Sachsenheim Funde geben noch manches Rätsel auf

Von Uwe Mollenkopf
Jörg Bofinger vom Landesamt für Denkmalpflege (vorne, in Gelb) erläutert die Ausgrabungen in Sachsenheim. Foto: /Oliver Bürkle

Durch neue Ausgrabungen im Gewann Eichwald hat sich die Zahl der hier entdeckten Bestattungen aus der Jungsteinzeit auf 80 erhöht. Ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Dr. Jörg Bofinger, Referatsleiter für prähistorische Archäologie am Landesamt für Denkmalpflege, zeigt die Klinge eines kleinen Beiles, welche erst am Mittwoch dem braunen Lössboden im Gewann Eichwald in Sachsenheim entnommen wurde. Sie ist aus fein geschliffenem Stein, und wenn man mit dem Finger darüber streicht, kann man feststellen, dass sie immer noch scharf ist. Erstaunlich, nachdem das quergeschäftete Beil, das auch als Dechsel bezeichnet wird, vor rund 7500 Jahren seinem Besitzer mit ins Grab gegeben wurde. Es ist jedoch nur einer von vielen Funden, die dort gemacht wurden und welche die Archäologen inzwischen von einem außergewöhnlichen Fundplatz sprechen lassen, wie es ihn in Baden-Württemberg nur drei oder vier Mal gebe.

Verein für Heimatgeschichte lud zur Besichtigung ein

Dies stellte Bofinger bei einer Besichtigung der Ausgrabungsstelle fest, zu der der Verein für Heimatgeschichte Sachsenheim eingeladen hatte und die auf großes Interesse stieß. Besucher und Archäologen ließen sich auch nicht von einem Regenschauer irritieren, der zwischenzeitlich herunterprasselte.

Im Eichwaldgelände war bereits vor mehreren Jahren mit Grabungen begonnen worden. Diese fanden aus Anlass der Verlegung der Neckarenztal-Leitung statt (die BZ berichtete). Dabei stießen die Archäologen sowohl auf ein Dorf aus der Kultur der Bandkeramik, kenntlich an den Spuren der typischen Langhäuser mit parallelen Reihen aus jeweils drei Pfosten, als auch auf das dazugehörige Gräberfeld. Insgesamt 24 jungsteinzeitliche Gräber aus der Zeit um 5300/5200 vor Christus wurden entdeckt, besondere Aufmerksamkeit erregte eines, bei dem der Verstorbene statt wie seinerzeit üblich in Hockerstellung auf dem Bauch liegend begraben wurde.

Landwirt unterstützt Grabungen auf dem Gelände

Die Grabungen im Bereich der Leitungstrasse sind inzwischen beendet, der Graben ist schon wieder zugeschüttet. Die vom Verursacher der Baumaßnahme zu bezahlende Rettungsgrabung musste auf die rund 25 Meter breite Trasse beschränkt bleiben. Klar war indes, dass das Gräberfeld noch viel größer ist, und Bofinger und sein Kollege Marco Schrickel waren sich einig: „Wir können es nicht so liegen lassen.“ Noch zehn Jahre Ackerbau, „dann ist die Fundstelle weg“, erklärte Bofinger bei der Besichtigung.

Also wurde das Landesdenkmalamt tätig und machte auf eigene Kosten mit den Grabungen weiter. Man habe das Glück, dass der Landwirt, dem der Acker gehöre, an den archäologischen Ergebnissen interessiert sei und seine Zustimmung gegeben habe, sagte Bofinger. Inzwischen hat sich die Zahl der auf dem Gelände entdeckten Gräber auf 80 erhöht, doch ein Ende sei noch nicht in Sicht. Er gehe davon aus, dass mehr als 100 Gräber gefunden würden, so Marco Schrickel.

Typisch für die Gräber dieser Kultur der ersten Ackerbauern, die mangels schriftlicher Quellen nach der Verzierung ihrer Tongefäße als Linearbandkeramiker bezeichnet werden, sind eine linksseitige Hockerstellung der Toten mit angewinkelten Beinen und Blick nach Süden. Das Besondere an dem Gräberfeld im Eichwaldgelände sei jedoch, dass viele Gräber von der Norm abweichen, erklärten Bofinger und Schrickel den Besuchern. Ein besonders krasses Beispiel ist ein Grab, bei dem alles durcheinander ist: ein Bein ausgestreckt, eines angewinkelt, der Kopf nicht da, wo er hingehört. „Das ist keine natürliche Haltung“, sagt Schrickel. Noch können sich die Archäologen keinen rechten Reim darauf machen, er sei jedoch zuversichtlich, in Zukunft auch Antworten geben zu können, so der Experte.

Schwere Steine, um Wiedergänger zu verhindern?

Rätsel geben aber auch Steine auf, die einem Toten mit ins Grab gelegt wurden. Sollte damit ein Wiedergänger verhindert werden? Ebenfalls unüblich: Einige Tote wurden entgegen den damaligen Gepflogenheiten verbrannt. Leere Gräber („Scheingräber“) könnten der Verehrung Verschollener gedient haben, so eine Vermutung.

Ein Teil der Toten wurde mit Beigaben bestattet, was den Archäologen weitere Funde beschert. Sie fanden Werkzeuge wie das erwähnte Beil, aber auch Pfeilspitzen und Tongefäße.

Die Ausgrabungen sollen laut Jörg Bofinger noch bis Juli/August weitergehen. Dann müsse der Landwirt das Feld wieder einsäen. Doch: „Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr wieder weitermachen können“, so der Archäologe.

„Wir wissen, dass die Menschen hier eingewandert sind“

Die Jungsteinzeit (Neolithikum), aus der die Funde im Sachsenheimer Eichwaldgelände sind, war laut Jörg Bofinger vom Landesdenkmalamt eine Periode in der Menschheitsgeschichte, in der es einen kulturellen Wandel vom Jäger zum sesshaften Ackerbauer gab. Die älteste jungsteinzeitliche Kultur, deren Spuren sich auf dem Grabungsgelände finden, ist die Linearbandkeramik, benannt nach den Verzierungen auf den Tongefäßen. Sie ist seit 5400 vor Christus im hiesigen Raum nachweisbar. Aufgrund der Bearbeitung der Werkzeuge und Waffen spreche man auch von „der Epoche des geschliffenen Steins“, so Bofinger.

Der Ursprung des Ackerbaus liegt im Nahen Osten, dem Gebiet des sogenannten „Fruchtbaren Halbmonds“, zu dem auch das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris gehört. Von dort habe sich die neue Lebensweise über Anatolien, den Balkan und Südungarn nach Mitteleuropa bis ins Pariser Becken ausgebreitet, erklärte der Archäologe. Jedoch nicht durch Nachahmung, sondern: „Wir wissen, dass die Menschen hier eingewandert sind.“

Die Gesichtsrekonstruktion einer Linearbandkeramikerin aus Bayern, die Bofinger dabei hatte, verrät die Herkunft aus dem Orient: Sie zeigt eine Frau mit bräunlicher Haut, dunklen Haaren und dunklen Augen.

Ihre Haustiere, wie Rinder, Schafe, Schweine und Ziegen, hätten die Linearbandkeramiker ebenso mitgebracht wie die Pflanzen, die sie anbauten – ob Emmer, Einkorn, Erbsen oder Linsen. Bofinger spricht vom „neolithischen Paket“.

 
 
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