Olymp-Chef Mark Bezner im Interview „Wir brauchen planbare Szenarien“

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Kurzarbeit, aber bisher keine Überbrückungshilfe: Olymp ist laut Mark Bezner „Too Big to Fail“ (zu groß zum Scheitern).⇥ Foto: Martin Kalb

Nach Einschätzung von Olymp-Chef Mark Bezner steht Mode zurzeit ganz unten auf dem Einkaufszettel. Er fordert von der Politik einen konkreten Plan für das weitere Vorgehen.

Der zweite Lockdown dauert schon seit Dezember. Wie wirken sich die Maßnahmen auf die Unternehmen der Region aus? Die BZ hat mit Olymp-Chef Mark Bezner gesprochen.

Wie geht es Olymp im zweiten Lockdown?

Mark Bezner: Der zweite Lockdown wirkt sich bei uns deutlich gravierender aus als der erste. Man merkt, dass die Lage angespannter wird, auch der Druck auf unsere Handelsmittler steigt. Hier geht es um Überlebenskämpfe. Neben unseren eigenen Vertriebsaktivitäten, über die eigene stationäre Retail-Organisation oder unsere Online-Aktivitäten, haben wir viele Wholesale-Partner, mit welchen wir den größten Teil unsere Umsätze tätigen. Department Stores und Fachhändler, das sind deutschland- und europaweit unsere Kunden und wichtigsten Absatzkanäle – und die verzweifeln.

Können Sie die Einbrüche über den Online-Handel auffangen?

Nur minimal. Wir haben zwar einen einigermaßen stabilen Online-Anteil von knapp zehn Prozent unseres Umsatzes. Aber die Grundprobleme sind für uns die Schließungen der Geschäfte und die neuen Lebensverhältnisse. Jegliche Anlässe sind weggefallen. Es gibt gerade keinen Grund, sich überhaupt noch schick zu machen. Man kommt nicht mehr mit Freunden zusammen, geht nicht mehr ins Restaurant, geschweige denn zu Anlässen wie runden Geburtstagen oder Hochzeiten. Es gibt kaum noch Geschäftsreisen oder persönliche Meetings. Darunter leidet die Bekleidungsbranche und leiden vor allem Business-Anbieter wie wir. Wir stehen zurzeit ganz unten auf dem Einkaufszettel.

Wie wirken sich die neuen Lebensverhältnisse mittelfristig aus: Werden die Designs jetzt legerer?

Ich bin zuversichtlich, dass die Nachfrage nach unserem Kernprodukt wieder steigen wird. Was die legere Bekleidung angeht: Wir haben schon in den letzten Jahren und lange vor Corona nicht nur beträchtlich in legere Freizeit- und lässige Smart-Casual-Hemden diversifiziert, sondern zusätzlich auch Pullover, Polo-, Sweat- und T-Shirts verstärkt und mit großem Erfolg innerhalb unseres stetig wachsenden Sortiments verankert. Außerdem haben wir mit unseren flexiblen 24/Seven Jersey-Hemden eine Produktinnovation im Markt eingeführt, die den Tragekomfort eines T-Shirts mit der Ästhetik eines Hemdes verbindet. Diese Hemden erfreuen sich derzeit größerer Nachfrage. Das hilft ein wenig bei der Kompensation. Aber im Augenblick hat man uns die Geschäftsgrundlage entzogen, weil unsere Kunden nichts verkaufen können und somit bei uns auch nicht bestellen.

Eigentlich müssten die Händler jetzt Ware ordern?

Ja, wir haben vor zwei Wochen unsere Herbst-Kollektionen 2021 an den Außendienst übergeben. Die Termine dafür Anfang des Jahres sind bei uns gesetzt. Aber die Repräsentanten und Reisenden treffen jetzt auf Handelspartner, die zwar Ware vorordern sollen, aber mit aktueller Herbstware noch bis unter die Decke voll sind. Viele Termine werden abgesagt und bei denen, die stattfinden, ist die Bereitschaft zu ordern, nur minimal ausgeprägt. Das verstehe ich auch. Wir haben hier das Lager zudem noch gefüllt mit Frühjahrsware und können nicht ausliefern, weil unsere Partner geschlossen sind.

Welche staatlichen Maßnahmen helfen Olymp in der Krise?

Die einzige Maßnahme, die wir wirklich nutzen können bei unserem diesjährigen Geschäftsvolumen, das wir zu bewerkstelligen haben, ist die Möglichkeit der Kurzarbeit. Aber dafür, dass so etwas möglich ist, haben die Beteiligten in den letzten Jahren in die Kassen einbezahlt. Ansonsten sind wir, wie man so schön sagt, „Too Big to Fail“ (auf Deutsch: zu groß zum Scheitern).

Für die Überbrückungshilfen 1 und 2 waren wir zu groß. Wir liegen deutlich über den 250 Mitarbeitern und den Umsatzgrenzen von damals 50 Millionen Euro, auch mit der Bilanzsumme reißen wir die Kriterien. Was im Augenblick noch geprüft wird, ist die Überbrückungshilfe 3, aber das Ganze ist ja auch noch nicht ausgegoren, geschweige denn von der EU genehmigt. Bis dato ist bei uns kein Cent angekommen.

Welche Unterstützung würden Sie sich wünschen?

