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Sachsenheim Als die Tabakfabrik in Rauch aufging
Am 26. Februar 1926 vernichtete ein Großfeuer die Zigarren- und Tabakfabrik Ad. Jakob Wagner in Sachsenheim. Ein Blick ins Archiv.
as für ein Schreck: Gegen 21.15 Uhr läuteten am 26. Februar 1926 die Sturmglocken des Großsachsenheimer Rathauses, zugleich wurden die Einwohner durch Feuersignale geweckt. Kurze Zeit danach stimmten auch die Kirchenglocken in das schreckliche Sturmgeläute ein. Feuer – es brannte im Städtle. Die an der Bahnlinie gelegene Zigarren-, Zigaretten- und Tabakfabrik Ad. Jakob Wagner stand lichterloh in Flammen.
Die Großsachsenheimer Feuerwehr nahm umgehend den Kampf gegen die Feuersbrunst auf. „Mittelst Fernsprecher wurden die Nachbarfeuerwehren zu Hilfe gerufen. Mit drei Hydranten und zwei Spritzen leistete unsere Großsachsenheimer Feuerwehr in vorbildlicher Weise alles, was überhaupt möglich war, um das rasende Feuer einzudämmen“, berichtete der Enz- und Metter-Bote in der Ausgabe vom 1. März 1926 über das Großfeuer.
Schützenhilfe von den Nachbarn
Die Löscharbeiten müssen dramatisch gewesen sein, „die inzwischen in dankenswerter Weise rasch herbeigerufene Feuerwehr der Nachbargemeinde Kleinsachsenheim warf sich gemeinsam mit der Feuerwehr Großsachsenheim auf das stark bedrohte Wohnhaus, während die Motorspritze unserer Nachbarstadt Bietigheim das Feuer gegen das Kesselhaus, die Schreinerei und das Holzlager mit allerbestem Erfolg und Schneid in Schach hielt“, so der Bericht über das Großfeuer weiter. Die Bietigheimer Feuerwehr musste eine beinahe 400 Meter lange Schlauchleitung von der Apotheke durch den Schlossgarten zum Brandherd legen.
Weiteren Schaden konnte der beherzte Einsatz der Feuerwehrleute verhindern, aber „die Fabrik selbst zu retten, war gänzlich unmöglich, indem das Feuer einen selten dagewesenen Umfang angenommen hatte und in den vorhandenen fertigen und halbfertigen Waren (Zigarren, Zigaretten, Schachteln, Kisten und Packmaterialien) reiche Nahrung fand“, war in der Ausgabe des Enz- und Metter-Boten weiter zu lesen. Tausende Schaulustige hatte der weithin sichtbare Feuerschein, dem Bericht zufolge, zu spätabendlicher Stunde an den Brandort gelockt. Menschen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden. Die Fabrik hingegen wurde nahezu vollständig zerstört und einige hundert Arbeiterinnen und Arbeiter verloren ihre Arbeitsstelle.
Brandursache bleibt ungeklärt
Bereits am 10. März war die Stuttgarter Brandversicherungsanstalt vor Ort und begann mit der Abschätzung des Schadens, die der Fabrikbrand an Gebäuden und Materialien angerichtet hatte. Die Brandursache konnte jedoch nicht geklärt werden.
In dem wenigstens zum Teil notdürftig wieder aufgenommenen Betrieb der Zigarrenfabrik Wagner ereignete sich dann wenig später, im August 1926, auch noch ein Arbeitsunfall: „Der seit vielen Jahren als Tabakmeister tätige Ludwig Benz brachte seine linke Hand in eine Tabak-Rippenwalze, wodurch ihm außer Quetschungen, die Haut an der ganzen Hand abgezogen wurde. Der Stadtarzt Dr. Metzger ordnete die sofortige Überführung des Verletzten ins Ludwigsburger Bezirkskrankenhaus an“, war im Enz- und Metter-Boten vom 21. August 1926 zu lesen.
Letztendlich sollte sich die Wagnersche-Zigarrenfabrik von dem Brandfall nicht mehr erholen. Der Schaden an Gebäude und Maschinen war zu groß. Die Produktion wurde kurz darauf vollständig eingestellt. Schließlich kaufte die Stadt Großsachsenheim das Gelände an der Bahnlinie zurück.
Knapp zweieinhalb Jahre später, Anfang November 1928, hat die Firma Kaltschmid, Eisenwerke in Oberriexingen das Gelände gekauft. Das ist insofern bemerkenswert, weil die Oberriexinger Firma Kaltschmid ein Gelände, das an die ehemalige Frick’sche Kehlleistenfabrik angrenzte, bereits im März 1913 schon einmal erworben hatte. Ein Teil des Fabrikbetriebes der Bügeleisenfabrik, sollt an der Bahnlinie beim Großsachsenheimer Bahnhof angesiedelt werden.
Kaltschmids Pläne scheitern
Diese Pläne haben sich jedoch zerschlagen. Nun gab es knapp 15 Jahre später, im November 1928, einen erneuten Anlauf der Firma Kaltschmid. Am 6. Juli 1929 war zu lesen, dass ebendieses Unternehmen beabsichtigte, mit dem Wiederaufbau der abgebrannten Tabakfabrik zu beginnen. Zunächst sah alles danach aus, dass die Neuansiedlung auf der Industriebrache gelungen war. Am 4. Oktober 1930 berichtet der Enz- und Metter-Bote jedoch, dass bei der Firma Kaltschmid unter den leitenden Persönlichkeiten „ernste Differenzen“ entstanden. Eine Folge davon war die Zurückverlegung des Büros von Großsachsenheim nach Oberriexingen. Schlussendlich platzte die Ansiedlung der Firma Kaltschmid, doch wenige Jahre später, 1935, klopften zwei Herren, ein gewisser Gottlob Spiess und ein Friedrich Kienle an die Türen des Großsachsenheimer Rathauses. Nach erfolgreichen Verhandlungen mit der Kreissparkasse Vaihingen-Enz gründeten sie auf dem Gelände der abgebrannten Zigarrenfabrik am 1. Mai 1935 die Firma Kienle und Spiess. Diese entwickelte sich in wenigen Jahren zum mit Abstand größten Arbeitgeber im Städtle.
Bereits zum 25-jährigen Firmen-Jubiläum im Jahr 1960 zählte das „Blechle“, wie die Sachsenheimer das Stanz- und Druckgießwerk liebevoll nannten, 800 Arbeitnehmer. Seither ist, trotz aller Wirrungen, das „Blechle“ nicht mehr aus dem Städtle wegzudenken.
