PKC Freudental Brennende Lichter zum Gedenken

Von Susanne Yvette Walter
Prof. Karl Josef Kuschel referiert über „die Flammenschrift“ mit dem Text von Heinrich Heine. Foto: /Oliver Bürkle

„Flammenzeichen an der Wand“ heißt die Veranstaltung zur Erinnerung an die Pogromnacht.

Im Pädagogisch Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge (PKC) gestalten eine Pianistin, ein Literatur- und Religionswissenschaftler und ein Bildhauer und Fotograf die Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht im Jahr 1938 mit dem Titel „Flammenzeichen an der Wand – jüdische Motive im Spiegel von Literatur, Bildender Kunst und Musik“. Die Akteure sind keine Unbekannten, sondern füllten bereits andere Gedenkabende im PKC mit Impulsen zum Pogrom: Professor Dr. Karl-Josef Kuschel, Pianistin Babette Dorn und Bildhauer Rudolf Kurz.

Lichter erinnern an die Flammennacht 1938

Mit „Flammenzeichen an der Wand“ titelt die Gedenkstunde deshalb, weil sich jeder Besucher am Ende auf seinem Weg im Vorbeigehen ein brennendes Grablicht mitnehmen und an der Hauswand der ehemaligen Synagoge abstellen konnte. Die Lichter sollen daran erinnern, dass diese Synagoge wie 1400 andere im Deutschen Reich am 9. und 10. November 1938 geschändet wurden. „1933 im Mai sind die Bücher verbrannt worden, 1938 sind die Synagogen verbrannt worden und anschließend die Menschen“, sagt Michael Volz, einer der beiden Leiter des PKC.

Er berichtet am Ende vom Tagesgeschehen am 10. November 1938: „Hier in Freudental war das so, dass die SA, die Sturmabteilung aus Ludwigsburg erst am Nachmittag des 10. Novembers hierher kamen, nachdem sie in Ludwigsburg die Synagoge dem Erdboden gleich gemacht hatten. Die Nachbarn warnten, dass eine Synagoge in Flammen das ganze Dorf zerstören würde.“ Daraufhin, so Volz, zerstörten die SA-Leute „nur“ das Innenleben und das Dach der Synagoge. Sie trugen alles auf dem Sportplatz und verbrannten es dort“, erzählt Michael Volz weiter und hält fest: „Während die Einrichtung der Freudentaler Synagoge brannte, mussten jüdische Männer knieend vor dem Feuer Lieder singen.“ Anschließend habe man die Kinder vom Bund deutscher Mädel gezwungen, Steine durch die Fenster zu werfen. Die Frauen sollten den entstandenen Schaden putzen, so der PKC-Leiter.

An den Wänden der ehemaligen Synagoge hängen Schwarz-Weiß-Fotografien vom jüdischen Leben in Freudental, entstanden im Sommer 1938 kurz bevor die Synagoge geschändet wurde. Wer die Galerie betrachtet, sieht gelöste Gesichter mitten im Leben in alltäglichen Situationen. „Die Sammlung von Erich Sonnemann, nach der Migration nach Amerika Eric Suneman, gehört zu unseren Schätzen und ist zum Mitnehmen verewigt in einem eigenen Buch“, so Volz.

Den Gedenkabend umrahmt und gestaltet Pianistin Babette Dorn sehr fein mit ausgewählter Musik, beginnend mit einem Präludium in e-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy. Sie steigert ihren Vortrag bis zum „Lied eines fahrenden Gesellen“, ein Werk von Gustav Mahler, auf das er schließlich seine erste Sinfonie aufbaut. Das „Lied eines fahrenden Gesellen“, beschreibt die tragische Situation des Rückzugs aus dem irdischen Leben. Eine traurig endende Liebesgeschichte, die dem reisenden Müllersburschen den Lebensmut raubt, ist schuld. Er stirbt unter einem Lindenbaum, wo ihn der Schnee zudeckt. Babette Dorn verharrt in den absterbenden Tönen.

Ein „Kaddisch“ von Maurice Ravel

Wohl ausgewählt erklingt dazwischen ein „Kaddisch“ nach einer Komposition von Maurice Ravel. Ein Kaddisch ist eines der wichtigsten Gebete im Judentum mit Musik, vergleichbar mit dem christlichen Vaterunser. Dazu zeigt und beschreibt Rudolf Kurz Bilder vom Erinnerungsdenkmal auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Hailfingen/Tailfingen.

Pianistin Babette Dorn greift tief in die Auswahl an Werken für diesen Anlass – mit „Elohenu“ des in Worms geborenen Komponisten Friedrich Gernsheim und mit „Hebräischem Gesang“ aus dem Jahr 1881.

Worms wird großes Thema an diesem Abend mit seiner wohl ältesten Synagoge Deutschlands Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel zeigt die Verbindung von Kunst- und Religionsgeschichte, wagt Vergleiche zum Christentum und zeigt seinem Publikum, welchen Dialog Dom und jüdischer Friedhof in Worms eingehen. Zum Thema erhebt Kuschel auch „Die Flammenschrift“ mit dem Text „Belsazar“ von Heinrich Heine und lässt Interpretationen einfließen zur „Flammentür“ in der Kirche von Langenburg im Hohenlohischen.

 
 
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