Riesen holen Derbysieg in letzter Sekunde Hulls trifft mit Schlusssirene

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Im Freudentaumel: Desi Rodriguez trägt Ludwigsburgs Matchwinner Jordan Hulls auf den Armen durch die Arena. ⇥ Foto: Avanti/Ralf Poller

Die MHP Riesen entreißen Ulm auf den letzten Drücker noch den Derbysieg. Kapitän Wohlfarth-Bottermann spielt nach Harris’ Weggang groß auf.

Jaka Lakovic brauchte ein Ventil, um Dampf abzulassen. Nach der 87:89-Derbyniederlage bei den MHP Riesen Ludwigsburg schleuderte der Trainer von Ratiopharm Ulm frustriert eine seiner Krücken aufs Spielfeld. Auch beim Weg in die Katakomben hatte sich Lakovic noch nicht beruhigt und knallte die Gehhilfe gleich noch auf die Werbebande. Zur Erklärung: Seit er sich kurz vor dem Jahreswechsel beim Bundesliga-Gastspiel in Crailsheim infolge eines Wutanfalls einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen hat, coacht der Slowene sein Team auf Krücken.

Seine Enttäuschung konnte ihm niemand verdenken. Denn bis kurz vor Schluss sah am späten Samstagabend alles nach einem Ulmer Triumph im Schwabenduell aus. Fünfeinhalb Minuten vor Spielende lagen die Gäste von der Donau, die ab dem 5:4 (4.) ständig geführt hatten, noch mit 78:68 vorne – der größte Vorsprung in der ganzen Partie. Erst in der entscheidenden Endphase, der Crunchtime, wendete sich das Blatt. In einem dramatischen Finish holte sich der Vizemeister aus der Barockstadt noch den neunten Sieg hintereinander und festigte seine Tabellenführung. Zugleich gelang den Riesen die Revanche für die 72:92-Schmach im Oktober gegen Ulm im Pokal, als sie kurz nach einer Quarantänemaßnahme noch chancenlos gewesen waren.

Zum Ludwigsburger Matchwinner avancierte Jordan Hulls mit der Schlusssirene. Als bereits alles auf eine Verlängerung hinauslief, schnappte sich der mit 1,80 Metern kleinste Mann auf dem Feld beim 87:87-Zwischenstand den letzten Offensivrebound der Begegnung und versenkte den Ball im Korb – worauf sich das Riesen-Team in einen gelben Freudenknäuel verwandelte. „Wir haben gekämpft, aber wir waren nicht gut“, bilanzierte Riesen-Coach John Patrick. „Die letzten drei Minuten waren die besten drei Minuten unseres Spiels.“ Den Frust seines knapp geschlagenen und hadernden Kollegen Lakovic konnte er „zu 100 Prozent“ nachfühlen: „Wir alle sind emotionale Typen und arbeiten hart für den Erfolg. Das ist ein 24- Stunden-Job. Es gibt viele Emotionen. Auch ich war bei einigen Situationen total frustriert.“

Wiley gibt ein kurzes Debüt

Im ersten Spiel nach dem Weggang ihres deutschen Topcenters Elias Harris (zu Casademont Zaragoza nach Spanien) mussten sich die Hausherren erst wieder neu sortieren und kamen nicht wie gewohnt auf Touren. Bei der Wahl zwischen den beiden neu verpflichten US-Amerikanern hatte sich Patrick gegen Jonah Radebaugh entschieden – der Defensivspezialist wurde nach zwei eher unauffälligen Auftritten als überzähliger Ausländer aus der Rotation gestrichen. Dafür gab Center Austin Wiley einen Tag nach dem 22. Geburtstag seinen Einstand, der mit etwas mehr als vier Minuten allerdings recht kurz ausfiel. Patrick: „Austin war ganz klar nervös. Er war im Training super. Heute kam mit dem Scheinwerferlicht in der Arena zu viel Nervosität hervor.“

So trug gegen Ulm ein alter Haudegen die Hauptlast unter den Körben: Jonas Wohlfarth-Bottermann. Der 2,08 Meter große Center schaffte 14 Punkte, traf jeden seiner sechs Würfe aus dem Feld und hatte mit 12 den besten Plus-Minus-Wert aller Akteure. Vor allem aber zermürbte er seinen Ulmer Widerpart Dylan Osetkowski, der mit zunehmender Spieldauer immer frustrierter schien und letztlich nur für ihn unterdurchschnittliche zehn Zähler verbuchte. Zu gleich sechs Ballverlusten wurde der von europäischen Topklubs umworbene Ratiopharm-Star aus Kalifornien genötigt. Zum Vergleich: Nur einen Turnover mehr erlaubte sich die komplette Ludwigsburger Mannschaft. „Jonas hat sein bestes Spiel in dieser Saison gemacht. Er war wie beim Final-Turnier: dominant“, lobte Patrick seinen Kapitän, sprach aber auch einen Kritikpunkt an: „Er muss lernen, einige der dummen Fouls zu vermeiden. Da hat er sich unnötig in Foultrouble gebracht.“

 
 
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