Patientenversorgung – Wie viele Ärzte braucht die Region? (Teil 2) Maitra: „Bedarfe müssen neu definiert werden“

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Dr. Carola Maitra.⇥ Foto: Helmut Pangerl

Die Vorsitzende der Ärzteschaft fordert mehr Ärzte in vielen Bereichen.

Was sagen die Ärzte zur Versorgung im Landkreis? Die BZ hat die Vorsitzende der Ärzteschaft Ludwigsburg, Dr. med. Carola Maitra, dazu befragt.

Wie bewerten Sie die die aktuelle Situation?

Dr. Carola Maitra: Die Bedarfsplanung ist keine Planung aufgrund des echten Bedarfs, sondern setzt die Zahl von Ärztinnen und Ärzten, die in den 1990er-Jahren zugelassen waren, als Bedarf. Damals bestand ein vermeintlicher Ärzteüberschuss, wie er sich derzeit sicher in den allermeisten Bereichen der Medizin nicht mehr darstellt.

Die Medizin ist vielfältiger und differenzierter, die Menschen sind älter geworden. Die Bedarfe müssen neu definiert werden. Insofern ist auch aus unserer Sicht nachvollziehbar und wird gefordert, dass in vielen Bereichen die Zahl der Kassenarzt-Sitze erhöht werden muss, um dieser Entwicklung gerecht zu werden.

Wie könnte man das ändern?

Die Bedarfszahlen müssen anhand des tatsächlichen Bedarfs neu bestimmt werden. Hierbei ist auch eine bessere Verteilung zwischen ländlichen und städtischen Bereichen sowie die Alters- und Morbiditätsstruktur der Bevölkerung zu berücksichtigen, also die Krankheitshäufigkeit in Bezug auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Klar ist aber auch, dass eine bessere Versorgung nicht ohne eine Erhöhung der Mittel geleistet werden kann. Medizinische Versorgung ist gesellschaftliche Daseinsfürsorge und muss entsprechend honoriert werden.

„Versorgungsschlüssel mit vielen Problemen behaftet“

Ist die Bedarfsplanung aus Ihrer Sicht zukunftsfähig?

Der Versorgungsschlüssel ist mit vielen Problemen behaftet. Die Kostenreduktion kann doch aber nur eine nachrangige Zielgröße sein. Als erstes Ziel mit einer hohen gesellschaftlichen Priorität ist doch für den einzelnen Menschen wichtig, ob ausreichende ärztliche Versorgung vor Ort ist.

Sicher sollten hier weitere Alternativen entwickelt werden, die neben der Struktur, dem Alter und der Morbidität der zu versorgenden Bevölkerung auch deren Wünsche miteinbezieht. Denkbar ist auch, dass weitere finanzielle Anreize gesetzt werden, um eine Niederlassung in unterversorgten Gebieten zu unterstützen.

Würden Ärzte Konkurrenz fürchten, wenn jeder dort eine Praxis aufmachen könnten, wo er möchte?

Beim derzeitigen Ärztemangel sehe ich weniger Gefahren einer großen Konkurrenz. Tatsächlich zeigt sich aber, dass eine Konzentration vieler Ärztinnen und Ärzte in den städtischen Zentren und weniger in den ländlichen Bereichen stattfindet.

„Ein Tropfen auf dem heißen Stein“

75 Studienplätze in Baden-Württemberg gehen seit Kurzem an Studierende, die sich verpflichten, künftig zehn Jahre lang als Landarzt zu arbeiten. Was halten Sie von dieser Quote?

Sie kann nur ein ergänzendes Instrument sein. Sie birgt in sich nicht wenige Schwierigkeiten: Was passiert, wenn ein junger Mensch nach Jahren feststellt, dass er doch nicht auf dem Land arbeiten möchte? Außerdem sind die 75 Studienplätze nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein und werden erst nach etlichen Jahren wirken – eine Lösung der Probleme kann damit also nicht erwartet werden.

Hintergrund: Auch Verbraucherschützer „für mehr Wettbewerb“

Für die Verbraucherzentrale Stuttgart steht fest: Patienten sollten in vernünftiger Zeit einen Termin beim Arzt bekommen. Es könne nicht sein, dass es längerfristig zu langen Wartezeiten komme, sagt Peter Grieble, Leiter für Versicherung, Pflege und Gesundheit. Mittelfristig gebe es Auswege über den Terminservice oder auch die Möglichkeit, auf andere Praxen auszuweichen.

Hinter dem Verteilungsschlüssel stehen Grieble zufolge verschiedene Interessen – die regionale Konkurrenz und die wirtschaftlichen Interessen der Ärzte. „Nirgends steht geschrieben, dass die Niederlassung von Ärzten geplant werden muss“, sagt Grieble. Das, was bei einem Schreiner funktioniere, könne auch auf Ärzte übertragen werden. Bislang „ist der Gesundheitsmarkt ziemlich geschützt“. Innerhalb des bestehenden Qualitätsrahmens könne aber auch hier, wie beim Handel, Wettbewerb ermöglicht werden. „Der starke Arzt hat damit kein Problem“, ist sich Grieble sicher.

Die neue Quote für Medizin-Studenten, die sich für zehn Jahre als Landärzte verpflichten, verhindere eher einen Wettbewerb. Grieble plädiert jedoch dafür, diesen zunächst zuzulassen und erst später zu steuern. „Ich hätte es gern, dass die qualifiziertesten Bewerber Medizin studieren können“, sagt Grieble. Dabei sollte nicht der beste Anreiz entscheiden. Denn das könnte auch Probleme verursachen.

 
 
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