Sachsenheim Alessandros Reise vom Valle di Cembra an den Stromberg

Von Markus Wirth
Derzeit läuft im Weingut Merkle die Riesling-Lese auf Hochtouren. Alessandro Iachemet fühlt sich bei Georg, Anja und Sandro Merkle wohl und wird bis Ende Oktober noch einiges lernen. Foto: /Oliver Bürkle

Ein 18-Jähriger aus  Ville di Giovo im Trentino lernt im Weingut Merkle in Ochsenbach das Geheimnis des württembergischen Weinbaus kennen.

Die linke Hand umfasst die Rieslingtraube, ein kurzer, beherzter Schnitt mit der Rebschere, und die pralle Frucht mit den grün-gelben Beeren landet bei den anderen Trauben im grünen Eimer. Alessandro Iachemet reckt sich kurz, die gebeugte Haltung in den vergangenen Stunden macht sich bemerkbar.

„Obwohl ich ja die Arbeit im Weinberg gewöhnt bin, aber manches Mal zwickt es dann doch“, sagt der 18-Jährige. Alessandro ist seit gut einer Woche auf dem Weingut Merkle in Ochsenbach als Praktikant, und er fühlt sich wohl. „Vieles, was ich hier erlebe, kenne ich aus meiner Heimat, dem Trentino“, sagt er, aber manche Dinge seien hier im Württembergischen halt doch anders: „Die Rebenbindung zum Beispiel“, sagt er und deutet auf die gebogenen Ruten: „Bei uns wachsen die Weinreben in Pergolen, das ist seit Jahrhunderten so üblich.“ Prall hängen die Rebstöcke voll mit Rieslingtrauben, die hier, am Liebenberg, besonders gut gedeihen. Hier, wo das Kirbachtal sich mehr und mehr verjüngt, der Waldsaum auf den Bergrücken mächtiger wird und die Trauben an der 400-Höhenmeter-Marke kratzen. „Unsere Müller-Thurgau-Trauben“, sagt Seniorchef Georg Merkle, „liegen sogar geringfügig darüber“. Von der Qualität ist er begeistert, „beim Riesling haben wir aktuell schon Öchsle-Grade, die eigentlich in den Bereich der Auslesen hineinspielen“, freut sich Merkle auf einen besonders guten Jahrgang.

Aktuell sind die Arbeitstage lang

Die Lese ist in vollem Gang, das merkt Alessandro, denn für ihn und seine Gastfamilie sind derzeit – zumal bei einem solch beständigen Spätsommerwetter – lange Arbeitstage angesagt: „Das geht morgens um 8 Uhr los und oft ist erst gegen 22 Uhr Feierabend“, sagt der junge Gast aus dem oberitalienischen Ville di Giovo. Ihm träumt es einmal von einem eigenen Weingut, seine Familie betreibe zwar auch Weinbau, aber sie liefert ihre Trauben in der Kooperative ab. Er hat schnell Gefallen an der Landschaft gefunden, „nur die Berge hier könnten schon etwas höher sein“, lacht er. Alessandro hat sich gut eingelebt, die Familie Merkle sei sehr nett, und auch im Weinberg fühle er sich heimisch, „denn auch hier bauen sie den ,Muller` an, der bei uns im Trentino einen hohen Stellenwert besitzt und hohes Ansehen genießt.“ Wobei der „Muller“ nichts anderes ist als die bei uns etwas in Vergessenheit geratene Müller-Thurgau-Rebe. Mehr noch: „Im Trentino gibt es sogar einen jährlich stattfindenden Wettbewerb um den besten ,Muller’“, erzählt Alessandro von der „Rassegna Muller-Thurgau“.

Aber nicht nur diese Traube bauen seine Eltern an, sondern auch Spätburgunder, der in Italien „Pinot nero“ heißt, „und wir haben auch viele Kerner-Reben im Bestand“ – also einen wahren Schwaben, der auch auf der Südseite der Alpen bestens gedeiht.

„Wir haben seit 1991 jedes Jahr Praktikanten aus dem Ausland bei uns auf dem Gut“, berichtet Anja Merkle, „aus der Schweiz, aus Frankreich und immer wieder aus Italien“. Auf diese Weise seien in den vergangenen Jahrzehnten viele schöne Freundschaften entstanden, „und dank Whatsapp sind wir stets im Bilde, wie es unseren ehemaligen Schützlingen geht“.

Der Praktikant aus dem Valle di Cembra lächelt. Er lässt seinen Blick über die Weinberge schweifen und ist gespannt darauf, was er noch alles lernen, was er an neuen Eindrücken ins Trentino mitnehmen wird, wenn er Ende Oktober wieder abreist.

Die Sache mit den Weinhefen

Vielleicht hat er dann auch das Geheimnis der Eigenzuchthefen im Gepäck, für das die Familie Merkle vor einigen Jahren in der Weinwelt für Aufsehen gesorgt hat: „Wir haben nach jahrelangem Forschen und Züchten unsere eigenen, auf unsere speziellen Weinlagen und Reben maßgeschneiderten Hefepilze extrahiert“, sagt Juniorchef Sandro Merkle, „und darauf sind wir stolz. Sie unterstreichen die DNA unserer Weine und sorgen für eine individuelle Reifung“.

Alessandro findet dies faszinierend, aber da diese Hefe so speziell auf die Reben im Liebenberg ausgerichtet sind, denkt er, dass sie im Trentino nicht die Arbeit machen würde wie hier, obwohl die klimatischen Verhältnisse ähnlich sind wie am Stromberg.

In den kommenden Wochen wird er jedenfalls noch vielem begegnen, was im Schwabenland zur Lebenskultur dazugehört.

Landschaft und Wein kennt er schon, die Menschen auch. Es fehlt aber noch eine nicht zu unterschätzende Wissenslücke, die es zu schließen gilt: das Geheimnis der Maultaschen...

 
 
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