Die Modeindustrie und der Handel sind schon ganz weit oben bei denen, die massiv unter den Maßnahmen leiden, die die Politik für richtig hält. Selbst wenn die Geschäfte vielleicht am 1. März wieder öffnen können, gehe ich nicht davon aus, dass die Fußgängerzonen dann umgehend von Menschenmassen geflutet werden, die unbedingt einkaufen wollen. Bis ausreichend Menschen geimpft sind, wird es weiterhin Ängste geben. Bis dahin wird sich der Konsum auf das Allernotwendigste beschränken. Und dazu zählt Mode nur bedingt. Mode gönnt man sich, wenn man gute Laune hat und keine Existenzängste, wenn man sich verwöhnen und etwas Gutes tun will. Und das ist im Augenblick einfach nicht gegeben.

Homeoffice, digitale Messen – wie wirken sich die neuen Abläufe intern bei Olymp aus?

Wir haben die Präsenz im Betrieb auch auf ein Minimum heruntergefahren. Bei uns gibt es im administrativen Bereich die Anweisung, so viel wie möglich im Homeoffice zu arbeiten. Aber wir sind natürlich ein Unternehmen, bei dem am Produkt gearbeitet wird. Bei einer Kollektionsentwicklung müssen die Musterteile auf dem Tisch liegen und besprochen werden. Auch unsere Mitarbeiter in der Logistik können die Hemden nicht von Zuhause versenden. Auf die sich bietenden Möglichkeiten der virtuellen Kollektionspräsentation auf digitalen Messen greifen wir gerne zurück.

Wie blicken Sie nach vorne auf dieses und nächstes Jahr?

2021 wird bei uns eine große Herausforderung. Es wird voraussichtlich auch noch einmal schwieriger werden als 2020. Das hängt mit unserem Geschäftsmodell zusammen: Wir machen 50 Prozent des Markenumsatzes mit sofort verfügbarer Ware, bei der der Handel praktisch nachzieht, wenn er gute Geschäfte macht. Das ist uns letztes Jahr eingebrochen. Aber wir hatten noch gute Vorverkäufe in den Büchern für 2020. Diese Ware haben wir dann ein halbes Jahr später auch noch ausliefern können. Wir hatten noch gute Auftragsbücher für das Frühjahr und den Sommer 2020, weil die bereits in 2019 geschrieben wurden. Dieses Auftragspolster haben wir im Augenblick nicht und unsere ganzen Kunden sind auf unbestimmte Zeit – mindestens bis Mitte Februar, vielleicht auch noch länger – geschlossen. Das sind denkbar ungünstige Voraussetzungen. Wenn der Einzelhandel erst im März aufmachen kann, waren die Geschäfte seit Ausbruch der Pandemie in Summe knapp vier Monate lang geschlossen. Schlimmer als es in unserer Branche derzeit zugeht, ist es kaum noch vorstellbar. Es wird vielleicht noch von Reisebüros und Airlines übertroffen, aber die Bekleidungsbranche kommt direkt hinterher.

Welche Wünsche oder Forderungen haben Sie an die Politik?

Ich wünsche mir Licht am Ende des Tunnels seitens der Politik. Wir hängen gerade alle in der Luft und brauchen planbare Szenarien. Die Politik muss konkrete Vorgaben machen, mit welchen Maßnahmen sie auf welche Zahl an Infizierten reagieren will. Schleswig-Holstein hat Kennzahlen gefordert, nach denen man das bemessen könnte. Im Augenblick ist das politische Vorgehen für die Unternehmen sehr schwierig zu greifen. Nun sinken die Werte der 7-Tage-Inzidenz, jetzt wird mit den Mutationen sprichwörtlich die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Wir brauchen eine klare Aussage der Politik. Uns fehlt der Ausblick darauf, wann wir wieder einmal zur Normalität zurückkehren. Es gehören aber auch noch ein paar andere Sachen geregelt.

Zum Beispiel?

Es bräuchte eine Richtschnur seitens der Politik darüber, wie sich Mieter und Vermieter in den nächsten Monaten einigen können. Wir haben überall Ladengeschäfte angemietet, in denen wir derzeit keinen Euro Umsatz machen können. Auch wir haben eine eigene Retail-Struktur mit europaweit 90 Verkaufspunkten. Das sind alles individuelle Absprachen und jeder wartet auf ein Zeichen.

Glauben Sie, dass es solche Regelungen geben wird?

Da bin ich skeptisch. Ich bin auch skeptisch, dass wir in naher Zukunft ein klares Szenario von unserer Politik aufgezeigt bekommen mit konkreten Vorgaben. Da tut sich die Politik schwer. Aber die Politik muss sich im Klaren darüber sein, dass, wenn wir das noch lange so weitertreiben, viele in die Insolvenz gehen werden.

Wenn der Einzelhandel und die Gastronomie zum Teil aufgeben, führt das zu einer furchtbaren Verödung von Innenstädten. Da sehe ich für uns alle eine Beeinträchtigung. Denn trotz aller Online-Einkäufe – am Samstag mal in die Stadt gehen, einen Einkaufsbummel machen und dann mit der Familie zum Lieblingsitaliener gehen, wenn das nicht mehr in gewohntem Maße möglich ist, wird es schwierig für die Städte. Die negativen Auswirkungen der Geisterstädte kann man wunderbar in Amerika beobachten. Ich hoffe sehr, dass wir diese Ausprägungen in Zentraleuropa nicht zu sehen bekommen werden. Denn das wäre schade um die schönen Städte.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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