„Es ist mir ein inneres Konfettikanönchen“, begrüßte Patrick Salmen sein Publikum am Dienstagabend im Scala in Ludwigsburg. Der wortgewandte Autor mit dem schwarzen Humor und den urkomischen Alltagsbeobachtungen ist in den letzten Zügen seiner Lesetour zu seinem neusten Buch „Yoga gegen Rechts“. Sowohl das Buch als auch die Lesereise an sich unterscheiden sich von den bisherigen. Inhaltlich ist „Yoga gegen Rechts“ deutlich persönlicher als Salmens bisheriges Werk. Und die Tour wird wohl seine letzte sein, die Show in Ludwigsburg die drittletzte überhaupt.
Patrick Salmen in Ludwigsburg „Es ist mir ein inneres Konfettikanönchen“
Autor und Humorist Patrick Salmen las am Dienstagabend im Scala aus seinem neuen Buch „Yoga gegen Rechts“.
Ein „Satire-Büchlein“
Bei „Yoga gegen Rechts“ soll es sich um ein „Satire-Büchlein“ handeln, sagt Salmen. In Buchläden werde es allerdings oft in der Esoterik- oder Ratgeberecke eingeräumt. Und doch – oder genau deshalb – sei es das Buch, das sich am besten verkaufe, so Salmen. Daher konnte es in Ludwigsburg bei seinem Buchstand auch nicht erstanden werden, es sei schlichtweg vergriffen. „Das nächste nenne ich Bestseller“, kündigte der Autor auf noch bessere Verkaufszahlen spekulierend an und lachte. Dazu wird es allerdings nicht kommen. Es war bereits bekannt, auf der Bühne des Scala wiederholte er es mit Worten des Danks für seine treuen Fans nochmals: Der 40-Jährige geht nach 15 Jahren im Rampenlicht in den Ruhestand – zumindest als Autor und Person des öffentlichen Lebens. „Ich hatte großes Glück vom Schreiben, Lesen und Touren leben zu können“, er wolle nun aber etwas anderes machen. Er habe in der jüngsten Vergangenheit mit Depressionen zu kämpfen gehabt, sein Besuch in Ludwigsburg wurde deshalb mehrfach verschoben. Er brauche nun Struktur und einen Alltag, das sei mit dem Tourleben nicht vereinbar.
In seinem wohl letzten Werk lässt er tief blicken. In Ludwigsburg liest er sechs seiner für ihn so typischen Kurzgeschichten. „So ihr Flitzpiepen, ich bin ’ne wilde Maus und fang’ mit der ersten Geschichte an“, sagt der Vater zweier Kinder und erzählt von seinem ersten Elternabend. Rund 17 Frauen namens Birte kommen darin vor, Lastenräder schlecht weg und zu einem Elternstammtisch sagt er rigoros nein, wird jedoch zum Schriftführer erklärt. Mit seiner angenehmen Stimme und abwechslungsreichen Satzmelodien unterhält Patrick Salmen sein Publikum vorzüglich. Auch die Interaktionen machen sichtlich beiden Seiten Spaß.
Geschichten zwischen Geschichten
Einen Podcast habe er nicht, da er außerhalb der Bühne nicht so geschwätzig sei. Dafür auf der Bühne umso mehr, stellt auch das Scala-Publikum fest. Zwischen den gelesenen Geschichten erzählt er noch mehr Geschichten, die es in keines seiner Bücher geschafft haben, aber Potenzial dafür hätten. So berichtet er unter anderem von einer „Babyschau, einer Babyvernissage“ zu der er eingeladen war und resümiert zu Babys: „Glatze, können nichts, schreien herum – also Nazis“. Nur beim eigenen Nachwuchs sei es natürlich anders.
In den Kurzgeschichten schneidet Salmen seine Scheidung an, seinen Vater, dessen Generation nie gelernt habe, Gefühle zu zeigen, und auch mit seiner Depression geht er offen um. Den ersten stationären Klinikaufenthalt vor drei Jahren habe Papa Salmen mit den Worten „Toi toi toi“ kommentiert. Über das Datingleben auf Tinder und Konsorten liest Salmen und berichtet über zahlreiche Kontakte zu siebenfachen Müttern, dem Variieren der Suchfilter, Konversationen, die mit „lieb’s“ enden.
Nach der Pause liest er einen „nachgereichten Text“, wie er sagt. Er berichtet von Kindheitserlebnissen und damals unerkanntem Alltagsrassismus. „Traurig aber wahr: Wir werden Faschismus nicht mit (Aggro-)Yoga besiegen“, so Salmen. Jeder müsse sich selbst stets hinterfragen, nur das könne helfen.
Salmen schafft es, in 2,5 Stunden zwischen ernsten Themen und humoristischen Erzählungen zu changieren. Kehrt nach dem ernsten, etwas drückenden Rassismus-Einschub fast nahtlos zu irre komischen, belauschten Café-Gesprächen und einem Text über seine Psychotherapeutin und sein Dankbarkeitstagebuch zurück. Der wilde Ritt durch die Themen wirkt ungezwungen. Es kann für die Ludwigsburger Show eigentlich nur ein Resümee geben: „Lieb’s.“ Heidi Falk
