Wo ist Herr Merk?“, frage ich und suche den zugemüllten Raum ab. Frau Seib hat mir den Zutritt erlaubt, einfach ins Zimmer gehen darf ich nicht, denn in den Not-Unterkünften der Wohnungslosen gibt es Regeln. Herr Merk und Frau Seib teilen sich ein Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft der Stadt Bietigheim-Bissingen.
Reportagen-Projekt von EH und BZ Den Teufelskreis durchbrechen
Marlene Kühner kümmert sie sich um wohnungslose Menschen in Bietigheim-Bissingen.
„Er liegt im Bett“, sagt Frau Seib. Heute trägt sie ein trägerloses Hemdchen, und eine rosa Schlabberhose mit Herzchen. „Geht ihm nicht gut.“ Ich schaue genauer hin und sehe eine schmale Gestalt, die sich unter der Bettdecke kaum abzeichnet, nur die Füße gucken hervor. „Seit seinem Sturz steht er nicht mehr auf,“ sagt Frau Seib und zuckt die Schultern. „Er braucht Physiotherapie, er muss sich bewegen“, sage ich. „Er will nicht“, entgegnet Frau Seib. „Aber das ist wirklich wichtig“, sage ich etwas lauter. „Psst“, sie schaut besorgt auf ihren Freund. Herr Merk soll schlafen. Alle sind froh, wenn er schläft, denn er neigt zu Jähzorn.
Herr Merk sieht aus, als sei er 70 Jahre alt, ist aber tatsächlich erst Mitte 50. Er ist einer von 16 Personen in dieser Unterkunft. Insgesamt leben 63 Wohnungslose in Bietigheim-Bissingen in Notunterkünften, sie sind in zehn Häusern untergebracht. Die Dunkelziffer ist allerdings höher. Ich betreue sie seit einem halben Jahr.
Etwa 56.000 Obdachlose in Deutschland
In Deutschland waren 2024 mehr als eine Million Menschen wohnungslos (Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W )) und in Einrichtungen der Kommunen oder Wohlfahrt untergebracht, so die offizielle Schätzung. Etwa 56.000 lebten auf der Straße und gelten als obdachlos.
Es gibt viele Gründe, sein Heim zu verlieren. Der Mangel an bezahlbarem und bedarfsgerechtem Wohnraum und Armut sind zentrale Gründe. Besonders problematisch ist laut BAG W der Rückgang der Sozialwohnungen. Zu den häufigsten Auslösern von Wohnungslosigkeit in Deutschland zählen Miet- und Energieschulden, auch Krankheit, Scheidung oder der Tod eines geliebten Menschen können den Boden unter den Füßen wegziehen. Die, die in Bietigheim-Bissingen gemeldet sind, haben jedes Alter, darunter sind auch einige Familien mit Kindern.
Einer von ihnen ist Herr Walter, 64. Ein höflicher, wortkarger Mann, der einen Minijob in einer Gaststätte hat. Er ist dort der Mann für alles: Ausfegen, Stuhlbeine leimen, Schnee schippen. Im Sommer pflanzt er Pepperoni und Tomaten in Töpfen. Wir setzen uns auf die Terrasse, es ist kalt, aber sonnig. Ein Gespräch entsteht:
Läuft es hier gut für Sie, Herr Walter?
Herr Walter: Das ist mein Reich. Ich komme um acht und bleibe, bis alles tipptopp ist.
Wo sind Sie aufgewachsen?
Hier in Bietigheim-Bissingen. Hatte sechs Geschwister, doch nur ich und mein jüngerer Bruder sind noch übrig.
Was ist mit den anderen?
Sie sind gestorben.
Nach seiner Lehre arbeitete Herr Walter 20 Jahre als Mechaniker, erzählt er. Er hatte eine Anderthalb-Zimmer-Wohnung, alles passte für ihn. Doch dann ging sein Meister in Rente, der Nachfolger mochte ihn nicht und ließ ihn das jeden Tag spüren. „Ich habe es nicht mehr ertragen und gekündigt, bevor noch etwas passiert“, erzählt er.
