Reportagen-Projekt von EH und BZ Professorin referiert über das Schicksal indigener Kinder

Von Paula Dreyer
Die Professorin Jac Nobiss sprach an der Evangelischen Hochschule über die Geschichte der indigenen Bevölkerung  Kanadas. Foto: /privat

Im Projekt von BZ und Evangelischer Hochschule Ludwigsburg bekommen Studenten die Möglichkeit, Sozialreportagen zu schreiben. Diesmal geht es um einen Vortrag.

Als Professorin Jac Nobiss ihren Vortrag über indigene Völker in Kanada beendet hatte, waren ihre Studenten so beeindruckt, dass sie nicht wie sonst in die Mittagspause gingen, sondern blieben und weiterredeten. Jac Nobiss, die Soziale Arbeit an der University of Britisch Columbia in Kanada lehrt, war im Rahmen des International Assembly an der Evangelischen Hochschule zu Gast und hielt eine Woche lang Vorträge und Vorlesungen.

Bis zu diesem Tag hatte die Studentin Paula Dreyer Kanada im Vergleich mit den USA für das anständigere Amerika gehalten. Was sie nicht wusste, war, dass auch in Kanada die indigenen Völker, bekannt als „First Nations“, Métis und Inuit, bis heute diskriminiert werden. Die Bietigheimer, Sachsenheimer und Bönnigheimer Zeitung hat seit einiger Zeit ein Reportagen-Projekt mit der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg (EH). In diesem Rahmen schrieb die Studentin über den Vortrag von Jac Nobiss diesen Artikel.

Dreyer erfuhr durch Nobiss, dass die europäischen Kolonialmächte bereits im 16. Jahrhundert in der sogenannten Valladolid-Debatte darüber diskutierten, ob Indigene Menschen seien. Sie kamen zu keinem Ergebnis. Jahrhunderte lang wurden Kinder ihren indigenen Eltern weggenommen und damit ihrer kulturellen Identität beraubt. Sie wurden in christliche Internate gesteckt. Tausende starben dort. Noch heute werden viele Nachkommen der indigenen Einwohner Kanadas gezwungen, ihre Kinder in Pflegefamilien abzugeben. Professorin Nobis war eines dieser Kinder, die ihrer Mutter nach der Geburt weggenommen wurden.

13 Mal höheres Risiko

Bis heute trennt der Staat viele indigene Familien gegen ihren Willen; die Kinder landen nicht mehr in Internaten, sondern werden in Pflegefamilien außerhalb ihrer Communities untergebracht. „Ein indigenes Kind in Kanada hat ein 13 Mal höheres Risiko, von seinen Eltern getrennt und in Pflege gegeben zu werden als ein nicht-indigenes Kind“, so Nobiss.

„Es gab in den 1960er-Jahren Kataloge mit Kindergesichtern, die Leute konnten blättern und auf ein Kind zeigen: Das will ich haben.“ Viele Kinder wurden nach Europa gebracht. „Ich war ein Dezemberbaby und hatte Glück, es war zu kalt für so eine Reise, vermute ich.“ Die Mütter dieser „Katalogkinder“ waren indigene Frauen – ihnen allen wurden ihre Babys entrissen. Sie waren mit einem sogenannten „Geburtsalarm“ belegt. Das ist laut Nobiss bis heute so. Sozialarbeiter sind bei den Geburten dabei und nehmen das Neugeborene gleich nach der Entbindung mit. „Meine Mutter wuchs bei Nonnen auf, war mit 16 schwanger, wurde von den Schwestern verspottet, beschimpft und gezwungen, mich zur Adoption zu geben.“ Baby Jac wurde nach einigen Wochen von einer deutschen, katholischen Familie adoptiert. Es ging ihr dort so schlecht, dass sie wieder ins Heim geschickt wurde. Auch dort wurde sie misshandelt und bald in die nächste Pflegefamilie geschoben.

Wutausbrüche als Ventil

„Ich verstand nichts, wusste nur, dass ich nicht hineinpasse, nicht gewollt war, anders aussehe mit meiner dunkleren Haut, anders behandelt werde, ich erlebte nur Destruktives, kam nicht zur Ruhe. War hyperaktiv und aggressiv in der Schule. Und daheim brav wie ein Lamm, um zu überleben. Nur nicht auffallen.“ Das Mädchen Jac war allen Formen von Missbrauch ausgesetzt. Manche konnte man sehen. „Meine Ausrede war dann immer, ich bin hingefallen. Ich war das ungeschickteste Kind überhaupt. Wie sollte ich mich sozial entwickeln, meine Identität finden? Ich wurde hart. Mein Ventil waren Wutausbrüche in der Schule. Mit 17 meldete ich mich zum Militär. Ich war zierlich, brauchte aber einen Ausweg, ich wusste, sonst würde ich sterben oder schwanger werden oder sonst was.“

Dort stellte sie den ersten Antrag, um ihre Familie zu finden. Es dauerte fünf Jahre. Nach jedem Umzug hinterließ sie die neue Adresse bei den Sozialämtern. Irgendwann riefen sie an: „Wir haben sie gefunden.“

Aus Wut wurde Mitgefühl

„Zuerst haben wir Briefe ausgetauscht, ich bekam Fotos und erfuhr, meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, ich hatte noch zwei Geschwister.“ Als sie ihre Mutter schließlich das erste Mal traf, wollte sie ihr die ganze Wut, den Schmerz und die Verletzung entgegenschleudern, alles, was sie durchmachen musste. Doch sie tat es nicht: „Ich sah sofort ihr Leid und meine Wut löste sich auf. Ich spürte zum ersten Mal in meinem Leben Mitgefühl. Es war überwältigend.“

Sie wurde Sozialarbeiterin, arbeitete mit Obdachlosen, Drogensüchtigen, HIV-Kranken, damals war sie Mitte zwanzig. Die meisten waren Indigene. Parallel studierte sie Soziale Arbeit. Das Thema hatte sie gepackt. Sie wollte verstehen, wie es kommt, dass Menschen an den Rand gedrängt werden. „Im Studium konnte ich mich selbst kennenlernen. Meine Scham loslassen. Lernen, es ist nicht meine, sondern die des Landes, das uns so behandelt. So wie Gisèle Pelicot es ausdrückte: ‚Die Scham muss die Seite wechseln.’“

Auch Paula Dreyer studiert Soziale Arbeit an der EH, weil sie für junge Menschen ansprechbar sein möchte, ihnen helfen, ihnen Orte geben möchte, wo sie sich sicher fühlen.

Zum Reportagen-Projekt von BZ und EH

In unregelmäßigen Abständen erscheinen in der BZ Reportagen von Studentinnen und Studenten der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, in denen sie in Sozialreportagen von ihrem Studium berichten. Die EH ist eine staatlich anerkannte Hochschule für Menschen jeglicher Orientierung, Konfession und Glaubensrichtung. Es gibt Bachelor- und Master-Studiengänge in den Bereichen Soziales, Diakonie, Pädagogik, Pflege und Religion.

 
 
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