Ja, mein Beruf als Palliativmediziner ist erfüllend und befriedigend, auch wenn am Ende ein Mensch stirbt“, sagt Prof. Dr. Jürgen Herbers (61), Arzt in der Hausarztpraxis am Riedbach. Dem sterbenden Menschen zu mehr Lebensqualität ohne Schmerzen zu verhelfen, sei sein Ziel. Seit Anfang der 2000er-Jahre engagiert sich Herbers in der damals noch jungen Palliativmedizin.
Palliativmedizin Pleidelsheim „Dem Sterben mehr Leben geben“
Prof. Dr. Jürgen Herbers ist Palliativmediziner und versucht, todkranken Menschen und ihren Angehörigen Schmerzen und Sorgen zu nehmen, um für mehr Lebensqualität zu sorgen.
Palliativmedizin gibt es erst seit den 1980er-Jahren
Herbers betreut Patienten und ihre Angehörigen, die, so sagt er „austherapiert“ sind. Das heißt, Patienten, deren Tod aufgrund einer Krankheit wie Krebs, Schlaganfall, ALS, einer starken Herzschwäche oder Demenz im Endstadium, voraussichtlich bald bevorsteht. Dass es notwendig geworden war, dass in den 1980er-Jahre die Palliative Care ein eigener medizinischer Bereich wurde, begründet er mit dem Fortschreiten der Medizin. „Die Möglichkeiten der Medizin entwickeln sich immer weiter, sodass es mehr Chancen gibt, intensiv zu behandeln, die Hoffnungen auf Heilung werden größer, aber auch wenn sie nicht mehr groß sind, besteht die Hoffnung, noch einige Zeit mit hoher Lebensqualität leben zu können. Dafür zu sorgen, ist die Aufgabe von uns Palliativmedizinern“, sagt Herbers.
Es ginge nicht darum, das Sterben zu verlängern oder dem Patienten zu ermöglichen noch ein bisschen länger zu leben, sondern „dem Sterben mehr Leben zu geben“, so sagt er. Das sei das Ziel., beispielsweise um noch qualitative Begegnungen oder Gespräche zu ermöglichen und „ein bisschen Freude in dem Rest Leben“. Im Mittelpunkt stehe natürlich der Patient selbst, aber dann kämen gleich die Angehörigen, die „oft mehr leiden als der Patient und den bevorstehenden Tod nicht wahrhaben wollen, den der Patient oft schon akzeptiert hat.“
Die Patienten litten oft unter starken Schmerzen, Luftnot, Appetitlosigkeit und befänden sich in einem seelischen Ausnahmezustand. Viele Beschwerden könne der Palliativmediziner mit Medikamenten, Infusionen, Schmerzpumpen, Atemmasken oder speziellen Verbänden verbessern. „Es ist wichtig, als Palliativmediziner, auch vorausschauend zu planen“, sagt Herbers. „Advance Care Planing“ nenne man das. Eventuell benötigte starke Medikamente wie Morphium oder Valium werden auf Vorrat gehalten.
Viele Beschwerden könnten auch die Palliative-Care-Fachkräfte verbessern und den Angehörigen wertvolle Tipps geben. Eine enge Zusammenarbeit mit den Betreuern und Betreuerinnen, aber auch mit den Angehörigen sei hilfreich.
Der seelische Aspekt ist sehr wichtig
Und hier komme der seelische Aspekt ins Spiel. Der seelische Zustand habe große Auswirkungen auf das medizinische Befinden, deshalb sei „die ganzheitliche Betrachtung äußerst wichtig“. Angst vor Schmerzen und einem qualvollen Tod, so Herbers, könne man den Patienten nehmen, indem man ihnen die medizinische Versorgung genau erkläre. Oft seien es aber Kummer und Sorge um die Angehörigen, die den Patienten quälen. Sehr oft habe er Patienten, die noch auf einen Angehörigen warten oder sich versöhnen wollen. „Genau hinschauen und zuhören“ sei eine große Aufgabe des Palliativmediziners. Manchmal sei nicht die Frage, das große oder kleine Schmerzpflaster zu nehmen, sondern was der Grund ist für den seelischen Schmerz.
Ein großes Thema in dieser letzten Zeit sei das Essen und Trinken. Vor allem die Angehörigen treibe das um. Für sie sei es wichtig, dass der Patient esse oder trinke, weil das die essenzielle Grundlage des Lebens sei. „Aber manchmal ist die Therapie für den Patienten im wahrsten Sinne zum Kotzen“, so Herbers. Viele Krebsarten beispielsweise erzeugten Sättigungsstoffe im Hirn, die zu Sattheit und Übelkeit führen. Diese Beschwerden könne man zwar mit Medikamenten behandeln, aber nicht den fehlenden Appetit. „Sterbende wollen nicht essen und oft auch nicht trinken, sie leben manchmal von nichts“. Der Tod, das müsse man den Angehörigen oft klar machen, käme nicht durch Verhungern oder Verdursten sondern durch die Krankheit. „Zum Essen zwingen ist das Schlechteste, was man machen kann.“.
