Sprache ist wichtig. Ob in Kinderklassikern wie Pippi Langstrumpf oder Jugendbücher wie die von Karl May. Die Diskussion, welche Formulierungen noch zeitgemäß sind, und ob die Figuren ableistische, misogyne oder rassistische Stereotypen darstellen werden in der Buchbranche immer stärker geführt. „Mittlerweile lesen immer häufiger Sensitivity Reader die Bücher vor der Veröffentlichung. Das ist ein gute Entwicklung“, erklärt Jessica Mawuena Lawson. Die aus Pleidelsheim stammende Lawson hat bereits selbst als Sensitivity Readerin gearbeitet. Dabei prüft sie Texte zum Beispiel auf rassistische Stereotype und zeigt problematische Stellen auf. Anfang des Jahres hat sie zudem ihren Debütroman „Kekeli“ veröffentlicht.
Pleidelsheim Ein Roadtrip durch die Schwarze Geschichte
Die Autorin Jessica Mawuena Lawson aus Pleidelsheim hat ihren Debütroman „Kekeli“ veröffentlicht. Sie arbeitet zudem als Integrationsmanagerin und Sensitivity Readerin.
Die Arbeit der Sensitivity Reader beginnt meist mit einer Anfrage der Autoren, die noch einen gesonderten Blick auf das Buch nach dem Lektorat bekommen möchten. „Als Sensitivity Readerin kann jeder mit einer Marginalisierung arbeiten. Denn das sind die Erfahrungsexperten für diverse Themen“, sagt Lawson. Dabei geht es nicht nur um Texte, auch die Bildsprache kann ein Thema sein. „Welche Kinder werden zum Beispiel ohne Schuhe dargestellt und warum?“ Sie selbst hat Bücher unter dem Aspekt Rassismus als Sensitivity Readerin gelesen.
Zwei Varianten des Sensitivity Readings
Als Afro-Deutsche mit togolesischen Wurzeln kann sie mit einem zusätzlichen Blickwinkel auf die Texte eingehen. „Es gibt zwei Optionen: Entweder man liest den ganzen Text und fügt dann Notizen hinzu, so wie beim Lektorat. Allerdings sind diese Notizen nur Ratschläge. Die Autoren müssen das nicht übernehmen“, erklärt Lawson. Es gebe aber auch Sensitivity Readings bei denen man nur bestimmte Textstellen erhalte. Das sei meist dem Zeitdruck geschuldet, häufig aber die schlechtere Variante, sagt Lawson. „Denn es kann ja sein, dass es noch relevante Stellen gibt, die das Lektorat oder der Autor selbst nicht entdeckt haben.“
Literatur spielt in Jessica Mawuena Lawsons Leben schon von frühester Kindheit an eine wichtige Rolle. „Täglich hat mir meine Mutter eine Stunde lang vorgelesen. Das war immer ein schönes Zusammensein und so habe ich Lesen immer als etwas Positives gesehen“, sagt sie. Denn gerade beim Lesen habe man Zeit. „Als Lesende begleitet man die Figuren über Stunden. Man findet über die Geschichte zu eigenen Bildern. Das macht die Literatur so besonders“, schwärmt Lawson.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Literaturwelt sie nie wirklich losgelassen hat. Nach dem Abitur auf der Oscar-Paret-Schule in Freiberg ging es zum Ethnologie-Studium nach Tübingen. Nachdem Bachelor-Abschluss folgte ein Volontariat im Arena Verlag in Würzburg. „Das war zu einer Zeit, als die Black-Lives-Matter-Bewegung groß wurde“, erzählt Lawson. So kam sie zum Sensitivity Reading.
Mit ihren Debütroman „Kekeli“ wagte sich die 28-Jährige noch weiter in den Literaturbetrieb. „Die Geschichte hatte ich schon viele Jahre mit mir herumgetragen“, sagt Lawson. Als sie für ihre Bachelorarbeit ein halbes Jahr in Togo war, kam die Idee für den Roman auf. „Eigentlich wollte ich über Haare in meiner Abschlussarbeit schreiben, aber dann fand ich den Blick der jungen Togelesinnen auf Europa interessant“, erinnert sich Lawson.
Ein Roadtrip von Süddeutschland nach Berlin
In „Kekeli“ begibt sich die gleichnamige Hauptfigur, eine afro-deutsche Jugendliche kurz vor dem Abiball auf einen Roadtrip von Süddeutschland nach Berlin. Unterwegs ist sie dabei unter anderem mit ihrer Cousine Afi, die gerade aus dem Togo zu Besuch in Deutschland ist.
Um Material für eine Doku über das Leben Schwarzer Menschen in Deutschland zu sammeln, sind Kekeli und Afi gemeinsam mit den Brüdern Kwame und Kofi unterwegs. Lawson nimmt die Leser und Leserinnen mit in die Gefühlswelt von Kekeli, die nach der eigenen Zugehörigkeit sucht, erzählt wie es sich in einer Schule anfühlt, in der es nur wenige Schwarze Schülerinnen gibt. Lässt Kekeli sich langsam an ihre Cousine Afi annähern und sie verstehen. Mit Kwame wird in „Kekeli“ auch eine Liebesgeschichte erzählt. Und was hat es mit dem Familiengeheimnis auf sich, das Kekeli in Berlin entdeckt?
Der Jugendroman reißt viele verschiedene Themen der afro-deutschen Geschichte an, wie zum Beispiel der Schwarze Buchenwald-Häftling Gert Schramm und die Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek in Köln. Lawsons Figuren sind vielschichtig, nehmen unterschiedliche Perspektiven ein und zeigen die Diversität der afro-deutschen Communities.
Der togolesische Blick auf Deutschland
„Das ist eine Perspektive, die nicht so oft erzählt wird. Nach meinem Aufenthalt in Togo dachte ich mir die ganze Zeit: Wie würde es den Jugendlichen hier in Deutschland gehen und wie würden sie sich verhalten?“, sagt Lawson. Das habe sie zum Schreiben gebracht. Über mehrere Jahre wuchs die Geschichte heran, bis sie im vergangenen Jahr mit dem Verbrecher Verlag ein Zuhause für ihr Romandebüt fand.
Seit Anfang des Jahres ist das Buch im Handel und seither war die Pleidelsheimerin auf Lesungen und hat in unterschiedlichen Rahmen ihr Buch vorgestellt. Momentan gehe es noch in kleinen Schritten voran, da sie neben ihrer Arbeit als Integrationsmanagerin in einer Anschlussunterkunft für Geflüchtete auch an ihrer Masterarbeit in Literaturwissenschaft schreibt.
Viele Rückmeldungen hat sie bereits zu ihrer Coming-of-Age-Geschichte von den Leserinnen erhalten: „Es freut mich, dass sich schon so viele mit Kekeli auf die Reise begeben haben. Und durch ihre Auseinandersetzungen mit dem Buch ganz viele kleine Kekeli-Geschichten entstanden sind.“ Für den Sommer möchte sie dann intensiver auf Lesetour gehen, wenn die Masterarbeit abgegeben ist.
Und dann? „Ideen habe ich auf jeden Fall noch viele“, sagt die Pleidelsheimerin und lacht.
