Das affirmative Lächeln wacher, neugieriger Augen, ein Blick voller Neugierde, die eine oder andere Falte, die von gelebtem Leben erzählt – Andreas Mattes hat Momentaufnahmen mit seiner Kamera für die Ewigkeit festgehalten. Seine Gegenüber: Ganz normale Menschen, die meisten aus der Region. Aus Ochsenbach und Großsachsenheim, aus Sersheim und dem oberen Kirbachtal. Sie alle eint, dass sie bereits 90 Jahre und älter sind. Und damit seine großformatigen Porträts noch mehr sind als „nur“ ein Blick in trotz des stolzen Alters eindrucksvolle Gesichter, hat er den Modell sitzenden Senioren auch noch einen kleinen Fragenkatalog mitgegeben. Durch diesen erzählen sie etwas über sich, über das, was gut war in ihrem Leben, und auch über das, was weniger schön war. Das nimmt Mattes auf.
Sachsenheim „Alt zu werden ist vor allem Haltung“
Der Ochsenbacher Fotokünstler Andreas Mattes lichtet über 90-jährige Mitmenschen ab und lässt sie zu Wort kommen. Auf diese Weise bekommen die Porträts eine mehrdimensionale Tiefe.
Zusätzliche Dimension
„Auf diese Weise erhält mein Langzeitprojekt eine zusätzliche Dimension“, sagt der 51-jährige Fotokünstler aus Ochsenbach und berichtet weiter, dass viele Anstöße und Gedankengänge auf diese Weise für die Nachwelt erhalten werden. Die Betrachter sehen nicht nur die Senioren, sondern hören sie auch parallel dazu. Den Impetus zu dieser etwas anderen Ahnengalerie lieferte seine Mutter, die, früher als Krankenschwester für die Sozialstation tätig, sich an einen ehemaligen Patienten erinnerte und diesen, mittlerweile hochbetagt, gerne wiedersehen wollte.
Andreas Mattes arrangierte dieses Treffen, und war in dessen Verlauf von der hohen Emotionalität des Wiedersehens dermaßen beeindruckt, dass er die Idee zu seinem Langzeitprojekt hatte: alte Menschen zu fotografieren und gleichzeitig einiges aus ihrem langen, nicht immer einfachen Lebens preiszugeben. Die Fragen, die er den Senioren stellte, drehten sich um deren Alter, um deren frühere Berufe, aber auch, was sie im Leben besonders glücklich gemacht habe, auf was sie besonders stolz waren oder sind und vor allem, welchen guten Rat sie gern jungen Menschen mit auf den Weg durchs Leben geben würden. Auf diese Weise sind bis heute acht Porträts entstanden, weitere sollen folgen, einige sind aktuell in der Mache, verrät der Fotokünstler. „Mir geht es darum, mit diesem Projekt Lebensgeschichten zu erzählen. Und durch die dazu passenden Bilder bekommen diese Geschichten auch ein Gesicht. Es ist die Kombination aus beiden Schichten, an die Personen zu erinnern, bevor die Zeit die Erinnerungen an sie nimmt.“ Für Mattes ist das Alter allenfalls eine Zahl, nicht mehr und nicht weniger, denn – und darauf fußt sein Kunstprojekt – „man wird nicht irgendwann alt, sondern irgendwie.“
Und diesen Prozess des Alterns, welcher in dem Ochsenbacher Faszination auslöst, den möchte er der Nachwelt erhalten und vielleicht auch aufzeigen, wie viel Würde das Alter ausstrahlen kann: „Ich habe durch meine Begegnungen schnell gelernt, dass Lebenszeit nicht in Jahren gemessen wird, sondern an der Haltung der Menschen, die auf ein langes Leben zurückblicken.“
Alle seine Porträtierten würden eine Würde ausstrahlen, die ihn selbst nachdenklich und unendlich dankbar gemacht hätte. Ohne die Treffen mit den anderen Menschen zu schmälern, hat ihm die Begegnung mit der Holocaust-Überlebenden Eva Erben die Bekanntschaft zu einem Menschen geebnet, der, wie so viele, unendliches Leid während der NS-Zeit erleben musste. Und dennoch bis heute ohne jeden Groll immer und immer wieder ins Land ihrer Vorfahren zurückkehrt, um vor allem die Jugend zu mahnen, es nie wieder so weit kommen zu lassen und durch Hass, Niedertracht und den Glauben an Falsches Mitbürger auszulöschen.
Glaube an die Kraft der Liebe
Dann spielt er die Sequenz vor, die Erben auf ihr nunmehr 95-jähriges Leben zurückblicken lässt: „Ich hatte ein schönes Leben und eine behütete Kindheit. 1938 dachten wir alle, das wird schon vorübergehen, Hitler wird sich nicht lange halten können.“ Und auch wenn ihr Leben und das ihrer Familie mehrfach am seidenen Faden hing, habe sie immer an die Kraft der Liebe und Vergebung geglaubt. Mattes ist heute noch, wenige Monate nach dieser Begegnung, die Ergriffenheit anzumerken, die aber auch für die anderen Lebensgeschichten gilt: „Ich habe Menschen getroffen, die etwas zu sagen, etwas zu erzählen haben. Und ich freue mich auf viele weitere Geschichten.“
