Die Interessierten drängten sich schließlich noch auf dem Flur vor dem Saal des Sachsenheimer Kulturhauses, vor Veranstaltungsbeginn wurden neue Stühle herangeschafft, viele Besucher standen schließlich auch: „Mit so viel Andrang haben wir nicht gerechnet“, war man bei der Bürgerinitiative beeindruckt, überrascht von dem „riesigen Interesse“.
Sachsenheim „Es ist unser Windrad“
Die Bürgerinitiative informierte vor dem Bürgerentscheid zum Energiepark Sachsenheim: Erfahrungen wurden ausgetauscht und Fakten dargelegt.
Interesse an einer wegweisenden Entscheidung, die bald getroffen wird: „Es geht um vieles“ unterstrich auch Bürgermeister Holger Albrich die Wichtigkeit der anstehenden Bürgerentscheide: „Ob wir loskommen von den fossilen Energieträgern“, werde hier entschieden, „ob wir zuschauen, wie andere Windräder bauen, oder ob wir selber gestalten und profitieren können.“
„Unpolitisch“ wollte man informieren, das war dabei das Ziel der Bürgerinitiative, die den Informationsabend veranstaltete. Dazu hatte sie mehrere Referenten eingeladen: Zuerst sprach Dieter Hallmann, der Vorsitzende der Energiegenossenschaft Ingersheim. Dort hat man sich vor Jahren ebenfalls in einem Bürgerentscheid für das Windrad entschieden: „Wir sind die Praktiker vor Ort“, erklärte Hallmann und räumte mit Missverständnissen auf: Unbestritten sei es, dass Windenergie effizient sei und vom Energieaufwand her hätte sich ein Windrad schon nach einem Jahr amortisiert.
„Akzeptanz entsteht im Lauf der Zeit“
Wichtig ist aus seiner Erfahrung: Die Anlage in die Hände der Bürger zu geben und so eigene Verantwortung zu schaffen. Nicht nur Information, sondern konkrete Mitwirkung sei für die Akzeptanz ganz wichtig – das werde bei Projekten, die von einem Investor umgesetzt werden, oft übersehen. „Die subjektive Wahrnehmung ist entscheidend“, die Bürger müssten das Gefühl haben: „Es ist unser Windrad“. Dafür sei das Genossenschaftsmodell die Lösung. Hallmann, der schon an der Ingersheimer Baustelle Grillwurst und Glühwein verkaufte, um ins Gespräch zu kommen, weiß: „Akzeptanz entsteht im Lauf der Zeit“, und „Vertrauen entsteht durch Ansprechbarkeit“. Bei ihm in Ingersheim ist die Situation nun so, dass 70 Prozent der Bürger ein zweites Windrad wollen. Jedes Mitglied der Energiegenossenschaft hat mit dem Windrad mehr Energie produziert als es verbraucht.
Die Horrorszenarien würden sich nicht bewahrheiten: Der Infraschall sei, wenn überhaupt, störend, aber medizinisch gesehen nicht gesundheitsschädlich. Man habe auch in Häusern nachgemessen, so Hallmann. Beim Windrad fand man einmal eine tote Fledermaus – die aber wohl absichtlich dorthin gebracht wurde und nicht durch das Windrad starb. Und der Wert der umliegenden Häuser sei auch nicht gesunken.
„Naturverträglicher Solarpark“ soll entstehen
Vom NABU erklärte dann Christoph Kaup aus Hohenhaslach die Verhandlungsergebnisse mit dem Betreiber Vento Ludens: Es soll ein naturverträglicher Energiepark entstehen, so der Naturschützer, und zeigt ein Foto von hohem Gras unter einer PV-Anlage: das war vor der Schafsbeweidung. Ein „Biodiversitäts-Solarpark“ kann sowohl grüne Energie produzieren als auch dem Artensterben entgegenwirken. Vorbild dafür ist der Solarpark am Illinger Steinbruch. Wichtig ist dafür ein besonnter Streifen zwischen den Modulreihen von 2,5 Metern Breite. Eine Wildkräuter-Mischung soll ausgesät und auf Pestizide verzichtet werden, Stein- und Altholzhaufen errichtet werden.
Bezüglich der Windräder wurde eine Fledermaus-Abschaltungs-Sensorik verhandelt, die die Gefahr von Kollisionen insbesondere der gefährdeten Abendseglern mit den Windrädern verhindert. Um Kollisionen von Greifvögeln zu minimieren, soll der Bereich um die Windräder so bepflanzt werden, dass dort Greifvögel nicht landen können. Außerdem sollen die Flächen in der Nähe so aufgewertet werden, dass sie Vögel als auch Fledermäuse von den Windrädern ablenken, auch durch die Umwandlung von Mais-Flächen in Wildstauden-Flächen.
Das Alleenfeld sei dabei schwieriges Land, auf dem nur wenige Tiere lebten und Unkräuter wachsen, so Naturschützer Kaup. Mit dem Energiepark ginge zwar die Getreideproduktion verloren – aber der Nutzen der Energiegewinnung sei größer.
Von der Bürgerinitiative betonten Angela Brüx und Hans-Georg Hummel die Vorteile der erneuerbaren Energien: Bisher verschandelten Braunkohlebergwerke und Reaktoren die Umwelt, nun bauten Landwirte zum Teil freiwillig Windräder auf ihre Felder, weil es sich mehr rentiert. Die „Energiewende funktioniert nur dezentral“, stellte Brüx fest. Sachsenheim sei geeignet, weil der Wind da ist und wenig Vögel gestört würden. Nicht zuletzt bedeuteten die Energieeinnahmen auch einen ordentlichen Gewinn für die Stadt, fügte Hummel hinzu.
In der Diskussion wurde der Schutz der Fledermäuse auf Nachfrage noch näher erläutert: In den ersten zwei Jahren soll mit dem sogenannten Gondel-Monitoring im Windrad selbst die Flugzeit der Tiere ermittelt werden. Während dieser wird es dann nicht laufen, was die Minimierung der Kollisionen bedeutet. Eine Abschaltung in Echtzeit, wenn sich eine Fledermaus nähert, ist nicht möglich und auch nicht geplant. Er vertraue aber auf die eine tote Fledermaus in Ingersheim in all den Jahren, entgegnete ein Gast.
60 bis 90 Kilogramm Rotorabtrieb jährlich
Eine andere Frage drehte sich um den Rotorabrieb der Windräder: Den gibt es tatsächlich, man geht aber nur von 60 bis 90 Kilogramm Abrieb im Jahr aus – nicht von Tonnen, wie vermutet wurde. Diese Menge sei gering im Vergleich zum Partikelabrieb von Autoreifen und Schuhsohlen „absolut vernachlässigbar“. Die Hersteller arbeiteten auch an Verbesserungen.
Ansonsten wurde schon gefragt, wie hoch die Bürgerbeteiligung an den zwei Windrädern werden könne und wie viel Prozent der Investor haben werde. Das stünde noch nicht fest, so der Bürgermeister, es gebe dafür verschiedene Modelle. Weiter wurde gefragt, ob Sachsenheimer Vorrang bei den Anteilen hätten. Hallmann konnte vom Ingersheimer Beispiel her beruhigen: die Investition in ein Windrad ist so hoch, dass es kaum Ausschluss von willigen Investoren geben werde.
