Pflegepersonal in Seniorenheimen Pflegekräfte am Limit

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Der Kontakt mit den Heimbewohnern sei das Wichtigste, sagen Carolin Koch (links) und Ann-Cecile Blattert vom Ingersheimer Karl-Ehmer-Stift.⇥ Foto: Fotos: Werner Kuhnle

Der zweite Lockdown ist eine Herausforderung für Seniorenheime. Ein Gespräch mit Pflegekräften aus dem Kleeblatt-Heim in Bönnigheim und dem Karl-Ehmer-Stift in Ingersheim.

Wenn das hier alles irgendwann vorbei ist, wünsche ich mir, mit meinem ganzen Team einen Abend beim Essen zu verbringen“, sagt Sabrina Winter (32), Pflegekraft und Pflegedienstleistung im Kleeblatt-Pflegeheim in Bönnigheim. Denn aufgrund von Corona müssen Pausen alleine verbracht werden, privater Kontakt mit Kollegen – Fehlanzeige. Pflegefachkraft Carolin Koch (24) aus dem Karl-Ehmer-Stift der Evangelischen Heimstifung in Ingersheim wünscht sich „einen ausgelassenen Abend mit ganz vielen Freunden“.

Privatleben ist eingeschränkt

Seit Beginn der Corona-Epidemie ist nicht nur das Berufsleben in den Altersheimen anders geworden, auch die Privatleben der Mitarbeiter sind stark eingeschränkt, zum Großteil sogar auf freiwilliger und persönlicher Basis. „Keine will diejenige sein, die das Virus ins Heim oder aber vom Heim in die Familie trägt“, sagt Winter, die seit April nur ihre Schwester sah und ihre Mutter, mit der sie in einem Haus wohnt. „Andere Familienmitglieder habe ich aus Schutzgründen nicht getroffen.“ Auch Ann-Cecile Blattert, Wohnbereichsleiterin im Karl-Ehmer-Stift, trifft sich kaum noch mit Freunden. „Ich kenne niemanden, der hier im Haus arbeitet, der sich privat nicht stark eingeschränkt hat“, sagt sie.

In beiden Heimen gab es zwar – wenige – Infizierungen von Mitarbeitern, aber keine bei den Bewohnern. Zwar sind derzeit ebenfalls in beiden Heimen Bewohner isoliert, weil sie Kontakt mit infizierten Mitarbeitern hatten, aber: „Das Haus läuft“, sagt Blattert. Man habe mittlerweile, so sagt sie, Routine im Alltag, der voller Überraschungen sei. „Wir haben gelernt, viel flexibler zu sein“, sagt sie. Auch in Bönnigheim weiß man zu Dienstbeginn oft nicht, was einen erwartet. „Wie an diesem Morgen, da mussten wir halt spontan die Schichten teilen, weil wir Bewohner in Isolation haben.“ Eine Hälfte der Kollegen betreut nur die isolierten Bewohner, die andere Hälfte die nicht isolierten.

Obwohl der Tagesablauf läuft, sei man „angespannter“, darin sind sich die drei Pflegekräfte einig. Vor allem die Sorge, ob man das Virus habe oder nicht, „macht einen fertig“, sagt Koch. „Irgendwie dreht sich alles um diese Sorge“, sagt auch Winter. Da werden die künftigen Corona-Schnelltests in den Pflegeheimen etwas mehr Sicherheit bringen.

Während des Gesprächs mit der BZ im Karl-Ehmer-Stift kommt der Ingersheimer Arzt Dr. Holger Loibl mit zwei Kräften des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Heimleiterin Kerstin Wulle hat ein Zimmer als Testraum umfunktioniert. Loibl unterweist an diesem Tag die DRK-Kräfte und das Hauspersonal im Umgang mit dem Schnelltest. Das DRK unterstützt die Durchführung der Schnelltests an Personal, Besuchern und Bewohnern, die nun mehrmals die Woche durchgeführt werden sollen.

Schnelltestung beginnt

Auch in den Kleeblatt-Heimen soll demnächst mit der Schnelltestung begonnen werden, sagt Sabrina Winter. Die Tests seien bestellt, aber noch nicht geliefert worden. Dann sollen sie von den Pflegekräften, die darin geschult werden, durchgeführt und ausgewertet werden. Wieder zusätzliche Arbeit. „Corona bringt uns halt schon an unser Limit“, sagt Blattert. Dienstpläne müssen kurzfristig neu gemacht werden, Dokumentationen angepasst werden. „Zeit, die wir nicht haben“, so Blattert. Da fällt dann halt so manche Überstunde an. „Jede zusätzliche Arbeit ist zuviel und nimmt uns Zeit, die wir mit den Bewohnern verbringen könnten“, sagt sie.

„Oft sitze ich abends bei den Bewohnern und singe durch die Maske und mit Abstand mit ihnen“, sagt  Carolin Koch. Im ersten Lockdown haben alle Heime mehr Aktivitäten für die Bewohner, die keinen Besuch haben durften, aber auch nicht raus konnten, eingeführt. „Der fehlende Besuch war da meist kein Problem, aber dass die Bewohner nicht raus konnten, spazieren gehen oder kurz einkaufen, das verstanden viele nicht“, sagt Sabrina Winter.

Hinzu kommen seit Pandemiebeginn unzählige Telefonate mit den Angehörigen. „Jeder will natürlich wissen, wie geht es meinem Verwandten, wann kann ich ihn besuchen, das nimmt viel Zeit in Anspruch“, sagt Winter. Corona, so Blattert, habe viele zusätzliche Aufgaben für die Pflegefachkräfte gebracht: Mehrmaliges tägliches Fieber messen oder das Anziehen der Schutzanzüge, die nach jedem Zimmer ausgetauscht werden müssen. „Man kann durchaus sagen, dass die Person, die die Isolierzimmer betreut, nur damit beschäftigt ist, sich an- und auszuziehen“, sagt Blattert.

Das Schlimmste aber, so sagen die drei Frauen unisono, ist das ständige, stundenlange Tragen der FFP-2-Masken. Deshalb wurden für die Mitarbeiter Atempausen mehrmals am Tag verordnet. Das Atmen sei sehr anstrengend, so Carolin Koch. Zudem seien viele Bewohner verunsichert, das sie nur die Augen der Pflegekraft sehen. „Sie bekommen schon keine Umarmungen mehr, und dann sehen sie auch noch nicht mal ein Lächeln“, sagt sie und hat Tränen in den Augen. „Mir tut das schon weh, dass die Bewohner das ertragen müssen, dafür verzichte ich auch auf private Treffen“, so die junge Frau.

Sabrina Winter erzählt auch von Mitarbeiterinnen, die von den Masken schlimme Abdrücke und sogar Entzündungen auf Nase oder Kinn bekommen haben. „Dass es uns oft schwindlig wird, ist mittlerweile normal“, sagt sie.

Dennoch seien alle Mitarbeiter voll motiviert, die Bewohner zu schützen. „Wir reden viel mit den Bewohnern, und dann relativiert sich alles, wenn ich höre, was sie schon durchgemacht haben, Kriege, Hunger, andere Pandemien, haben Kinder verloren, da ist das Masketragen ein leichtes“, sagt sie. Eine Bewohnerin warte schon immer auf sie, um mit ihr zu politisieren. „Sie diskutiert so gerne mit mir über die US-Wahlen, da kann ich noch was lernen“, sagt Winter, die von einem anderen Bewohner Italienisch lernt. „Es ist so befriedigend, wenn sich Bewohner freuen“, sagt Carolin Koch, „dass wir so viel zurückbekommen, ist die ganze Mühe wert“.

 
 
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