Pleidelsheim Vom Geflüchteten zum Unternehmer

Von Jörg Palitzsch
Die Bilder aus seiner irakischen Heimatstadt Babylon hat Sajad Talaa in seinem Barbershop in Pleidelsheim aufgehängt. Foto: /Oliver Bürkle

Sajad Talaa floh mit seiner Familie vor dem Terror im Irak. Mittlerweile hat er seinen eigenen Barbershop in Pleidelsheim eröffnet.

Als Sajad Talaa vor neun Jahren seine Heimat im Irak verließ, war ungewiss, ob er je wieder ein Leben in Sicherheit und Selbstbestimmung führen könnte. Drohbriefe der Milizen hatten seine Familie zur Flucht gezwungen, über das Mittelmeer und quer durch Europa führte ihr Weg schließlich nach Deutschland. Heute, nur wenige Jahre später, steht der 23-Jährige in einem hell erleuchteten Laden in Pleidelsheim – seinem eigenen Friseur- und Barbershop. „Babylon“ hat er ihn genannt, nach der Stadt, aus der er stammt.

Zwischen Haarschneidemaschinen und Rasiermessern erzählt er seine Geschichte, die von Angst und Verlust handelt, aber auch von Mut, Beharrlichkeit und einem neuen Zuhause.

Lange schwelender Aufstand

Als im Dezember 2013 Kämpfer der Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIS) die Städte Ramadi und Falludscha einnahmen, eskalierte der lange schwelende Aufstand im Irak zu einem offenen Krieg. Für die irakische Bevölkerung bedeutete dies eine neue Welle von Gewalt, Vertreibung und Terror, die an die schweren Jahre nach der US-geführten Invasion 2003 erinnerte.

Die Verheerungen trieben Hunderttausende in die Flucht. Laut Jahresbericht des UN-Flüchtlingshilfswerks „UNHCR“ (United Nations High Commissioner for Refugees, Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen) stellten Irakerinnen und Iraker 2012 die drittgrößte Gruppe anerkannter Geflüchteter weltweit, mehr als 746.000 Menschen standen damals unter dem Mandat der Organisation.

2016 floh Sajad Talaa gemeinsam mit seiner Familie aus Babylon. Der 23-Jährige berichtet, dass sein Vater dort ein großes Autohaus betrieb. Als dessen Fahrzeuge für Waffentransporte genutzt werden sollten und er sich weigerte, erhielt die Familie Drohbriefe – teilweise mit Blut besiegelt. Schließlich blieb nur die Flucht.

Über die Türkei gelangten Talaa, seine Eltern und vier Geschwister zunächst nach Griechenland. „Wir waren mehr als acht Stunden auf dem Meer“, erinnert er sich. Doch in Griechenland saßen sie fest: Die Grenze war für sechs Monate geschlossen. Erst danach setzte die Familie ihren Weg fort – zu Fuß durch Mazedonien und Serbien bis nach Deutschland. 2017 stellte sie schließlich einen Asylantrag.

Das Warten zermürbt

Sechs Monate lang lebt die Familie Talaa nach ihrer Ankunft in Deutschland in einem ehemaligen Kasernengebäude im schwäbischen Meßstetten. Der Alltag war eintönig, das Warten zermürbend. Doch immerhin gab es einen Hoffnungsschimmer: Ein Onkel, der seit mehr als 30 Jahren in Steinheim lebt, nahm die Familie schließlich bei sich auf.

Für Sajad begann ein neuer Abschnitt. Er besuchte die Schule, holte den Hauptschulabschluss nach und wechselte an die Berufsschule in Ludwigsburg. Die Sprache war seine größte Hürde. „Im Deutschkurs saß ich meistens allein“, sagt er. Wirkliche Nähe fand er erst auf dem Fußballplatz. In Steinheim, bei 08 Bissingen und später in Beilstein stürmt er für die Teams. Und die Sprachschwierigkeiten sind inzwischen auch überwunden.

Seit 2023 lebt er mit Familie in Marbach. Stück für Stück arbeitete er sich die letzten Monate vor, beruflich wie privat. Er fand Jobs als Friseur in Ludwigsburg, Kornwestheim und Besigheim. Es ging langsam, aber es ging vorwärts. Heute fühlt er sich angekommen und integriert. „Ich habe mir vertraut“, sagt der Iraker rückblickend.

Deutsche Bürokratie

Mit viel Mut hat Talaa inzwischen in Pleidelsheim einen Friseur- und Barbershop eröffnet. Dabei machte der junge Mann seine Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie. Beim Baurechtsamt musste ein Möbelplan vorgelegt, ein Sozialraum sowie Toiletten nachgewiesen werden. „Die Genehmigung hat sechs Monate gedauert.“ Für die Einrichtung des 100 Quadratmeter großen Ladens griff er auf Erspartes zurück und lieh sich Geld.

Inzwischen läuft es ganz gut. Er habe eine Angestellte, aber mit sechs Friseurgeschäften im Ort auch viel Konkurrenz. Dabei hebt er sich ab: Man muss sich im „Babylon“ nicht anmelden und es gibt keine Wartezeiten. Der Name des Geschäfts und Fotos seiner alten Heimat sind Erinnerungen an früher. Ehrgeizige Ziele hat sich Sajad Talaa trotz seiner vielen Erfahrungen gesetzt. Im nächsten Jahr will er heiraten und weitere „Babylon“-Geschäfte eröffnen.

 
 
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