Schon von Weitem ist zu hören – der Alltag hat eine Pause eingelegt. Laute Musikfetzen treiben über das Gelände des Bietigheimer Pferdemarktes unter dem Enzviadukt, Fahrgäste kreischen in luftiger Höhe, Stimmengewirr an allen Ecken und Enden. Dazwischen mischt sich der Duft von gebratenen Göckele, Churros und Langos. Hinzu kommt dieses Geräusch, ohne das der Pferdemarkt nur halb so viel Pferdemarkt wäre: das dumpfe, schnelle Schlagen von Hufen auf dem Turnierplatz.
Pferdemarkt Bietigheim-Bissingen Fest zwischen Hufen und Höhenrausch
Ein Gang über das Festgelände des 90. Bietigheimer Pferdemarktes: unter dem Enzviadukt, bei den Pferden sowie Fahrgeschäften – und dichtem Gedränge.
Fest zieht seit Generationen Menschen an
Wer sich auf einen Gang über das Festgelände macht, merkt schnell, warum dieses Fest seit Generationen die Menschen anzieht. Rummel und Rösser, Spitzensport und Krämermarkt, Festzelt und Familienausflug liegen hier nur wenige Schritte voneinander entfernt. Zum 90. Mal wird der Pferdemarkt gefeiert – und dennoch wirkt er nicht wie ein Fest, das in die Jahre gekommen ist.
Der Weg führte am Wochenende zunächst dorthin, wo der Name Programm ist: zum Reitturnier hinter dem Enzviadukt. Auf dem Parcours herrschte eine ganz andere Konzentration als wenige Meter weiter zwischen den Fahrgeschäften. Die rund 80 Reiter traten über das Wochenende mit ihren 450 Pferden, untergebracht in 90 Stallzelten, in neun Springprüfungen der Klasse S und weiteren 20 Springprüfungen an. Es ging, wie jedes Jahr, um Geld- und Sachpreise im Wert von mehr als 50.000 Euro, um den Großen Preis der Stadt und um die Qualifikation für das Hallenchampionat. In Bietigheim ist jedes Jahr beim Pferdemarkt die baden-württembergische Landesspitze am Start.
Doch der Pferdemarkt gehört nicht allein den großen Sportpferden. Beim Tag der Shetland-Ponys am Samstag ging es schon morgens kleiner, wuscheliger und wuseliger zu – und mindestens ebenso publikumswirksam. Halter aus mehreren Bundesländern präsentierten ihre Ponys. Vor allem die jüngeren Besucher blieben stehen, schauten und staunten.
Ein paar Schritte weiter änderte sich die Geräuschkulisse schlagartig. Eine der spannendsten Neuheiten des diesjährigen Pferdemarktes ist der „Airwolf“. Schon seine Gestaltung macht deutlich, wohin die Reise geht. Raumfahrt, Weltall und Science-Fiction bestimmen Ton und Optik des Fahrgeschäfts. Aus dem absenkbaren Podium erhebt sich der Hauptmast, an dem ein 22 Meter langer, nach vorne geneigter Gondelarm rotiert. Die Gondel kann sich sowohl motorisch als auch frei schwingend um ihre Längsachse drehen – bis zu 360 Grad. Dabei bewegen sich die beiden Gondelteile unterschiedlich. Wer unten steht und zusieht, bekommt schon vom Zuschauen weiche Knie. Wer oben sitzt, dürfte Bietigheim für einige Sekunden aus einer Perspektive kennenlernen, die er so schnell nicht vergessen wird.
Pferdemarkt setzt sich aus kleinen Szenen zusammen
Nebenan kommt es bei den Boxautos für eine Familie zu einer kleinen Verhandlung. Ein etwa zehnjähriges Mädchen zeigt begeistert zu den Autos. Die Mutter kann kaum glauben, wohin ihre Tochter möchte: „Da willst du mitfahren? Echt jetzt?“ Vermutlich dauert es nicht mehr lange bis zum Ticketkauf. Aber es ist eine jener kleinen Szenen, wie sie sich an diesem Wochenende hundertfach abspielen – und die zeigen, dass der Pferdemarkt eben auch ein großes Familienfest ist.
