Nur selten kommt der Liebhaber der Königin der Instrumente in den Genuss, Orgel vierhändig zu hören. In der Besigheimer Stadtkirche erlebten rund 100 Zuhörer Giuliana Maccaroni und Martino Porcile am Sonntagabend in Aktion. Das Orgelduo aus Norditalien spielt sich seit über 20 Jahren an den Manualen die Bälle zu und ist damit berühmt geworden, neben „Orgelklassikern“ bewusst seiner Spielfreude freien Lauf zu lassen und Stücke zu servieren, für die man eigentlich ein ganzes Orchester braucht.
Orgelzyklus Besigheim Orgelduo spielt sich die Bälle zu
Die Zuhörer in der Stadtkirche erleben das Duo Giuliana Maccaroni und Martino Porcile vierhändig in der Reihe „Internationaler Orgelzyklus“.
Auszüge aus Opern sind eine Versuchung
Beide sind Meister darin, für die Orgel umzuschreiben, was ihnen gefällt und so manches Schmankerl hinein zu weben, das der Komponist nicht vorgesehen hat. Auszüge aus Opern sind eine Versuchung für die beiden, der sie nur zu gerne nachgeben. Ihr Programm ist deshalb bunt und unkonventionell. Es bleibt spannend bis zur letzten Zugabe.
Bezirkskantor Tobias Horn legt gerade bei seiner Reihe „Internationaler Orgelzyklus 2025“ Wert auf die stilistische Vielfalt. Er begrüßt es sehr, wenn dynamische Geister wie Giuliana Maccaroni und Martino Porcile den Staub aus den Orgelpfeifen blasen und mit Musik punkten, die eigentlich gar nicht für Orgel geschrieben wurde. Die beiden waren schon einmal zu Gast in Besigheim.
Von der Empore herab bebt das Kirchenschiff gleich am Anfang beim Marsch des Sultans Abdul Medjid von Gioachino Rossini. Der Auftakt gibt die Marschrichtung vor. Von den ganz tiefen Bässen bis in schrille Höhen transportiert das eingespielte Paar Opernklassiker. Das Publikum lässt sich hinreißen zu so manchem spontanen Applaus zwischen zwei Sätzen.
Maccaroni und Porcile halten den Spannungsbogen bis zum Ende durch. Vier Füße fliegen über die Pedale. Vier Hände verzahnen sich auf dem Spieltisch. Da der Weg von der Empore bis hinunter ins bestuhlte Kirchenschiff über zwei Etagen geht, kommt kaum einer in den Genuss, das zu sehen.
Aber: Man kann es hören, wie die Melodien fließen, weil 20 flinke Finger dafür sorgen. Es wird dramatisch mitreißend vor allem bei Rossini, der gleich zweimal als Komponist in Erscheinung tritt. Das Vorspiel zur Oper „La gazza ladra“ zu Deutsch „Die diebische Elster“ geht ebenfalls auf sein Konto. Das hat einen Hintergrund: Rossini ist in Pesaro geboren und lebte in der Stadt am Mittelmeer. Dort leben die beiden Organisten auch.
Neben der italienischen Oper lieben Maccaroni und Porcile moderne Orgelmusik, von denen noch nicht klar ist, ob sie mit dieser Musik ein breites Publikum erreichen. Beide verstehen sich auch als Sprachrohr und helfen gerne Kollegen dabei, bekannt zu werden. Schräg und atonal darf es sein, auch wenn es so manchem dabei eiskalt den Rücken hinunter läuft. Beherzt sagt das Duo ja zu freitonalen Schräglagen.
Der Griff in die moderne Weihnachtskiste
Aus der Suite on famous Christmas Carols greifen die beiden jetzt schon in die moderne Weihnachtskiste von Ralf Bölting. Auch Jean Baptiste Robin gehört zu den 1976 geborenen Organisten, die sich frei machen konnten von der Sucht nach dem Wohlklang. Beide Komponisten schenken dem musikalischen Paar eine Fülle von expressiven Möglichkeiten. Anklänge aus bekannten Melodien flackern auf, werden transponiert, verändert und in einen neuen Kontext gesetzt.
Und so bleibt die Spannung dank einer Mischung aus romantischer Musik, majestätischem Vollklang und freier Tonalität, bis zum Schluss der Beifall los brandet und gar nicht mehr aufhören will.