Weil Herr Walter auf keinen Fall arbeitslos sein wollte, suchte und fand er eine Stelle bei einer Zeitarbeitsfirma. Einige Jahre ging es gut. Dann blieben die Aufträge aus und er wurde doch arbeitslos, seine Freundin verließ ihn, und schließlich musste er auch noch aus seiner Wohnung raus, Eigenbedarfskündigung. Er fand keine andere. Rundherum Pech gehabt.
Bei Zwangsräumungen ist die Stadt verpflichtet, eine Unterkunft zu stellen. Wir versuchen natürlich, Räumungen abzuwenden, sprechen mit Vermietern, dem Jobcenter, manchmal gelingt es. Bei Herrn Walter klappte es damals nicht.
Was ist passiert, Herr Walter?
Ich stand draußen, bekam vom Ordnungsamt einen Schlüssel für eine Notunterkunft und das war’s. Hab ein Bett, einen Tisch, Stuhl und Schrank. Auch einen DVD-Spieler und Fernseher. Passt so.
Und wenn Sie Feierabend machen?
Dann radle ich an die Metter und sitze mit ein paar Freunden auf einer Bank am Ufer. Wenn es regnet, unter der Brücke am Fluss. Wir rauchen und trinken ein Feierabendbier.
Kommen Sie mit Ihrem Geld aus?
Übrig bleibt nichts. Was ich hier verdiene, zieht das Jobcenter vom Bürgergeld ab.
Die Wohnung zu verlieren, wirft die Menschen aus der Bahn. Auf der Rückfahrt zum Rathaus denke ich an die 83-jährige Frau, die mit Mann und Tochter in einem Haus gewohnt hat. Erst starb der Mann, bald darauf zog die Tochter aus und zum Schluss verkaufte der Vermieter das Haus, der neue Besitzer meldete Eigenbedarf an. Die alte Frau war wie gelähmt und nicht in der Lage, etwas zu unternehmen. Wir fanden einen Platz im betreuten Wohnen. Irgendwie konnten wir alles regeln: Kaution, Miete und die neu aufkommenden Schulden. Denn eine Zwangsräumung ist teuer, das sind einige tausend Euro und die muss die Person übernehmen, die geräumt wird. Ich war dabei, als die Gerichtsvollzieherin vor der Tür stand. Musste ein paarmal schlucken. Bei der 83-Jährigen sah es aus wie bei meinen Großeltern daheim. Es war hart, das mitzuerleben, ich konnte die Situation nicht abwenden, nur mildern. Als ich abends heimfuhr, dachte ich, ich bin froh, dass ich nicht in Bietigheim-Bissingen wohne.
Ich bin in Brackenheim aufgewachsen und lebe immer noch dort. Ich brauche die 30 Minuten Fahrzeit von meiner beruflichen Welt in die private. Ich brauche diese Distanz. So gelingt es mir, die Probleme nicht mit nach Hause zu nehmen. Hier im Job muss ich eine Rolle ausfüllen und für andere Menschen da sein, klar und bestimmt, denn da werden Grenzen ausgetestet. Zuhause darf ich auch mal überfordert sein.
