Oliver Hülden aus Bietigheim Moderne archäologische Dokumentation

Von Heidi Vogelhuber
Oliver Hülden bei seinen Feldstudien in der Kibyratis in der heutigen Türkei. Der Archäologe steht noch immer in enger Verbindung zum Kreis Ludwigsburg und besonders zu Bietigheim-Bissingen, da seine Familie hier wohnt. ⇥ Foto: privat

Ein Archäologe mit Wurzeln in Bietigheim-Bissingen beschreitet neue Wege, was die Dokumentation seiner Forschungsergebnisse angeht.

Es fing alles mit den Kelten und Römern an, deren Siedlungen in Baden-Württemberg noch vielerorts nachweisbar sind. Oliver Hülden, in Marbach geboren, in Benningen und später Bietigheim-Bissingen aufgewachsen sowie zur Schule gegangen, entwickelte schon früh eine Passion für die Archäologie.

Prägender Familienurlaub für Hülden

„Mit 15 war ich unzufrieden, wir verbrachten den Familienurlaub in der Türkei“, erinnert sich der Stellvertretende Leiter der Abteilung historische Archäologie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien und lacht. Rückwirkend betrachtet war dieser Urlaub der Auslöser für seinen beruflichen Weg. „Dort liegen bedeutende archäologische Städte“, erklärt er und nennt Troja als das populärste Beispiel. „Mein Interesse galt und gilt der Vergangenheit und dem Umgang mit dem antiken Erbe“, sagt der Privatdozent. Einem Studium der Klassischen Archäologie mit Vor- und Frühgeschichte sowie Alter Geschichte an den Universitäten Tübingen und Bochum folgten Promotion und Habilitation, seit 2016 unterrichtet er auch an der LMU München.

Spektakuläre archäoligische Funde

Archäologie verbinden viele mit Ausgrabungen. „Als spektakulär empfinden die meisten wohl einen Goldfund“, sagt Hülden. Für ihn jedoch war etwas anderes ein spektakulärer Fund. „Ich hatte in Milet ein richtiges Schlüsselerlebnis“, berichtet er von einer Forschungsreise mit dem Archäologen Hans Lohmann, mit dem er das Hinterland der antiken Metropole Milet in Ionien untersuchte. Das Leben der antiken Menschen stand im Fokus. „In Schriften wird fast ausschließlich von der Oberschicht berichtet“, erklärt Hülden. Vor allem die Städte wurden erforscht, aber wie die Landbevölkerung gelebt hat, sei vielerorts noch unbekannt. Solche Erkenntnisse faszinieren den Forscher am meisten, um über die chronologischen Grenzen hinweg Siedlungsgeschichte zu schreiben.

Diese sogenannten archäologischen Surveys versuchen durch die Erkundung des Geländes einen Überblick über die Besiedlungsgeschichte zu schaffen – zumeist ohne eine Ausgrabung. „Wir kartieren, dokumentieren, beschreiben – und das zerstörungsfrei“, erklärt Hülden das Vorgehen. Das ausführliche Dokumentieren sei wichtig, denn vor allem seit dem 20. Jahrhundert habe eine massive Zerstörung von Kulturräumen eingesetzt. Nicht zuletzt durch Tourismus. „Es ist ein Kampf gegen die Zeit.“

Der Archäologe unternahm gemeinsam mit dem Althistoriker Thomas Corsten von 2008 bis 2014 eigenständige Feldforschungen in der Kibyratis (Provinz Burdur) in der heutigen Türkei, wo sie das Umland von Bubon erforschten. „Es ist eine Mischregion mit verschiedenen kulturellen Einflüssen.“ Aus solchen Binnensiedlungen sei wenig bekannt. Hülden arbeitet gern mit Historikern zusammen. Gemeinsam könne ein komplexeres Bild des damaligen Lebens rekonstruiert werden. Auch Literatur aus dem 19. Jahrhundert sei eine wichtige Quelle. „Skizzen, Stiche und später auch Fotos sind überliefert.“

Die Forscher sammelten viel Material, das nun publiziert werden soll. Einerseits in Buchform, andererseits aber auch digital. In Zusammenarbeit mit der Gerda Henkel-Stiftung möchte Hülden die Forschungsergebnisse auch online einstellen (siehe Infobox).

Zugriff von überall

Dadurch könnten nicht nur mehr Menschen erreicht werden, auch die Arbeit am Projekt könne von überall her erfolgen – praktisch für Hülden, wohnt er doch in Wien und Ulm – aber auch für das gesamte Team. Vor Ort wurde mit einem zwölfköpfigen Team gearbeitet, das ein Gebiet mit einer Diagonale von 100 Kilometern durchforstete. Die Nachbearbeitung erfolge in einem fünfköpfigen wissenschaftlichen Team, weitere fünf Mitarbeiter kümmern sich um das Redaktionelle sowie Fotos und Zeichnungen.

Für Hülden hat die digitale Datenerfassung noch einen großen Vorteil: die Datenbank im Hintergrund. „Unzählige Fotos und Beschreibungen können hinterlegt werden. Auch wenn die Objekte zerstört werden sollten, bleiben sie so sichtbar und können weiter erforscht werden“, erklärt er. Das gelte auch für die 2500 Keramikscherben, die bei seinen Kampagnen gesammelt wurden.

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Moderne Dokumentation archäologischer Forschung

Die Gerda Henkel-Stiftung hat im Januar 2016 ein Projekt zur digitalen Publikation der von ihr geförderten Projekte ins Leben gerufen. Das Kibyratis-Projekt „Bubon und sein Umland“ von Oliver Hülden ist eines der ersten Projekte, das parallel zu gedruckten Publikationen über die Reihe „Edit“ veröffentlicht wird. Die Architektur der Online-Plattform wurde mit der Berliner Firma „Plex“ erarbeitet.

Seit Mitte November 2021 kann der erste Band „Einzelstudien des Kibyratis-Projekts“ online eingesehen werden. Insgesamt sind zehn Bände geplant, die in den nächsten zwei Jahren erscheinen sollen. Unter anderem befassen sie sich mit ländlichen Heiligtümern, unterschiedlichen Grabformen sowie Gipfelbefestigungen, verrät Hülden, der sich gut vorstellen kann, weiterhin digital zu arbeiten. Es könnten Karten, Bilder und Hyperlinks sowie unterschiedliche Sprachen eingebunden werden; auch die interdisziplinäre Nutzung sei einfacher und die Forschungsergebnisse können leichter der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Das und Ähnliches könnte die Zukunft sein“, sagt er.

https://edit.gerda-henkel-stiftung.de/kibyratis/bubon-und-sein-umland/

 
 
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