Oft äußerten die Patienten Wünsche nach einem speziellen Gericht und wenn sie es dann bekommen, wollen sie es nicht mehr, da sei Enttäuschung der Angehörigen vorprogrammiert. Herbers hat aber auch hier Ratschläge für das Essen für Todkranke: „Wenn die Patienten etwas essen wollen, dann sollten es kleine, schön angerichtete Gerichte sein mit frischen Lebensmittel wie Obst oder Gemüse.“ Sterbende reagierten oft sehr empfindlich auf Gerüche.
Soll ein Sterbender trinken oder nicht, wenn er nicht will? „Da muss man ganz genau hinschauen, manchen Patienten hilft das Trinken, manchen geht es danach schlechter“, so Herbers. Es helfe, wenn der Patient eine gute Mundpflege erhalte, um das Trockenheitsgefühl im Mund zu verbessern. „Die Palliative-Care-Fachkraft kann hier die Angehörigen anleiten.“ Ein Stück Eis oder auch gefrorenes Bier, wenn der Patient dies früher gern getrunken hat, zum Benetzen der Lippen sei gut, aber auch Butter, Öl, spezielle Zitronenstäbchen oder Brausestäbchen.
Natürlich gebe es auch Patienten, die absichtlich nicht essen oder trinken, um schneller zu sterben. „Dann kommt es oft zu einem Dämmerzustand, weil sich Giftstoffe ansammeln, auch das sollte man als Arzt begleiten und Beschwerden lindern. Eine Gabe von Cortison führe kurzfristig zu mehr Appetit und weniger Übelkeit, „das sei für Patient und Angehörige eine Zeit des Aufatmens. „Am Lebensende entspannt zu sein, das ist ein großes Ziel“, sagt Herbers. Aber „manchmal kämpft der Patient auch noch gegen den Tod an, will seinen letzten Lebenskampf bestreiten.“ Dann sei die sogenannte „terminale Sedierung“ eine Lösung. Durch sie wird der Patient für zwei bis drei Tage in eine Art Narkose versetzt, kann schlafen, sich beruhigen und die Angehörigen auch. Aber alles müsse man immer mit allen Beteiligten besprechen.
Die Patientenverfügung am besten mit den Arzt besprechen
Um zu wissen, was ein Patient möchte, sei die Patientenverfügung ein wichtiges Dokument. „Jedoch steht in den wenigsten Verfügungen, wie mit Essen oder Trinken verfahren werden soll oder mit der terminalen Sedierung“, so Herbers. Er empfiehlt deshalb, die Patientenverfügung eher mit einem Arzt als mit einem Notar zu verfassen und jeden medizinischen Aspekt einzufügen. In seiner Praxis mache er diese Beratung mit allen Patienten, die eine Patientenverfügung hinterlegen. „Die letzte Zeit eines Menschen so angenehm wie möglich zu machen, macht meine Tätigkeit befriedigend“, sagt Herbers.
Palliativmedizin
Palliativmedizin ist die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer fortschreitenden Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung. Die Linderung von Schmerzen und anderen belastenden Krankheitsbeschwerden, psychischen, sozialen und spirituellen Problemen treten in den Vordergrund.
Palliativmedizin umfasst die Behandlung und Betreuung von Patienten und deren Angehörige. Der Tod soll weder beschleunigt noch hinausgezögert werden. Ziel in der Palliativmedizin ist der Erhalt der bestmöglichen Lebensqualität bis zum Tod. Das bedeutet, die Lebensqualität durch eine Veränderung der aktuellen Situation zu verbessern und Unterstützung bei der Bewältigung belastender Beschwerden und Behinderungen zu geben.
Die moderne Palliativmedizin entstand Ende der 1960er-Jahre, maßgeblich geprägt durch Cicely Saunders, die 1967 das St. Christopher’s Hospice in London gründete. Das Konzept entwickelte sich als Antwort auf die unzureichende Behandlung sterbender Patienten. Die erste Palliativstation in Deutschland eröffnete 1983 in Köln. 1994 wurde die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin gegründet. Seit 1997 gibt es das Curricula „Palliativmedizin“ für Studenten der Humanmedizin. Für Ärzte, Pflegepersonal, Sozialarbeiter und Seelsorger gibt es eine Aus- und Weiterbildung. Seit 2012 ist die „Palliativmedizin“ offizielles Prüfungsfach. Fachärzte können im Rahmen einer spezialisierten Weiterbildung die Zusatzbezeichnung „Palliativmedizin“ erwerben. Die Charta zur Betreuung Schwerstkranker und Sterbender wird 2010 publiziert.
Prof. Dr. Jürgen Herbers, der seine Praxis in Pleidelsheim hat, ist ausgebildeter Palliativmediziner und arbeitet seit 2009 in diesem Bereich sowie in der ökumenischen Hospizgruppe Pleidelsheim und in der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) des Landkreises Ludwigsburg, die er mitbegründete.
Im Kreis Ludwigsburg gibt es das Team der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV), das dem Klinikum Ludwigsburg zugeordnet ist, das auch Träger ist, seit 2005. Das SAPV arbeitet mit Kooperationspartner vor Ort zusammen wie den Diakonie- und Sozialstationen sowie den Ärzten mit Zusatzausbildung Palliativmedizin.