Die Menschen bei uns in den Unterkünften brauchen ihre Privatsphäre, aber auch jemanden, der zuhört. Dafür fehlt mir leider oft die Zeit. Denn meine Stelle ist aufgeteilt, zur Hälfte für die Wohnungslosen und die andere Hälfte für die Sozialberatung im Rathaus. Der Beratungsbedarf ist schier unendlich: Es geht um Grundsicherung, Bürger- oder Arbeitslosengeld, Bildung oder Jugendhilfe, Probleme mit der Versicherung. „Können Sie mal meinen Vermieter anrufen? Meine Bank? Oder meinen Chef?“ Oder: „Ich komme nicht mehr klar mit meinem 15-jährigen Sohn, ich habe Angst vor ihm.“
Supervision und Teamarbeit helfen
Da steht oft die pure Überforderung vor meinem Schreibtisch. Sprachprobleme, Analphabeten, Frauen Mitte 50, die nicht wissen, wie sie ihre Eltern weiter pflegen sollen. Ich bin selbst erst 25, aber ich habe ein Studium der Sozialen Arbeit. Das hilft bei solchen Fragen. Manchmal sage ich auch ehrlich: Das weiß ich nicht. Ich muss nachfragen. Ich habe in meinem Studium an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg viel gelernt über soziale Randgruppen, über den Umgang mit Menschen in schwierigen Lebenslagen. Aber auch, wie ich selbst mit Stress umgehen kann. Selbstfürsorge, Supervision und Teamarbeit helfen, in schwierigen Momenten professionell zu handeln. Und trotzdem kommen immer wieder Situationen, die neu sind.
Gestern kam ein Mann zu uns: drogensüchtig – Kokain und Amphetamine, saß wegen Raubüberfällen im Gefängnis, hat Menschen verprügelt, fettige Haare. Für seine Schulden hat er einen gesetzlichen Betreuer und die beiden kommen nicht klar miteinander. Dann bin ich die Anlaufstelle.
Ich bin da, um sie zu unterstützen, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Aber sie haben auch Verantwortung. Soziale Arbeit funktioniert nur mit Bereitschaft und Absprache. Ich bin mitfühlend, aber es nützt den Menschen nichts, wenn ich vor Mitleid zerfließe. Auch wenn sich jemand total daneben benimmt, kann ich ihn nicht rausschmeißen. Er ist ja schon rausgeschmissen.
Habe ich eine „schöne“ Arbeitsstelle? Das frage ich mich mitunter. Obwohl ich oft an vermüllten, stinkenden Orten bin, sage ich: „ja.“ Ich wollte schon immer Menschen unterstützen, ich bin ein gläubiger Mensch und bin nicht allein. Wenn ich zu den Unterkünften gehe, müssen mich die Hausmeister begleiten, Thomas Sikic und Salvatore Tuzzolino. Mir gefällt, dass sie die wohnungslosen Menschen ernst nehmen, sich ihre Sorgen anhören. Sie sind täglich in allen Unterkünften unterwegs, weil es immer etwas zu tun gibt, eine Lampe ist kaputt, ein Mitbewohner randaliert.
Er ist geblieben
Neulich erzählte mir Salvatore Tuzzolino, wie er die alkoholkranke Frau Kerbe tot im Bett gefunden hatte. „Die folgenden Wochen ging es mir nicht gut“, sagte er. „Ich habe immer wieder dieses Bild vor Augen, wenn ich irgendwo eine Tür öffne.“
Nach seinem ersten Arbeitstag hier wollte er gleich wieder aufhören. Er habe nie zuvor so viel Elend gesehen wie in dieser Unterkunft. Abends erzählte er seinen Eltern und Geschwistern davon – und blieb. Denn er spüre, dass es diesen Leuten gut tut, wenn er mit ihnen redet. Und das wiederum tue ihm gut.
Zum Reportagen-Projekt der EH mit der BZ
Sozialreportagen
In unregelmäßigen Abständen werden in der Bietigheimer, Sachsenheimer und Bönnigheimer Zeitung Reportagen der Studentinnen der EH erscheinen, in denen sie in Form von Sozialreportagen von ihrem Praxissemester berichten.
Studium an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg
Insgesamt studieren derzeit rund 1300 junge Menschen an der EH in Ludwigsburg. Sie ist eine staatlich anerkannte Hochschule für Menschen jeglicher Orientierung, Konfession und Glaubensrichtung. Es gibt Bachelor- und Master-Studiengänge in den Bereichen Soziales, Diakonie, Pädagogik, Pflege und Religion.
