Von weitem ist ein Traktor zu hören. Noch bevor er zu sehen ist, werden die zuvor so gelassen grasenden Rinder auf der Weide im Schippbachtal östlich von Spielberg plötzlich lebendig und laufen mit erstaunlicher Schnelligkeit dem nahenden Fahrzeug entgegen, dabei laut muhend. „Ja, unsere Mädla erkennen am Klang des Diesels, dass ihre Herrchen anrücken“, lacht Matthias Stierle.
Sachsenheim 80 Liter Wasser für „Flash“
Die Familie Stierle aus Spielberg hält sich seit 1989 Mutterkuhherden der damals weitgehend unbekannten Rasse „Deutsch Angus“.
Er sowie seine Brüder Michael und Manuel bewirtschaften zwei Mutterkuhherden mit insgesamt 25 Tieren sowie eine Jungtierherde und aktuell zehn Kälber der Rasse „Deutsch Angus“. Damit waren sie, vielmehr ihr Vater, im Jahr 1989 Pioniere auf dem Gebiet der erst in den 1950er-Jahren zugelassenen Rasse, zumindest hier im Kirbachtal.
Es ist drückend schwül an diesem Nachmittag, die Weide bietet kaum Nahrung, und dennoch finden die genügsamen hornlosen Wiederkäuer etwas zum Fressen – allerdings aktuell nicht genug, sodass die Stierle-Brüder mit Heu zufüttern müssen. Doch auch hier macht den Brüdern die Hitze und die Trockenheit zu schaffen, zumal als reiner Grünland-Betrieb: „Lagen wir bei der ersten Heuernte noch im langjährigen Schnitt, so hatten wir bei der zweiten, gerade beendeten Ernte 80 Prozent Verlust zu beklagen. Nun hoffen wir auf Regen, damit die dritte Ernte im September nicht auch ein Beinahe-Ausfall wird“, sagt Matthias, und Michael ergänzt: „Grassilage als Zufutter ist aktuell bei diesen hohen Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit ungeeignet, da es schnell gären würde.“
Silage ist aktuell ungeeignet
Vor allem sei auch Wasser wichtig, denn eine Kuh brauche durchaus ihre 80 Liter am Tag. „Wenn jetzt die Sonne scheinen würde“, sagt Matthias Stierle, „würden sie am Waldrand in den Schatten gehen und sich dort entspannen.“
Deutsch-Angus-Rinder sind von mittlerer Statur und dienen ausschließlich der Fleischproduktion. „Es ist nicht so, dass sie keine Milch geben, die sich zur Weiterverarbeitung lohnen würde“, sagt Michael Stierle, „aber wenn sich ein Mensch nähert, geben sich die Kühe gerne leicht divenhaft und lassen einen nicht an sich ran“. Dennoch gelten sie ansonsten als sehr gutmütig. Die Milch dient also in vollem Umfang dem Nachwuchs, „das geht so sechs bis sieben Monate, dann wird das Kalb, wie wir sagen, abgesetzt“. „Unsere weiblichen Kälber beziehungsweise Jungtiere verbleiben in unserem Betrieb“, erklärt Matthias Stierle, „wohingegen die Bullen an Mastbetriebe weiterverkauft werden.“
Der heimliche Star auf der Weide ist „Flash“, der seit etwa vier Jahren munter für Nachwuchs auf dem Stierleschen Hof sorgt. „Ende des Jahres wird er jedoch an einen anderen Betrieb veräußert, denn wir wechseln die Bullen etwa alle fünf Jahre aus, des Blutwechsels wegen.“ Wenn immer nur ein Bulle für Nachkommen sorgen würde, hätte man Inzucht, und die gelte es zu vermeiden.
„Eine Kuh gebiert durchschnittlich zehn bis zwölf Kälber im Lauf ihres Lebens“, berichtet Michael Stierle, dem man, wie seinem Bruder auch, die Leidenschaft für die Landwirtschaft anmerkt. Seit 2018 ist ihr Hof als „Naturland“-Betrieb zertifiziert. Und bei all der Romantik, die sich dem Betrachter bei den Deutsch-Angus-Kühen, die es in den beiden Farbschlägen Rotbraun und Schwarz gibt, bietet, müssen die drei Brüder auch an die Wirtschaftlichkeit denken – denn zwischen Oktober und März gibt es Rindfleisch zu bestellen, von im wahrsten Wortsinn glücklichen Kühen, die, auch des milden Klimas am südlichen Strombergrücken wegen, gut die Hälfte des Jahres im Freien sind.
„Deutsch Angus sind für ihr vorzügliche Fleischqualität bekannt“, doch der Bestand in Deutschland ist mit rund 25.000 Tieren immer noch recht gering im Vergleich etwa mit der Rasse „Holstein Schwarzbunt“, die vor allem als wertvolles und hochleistungsfähiges Milchvieh gerne gehalten wird und mit 1,6 Millionen Exemplaren die Liste der Rinderrassen in Deutschland anführt. „Flash“ ist das egal, er drückt sich an Michael und Matthias Stierle, er ist ein ungemein gutmütiges Tier, auch wenn seine kräftige und gedrungene Statur durchaus etwas Furchteinflößendes, zumindest Respekteinflößendes hat.
Ein Bulle wiegt bis zu 1000 Kilo
„Der Kerle dürfte schon seine 1000 Kilo auf die Waage bringen“, schätzt Matthias Stierle, die Mutterkühe kämen auf ein Gewicht zwischen 600 und 700 Kilo. Wie gesagt, Ende des Jahres muss ein neuer Bulle her, dann sind so an die 5000 Euro fällig, „wir haben bereits bei einem Zuchtbetrieb in Crailsheim angefragt und uns vormerken lassen“, sagt Michael Stierle. Nun wird es Zeit, wieder auf den Traktor zu steigen, die beiden Brüder statten auch der zweiten Herde noch einen Besuch ab und schauen, ob alles in Ordnung ist – und wahrscheinlich werden sie auch dort mit lautem Muhen empfangen.
