Noch regt sich nichts zwischen den groben Mauerfugen oder entlang der Steinriegel, die hier zum Teil schon seit vielen Jahrhunderten Wind und Wetter trotzen. Die Eidechsen finden noch nicht genug Wärme, und auch den Vögeln ist es an diesem Vormittag zu windig. Und doch zeigen erste schüchtern blühende Pflanzen das nahende Frühjahr an, hier am Geigersberg, der sich über Ochsenbach wie ein Amphitheater erhebt. „Das hier ist ein wunderbares Biotop“, schwärmt Christoph Kaup vom Nabu Sachsenheim, mit dem sich die BZ getroffen hat, um etwas über die Stellung als Habitat für seltene oder hier mittlerweile heimische Tier- und Pflanzenarten zu erfahren.
Sachsenheim Hier ist das Weinhähnchen zu Hause
Viele Jahrhunderte war der Geigersberg von Reben bewachsen, heute finden in den aufgelassenen Parzellen mit ihren Steinmauern viele wärmeliebende Tiere und Pflanzen ihre Heimat.
Natur holt sich ihr Terrain zurück
Der Geigersberg war, wie viele nach Südwesten ausgerichtete Stromberg-Ausläufer, viele Jahre lang fast ausschließlich mit Reben bepflanzt, wovon noch einige wenige Rebgärten Zeugnis ablegen. Spätestens aber, als die weitläufige Rebflurbereinigung in den späten 1960er-Jahren einsetzte und auf wirtschaftlicheren Weinbau gesetzt wurde, wurden hier immer mehr Flächen aufgelassen. Statt Portugieser, Lemberger, Traminer, Riesling oder Trollinger nahm sich die Natur Stück für Stück das zurück, was ohnehin ihr gehörte. „Alle Tiere und Pflanzen, die hier eine Heimat haben, kommen meist aus wärmeren Gefilden und haben sich oft erst in den vergangenen Jahren endgültig hier angesiedelt“, sagt Kaup. Die zahlreichen Mauern sind freilich ein bevorzugter Lebensraum, beispielsweise für wärmeliebende Eidechsenarten.
„Ein tolles Habitat ist der Geigersberg für die Mauereidechsen“, erklärt der Mann vom Nabu, wohingegen Zauneidechsen hier eher selten anzutreffen seien, da es ihnen am Rand des Berghangs schlicht zu warm werde. „Früher war es übrigens genau umgekehrt, aber im Laufe der immer wärmeren und trockeneren Jahre hat sich die Tierwelt hier den veränderten Rahmenbedingungen angepasst.“
Mit dem Ergebnis, dass zum Beispiel der Rotmilan schon seit einigen Jahren hier zwischen Januar und Dezember bevorzugt am gegenüberliegenden Baiselsberg anzutreffen sei, ohne sein winterliches Quartier in Nordafrika aufzusuchen. Und an 365 Tagen im Jahr an den Menschen gewöhnt, habe der Greif auch jegliche Scheu verloren und jage nun auch nahe der Häuser. Der Geigersberg habe jedoch auch einen hohen Wohlfühlfaktor bei der Schlingnatter, bei der blauflügeligen Landschrecke und beim eher unscheinbaren Weinhähnchen.
Dabei handelt es sich nicht um ein raffiniertes Festtagsessen aus der französischen Küche, sondern um eine kleine Grillenart, die ursprünglich ebenfalls aus dem Mittelmeerraum stammt und nun hier ihre kräftigen Gesänge anstimmt, die an die weitaus größere Zikade erinnern. Wo sich besagte Tierarten wohl fühlen – es seien auch noch Wendehals, Gartenrotschwanz, Buntspecht, Bechsteinfledermaus, Waldkauz, Neuntöter und Turmfalke genannt – so hätten sich, bedauert Kaup, andere Tierarten zurückgezogen, da es ihnen schlichtweg zu heiß und trocken geworden sei. So sucht man vergeblich nach Wechselkröten, die früher zahlreich vorkamen. „Schade um dieses schöne Tier“, sagt Kaup.
Umdenken im Weinbau
Grundsätzlich begrüße er es, dass mittlerweile, auch der Krise im Weinbau wegen, bei den Wengertern ein Umdenken eingesetzt habe und man die Weinberge zu Erlebnisräumen umfunktioniere, er nennt beispielsweise das Weingut Jule Mayer, das Panoramaweingut Baumgärtner, das Weingut Merkle – das sozusagen im Schatten des Geigersbergs seine Heimat hat – und viele weitere, die ein behutsames Zurück zum Miteinander von Natur, Umwelt und Weinbau förderten und lebten. Schlecht hingegen sei das Vorkommen von Brombeeren, wie auf einem Stückle im mittleren Fußbereich des Geigersbergs: „Hier sollte dringend Hand angelegt und das Gestrüpp beseitigt werden, damit sich Pilze nicht ausbreiten können.“ Brachen, sagt Kaup, könnten statt mit Wein mit anderen Pflanzen besetzt werden, die der heimischen Fauna Gutes täten: „Nichts spricht gegen Olivenhaine oder Feigenkulturen, und Lavendel ist ein gedeckter Tisch für unsere wertvollen Bienenarten.“
Und so bleibt der Geigersberg ein Vorläufer dessen, was es vielleicht schon bald häufiger geben wird: ein Biotop für wertvolle Tiere und Pflanzen. Wo Reben standen, stehen dann – wie jetzt auch schon – seltene Wildorchideen wie Ragwurz, blüht betörend blau die Schwertlilie, die Traubenhyazinthe, der Persische Ehrenpreis, die Bocksriemenzunge und das Bleiche Waldvögelein.
