In einer Scheune beim Schloss war die Gaskammer“, ertönt die Stimme der Sprecherin im Video. Nach der Eröffnung durch das Vokalensemble wird bei der Veranstaltung des Lichtenstern-Gymnasiums am gestrigen Dienstag ein Video abgespielt: Gefilmt wird die Straße, auf der die Busse mit Bewohnern der Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg zum Schloss Grafeneck gefahren wurden. In einen dieser Busse steig Frida Hartmann, erzählt Louisa Glemser. Ihr galt die Gedenkveranstaltung – einer jungen Frau aus Kleinsachsenheim, die im Rahmen der Aktion T4 von den Nationalsozialisten getötet wurde, weil sie eine geistige Behinderung hatte. Ihren Namen trägt der einzige Stolperstein in Sachsenheim.
Sachsenheim Gedenken an Sachsenheimer NS-Opfer Frida Hartmann
Die Gedenkveranstaltung für das Opfer der Aktion T4 wurde von der Schülerin Louisa Glemser vom Lichtenstern-Gymnasium organisiert.
Euthanasie-Opfer im Fokus
Ins Leben gerufen wurde die Veranstaltung von Oberstufenschülerin Louisa Glemser. In einem Seminarfach beschäftigen sich die Schüler mit dem Nationalsozialismus, speziell demjenigen in Sachsenheim. Louisa Glemser habe dazu viel recherchiert, erzählt sie, dabei sei sie auf Frida Hartmann gestoßen, und ihr sei aufgefallen, dass die Euthanasie-Opfer des Nationalsozialismus’ vom Gedenken lange ausgeschlossen wurden. Zur Aktion T4 gibt es erst seit 2014 einen Gedenkort. „Zu der Aufarbeitung davon wollte ich aktiv etwas beitragen“, und so besuchte sie Grafeneck, organisierte über das Schuljahr die Veranstaltung und kontaktierte die Teilnehmer für die Podiumsdiskussion, die sie – wie auch die übrige Veranstaltung – selbst moderiert.
Frida Hartmann wuchs einige Jahre in der Anstalt auf, lernte und arbeitete dort. Als sie 24 war, setzte ein Offizier, nachdem er eine Arbeitsbeobachtung durchgeführt hatte, hinter ihren Namen einen Strich – ihr Todesurteil. In Grafeneck gab es weder Essen, noch Schlafplätze, denn man blieb nicht lang: Die Menschen kamen an, stellten ihr Gepäck ab und wurden einem Arzt vorgestellt – dieser drehte wenige Minuten später persönlich den Gashahn auf, aus dem das Kohlenmonoxid austrat, beschreibt Daniel Hildwein, wissenschaftlicher und pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte Grafeneck.
„Dass alles bürokratisch ablief, ist das, was fassungslos macht“, sagt Rosemarie Muth, Pfarrerin und Fachautorin für die Aktion T4. So habe es in Grafeneck extra ein Standesamt gegeben, in dem die Todesurkunden ausgestellt wurden – mit notierten Todesursachen wie ‚Lungenentzündung’ oder ‚Herzversagen’. Es habe Urnen gegeben, darin habe sich jedoch nicht die Asche des Ermordeten, sondern „die Asche, die man gerade hatte“ befunden.
Menschen haben davon gewusst
Es sei schwierig, zu verstehen, wie die Euthanasie im Verborgenen stattfinden konnte, und warum es so wenig Widerstand gab, sagt Louisa Glemser. Dass die Menschen, gerade in der Umgebung des Schlosses Grafeneck, nichts davon wissen konnten, schließt die Pfarrerin aus: „Die Leute haben den Rauch vom Krematorium gesehen, sie hatten den Geruch in der Nase. Sie wussten es.“ Und Hildwein pflichtet bei, der Verschleierungsprozess sei bürokratischer Art gewesen – die Euthanasie habe dadurch offiziell nie stattgefunden, obwohl jeder davon gewusst habe. Das Schicksal Frida Hartmanns war lange nicht bekannt: Als die Anfrage zu ihrer Person aus der Gedenkstätte Grafeneck nach Sachsenheim kam, kannte sie niemand, erzählt Hermann Albrecht vom Verein für Heimatgeschichte. Im Familienregister des Rathauses habe man sie schließlich gefunden. Ein einziges Bild gibt es von ihr, mit etwa 14 Jahren bei der Konfirmation. 2011 bekam sie ihren Stolperstein.
Inklusion noch nicht erreicht
Wiederkehrende Mikrofonprobleme während der Podiumsdiskussion tun der ernsten, und – besonders während der Gesangseinlagen des Vokalensembles und dem Projekt Einfach Singen auch emotionalen – Stimmung im Saal keinen Abbruch. Ob Deutschland mittlerweile eine inklusive Gesellschaft sei, will Louisa Glemser abschließend wissen. „Nein“, antwortet Hildwein, denn beispielsweise die Mitarbeit von behinderten Menschen sei noch nicht selbstverständlich. Muth ist der Meinung, man sei bei der Inklusion schon einmal weiter gewesen, als man es heute ist. Und Albrecht bemängelt eine Diskrepanz zwischen der im Grundgesetz festgehaltenen unantastbaren Würde des Menschen und der Realität.
Mit Lied und Gebet wird den Opfern der Aktion T4 gedacht, bevor auf den Abschlussimpuls Louisa Glemsers ein letztes Lied und die Pflanzung eines Apfelbaums zum Gedenken an die Euthanasie-Opfer auf dem Schulgelände folgt. Die Sorte: Korbinian, benannt nach dem Züchter Korbinian Aigner, der die Sorte während seiner Zeit als Gefangener im Konzentrationslager Dachau züchtete.
Die Organisatorin zeigt sich nach der Veranstaltung sehr zufrieden: „Wir haben es geschafft, den Besuchern der Veranstaltung eine Botschaft mitzugeben. Das war unser Ziel.“
