rund 60 Zentimetern. Und: „Die Außenwände des Nahversorgers, welche nördlich der Starkregenbarriere liegen, werden aber teilweise direkt angeströmt und sind von größeren Überflutungstiefen betroffen. An der Laderampe treten besonders hohe Überflutungen auf,“ befürchtet er. Besonders gefährdet wäre der Parkplatz, der unterhalb der Sohlhöhe der Dürren Enz liege.
„Wir sind keine Querulanten“, sagt auch Stefan Krüger, der ebenfalls zum Vorstand der Schutzgemeinschaft gehört. „Wir haben Bürgermeister Ron Keller und den Mitgliedern des Gemeinderats angeboten, dass sie sich immer bei uns melden können, wir sind gesprächsbereit und daran interessiert, konstruktiv unsere Bedenken zu äußern und darzulegen.“ Vor allem hinsichtlich der geplanten Beschlussfassung in der Septembersitzung täte es dringlich Not, nochmals auf die mögliche Gefahrenlage hinzuweisen. „Ein hundertjährliches Hochwasser wie angesprochen muss nicht kommen, aber es kann jederzeit passieren, gerade in Zeiten des Klimawandels“, sagt Kriso. Den Starkregen vom vergangenen Donnerstag habe auch niemand vorhersagen können, „und ich habe Zweifel, dass die angesprochene mobile Starkregenbarriere dann in kürzester Zeit errichtet werden kann.“ Zumal, gibt Krüger zu bedenken, das damit betraute Unternehmen von außerhalb kommen solle und nicht sofort am Ort des Geschehens sein könne: „Eine mobile Lösung beim Starkregenschutz wirksam sicherzustellen, setzt nicht nur das Vorhandensein von geschultem Personal voraus, sondern auch in ausreichender Menge und Verfügbarkeit rund um die Uhr.“ Und gerade das könne nicht garantiert werden.
Negative Auswirkungen
„Wir sind nicht gegen eine Ansiedlung des Discounters und des Bäckers, aber wir sind gegen eine Verwirklichung an dieser Stelle. Das von der Verwaltung ins Spiel gebrachte Argument, mit dem „Penny“ eine Versorgungslücke zu schließen, lässt Kriso nicht gelten: „Von der Ortsmitte aus sind zehn Versorger und Discounter in – größtenteils deutlich - unter zehn Fahrminuten erreichbar.“
Der nächstgelegene Discounter sei der „Penny“ in Sersheim, welches gerade einmal rund acht Fahrminuten entfernt liege. Außerdem müsse man negative Auswirkungen auf die Ladengeschäfte in der Innenstadt, sollte der Discounter realisiert werden, mit ins Kalkül ziehen. „Wir bitten Bürgermeister, Verwaltung und die Gemeinderäte eindringlich, sich mit der Materie gewissenhaft zu befassen und bei Fragen gerne auf uns zuzukommen.“
Die BZ hatte auch bei Bürgermeister Ron Keller eine Stellungnahme angefragt, doch blieb diese unbeantwortet.