Überhaupt sind es die Menschenmassen, die das Bild prägen. Am Samstag und Sonntag schiebt sich der Strom dicht, aber erstaunlich geordnet durch Vergnügungspark und Krämermarkt. Dass die S-Bahn aufgrund von Brückenarbeiten von Ludwigsburg nicht nach Bietigheim fuhr, tat dem Ansturm keinen Abbruch. Kinder zogen ihre Eltern zum nächsten Fahrgeschäft, Jugendliche schlenderten lautstark von Bude zu Bude und ältere Besucher suchten sich ihren Weg in Richtung Festzelt.
Wer dem Strom Richtung Japangarten, Holzgartenstraße und Forsthausstraße folgt, landet mitten im Krämermarkt, dessen rund 120 Stände auch noch am Montag bis 20 Uhr geöffnet haben. Die Auslagen sind von Stand zu Stand verschieden: Haushaltswaren und Kleidung, Wolle, Süßwaren, Gewürze, Kräuter, Tee, Honig und Schmuck. Man bleibt hier stehen, probiert dort und entdeckt plötzlich etwas, von dem man fünf Minuten zuvor noch nicht wusste, dass man es braucht.
Wenn sich der Hunger meldet, weist der Duft zum Festzelt, Ausschank und den Imbissständen. Göckele gibt es ebenso wie Kartoffel-Twister und Pommes. Dazu kommen neben dem Festzelt mit seinen rund 3000 Plätzen unter anderem die Reiteralm und der Dreschschuppen. Das kulinarische Angebot ist so vielfältig wie das Fest selbst.
Im Festzelt wartet dabei eine eigene Welt. Beim Seniorennachmittag am Samstag wird gegessen, viel gesungen und viel gelacht. Aber je später der Tag, desto mehr verändert sich die Stimmung im Festzelt. Wo am Nachmittag noch gemütlich zusammengesessen wird, rücken am Abend Musik und viel Geselligkeit in den Mittelpunkt. Die Reihen füllen sich, an den Tischen wird angestoßen, auf den Bänken stehend mitgesungen und vor der Bühne getanzt. Draußen drehen sich die Fahrgeschäfte weiter und die Lichter des Vergnügungsparks leuchten unter dem Viadukt, drinnen wird das Festzelt zum Treffpunkt für alle, die den Pferdemarkttag noch lange nicht ausklingen lassen wollen.
Der Rundgang führt dann noch hinauf zu den Parkplätzen der Gymnasien, wo die Besucher die Ausstellung „Heim & Garten“ erwartete. Hier gab es an zwei Tagen jede Menge zu entdecken und natürlich auch zu stöbern. 21 Markthändler präsentieren auf rund 1600 Quadratmetern Nützliches und Interessantes für Haus und Garten – und auch Hobbyhandwerker kamen auf ihre Kosten – ein Angebot als schöne Ergänzung zum bunten Programm des Pferdemarktes.
Am Ende des Rundgangs führt der Weg über den Festplatz hinaus aus dem Gedränge. Hinter einem liegen das Klirren der Gläser und Brutzeln der Imbissstände, die Musik der „Partyfürsten“ aus dem Festzelt, der Duft von Gebratenem und die Stimmen Tausender Besucher. In allem birgt der Bietigheimer Pferdemarkt ein Geheimnis. Er ist weder nur Reitturnier noch nur Rummel, weder nur Krämermarkt noch nur Volksfest. Er ist von allem etwas – und für viele längst ein Stück Heimat auf Zeit. So prägt der Pferdemarkt seit vielen Jahrzehnten das Leben der Stadt.
