Sachsenheim Im „Tender“ trifft Bildhaftes Abstraktes

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Zwei Generationen sind im Sachsenheimer „Tender“ vertreten: Brigitte Sandoval (links) und ihre Mutter Hanni Weyreter bestreiten eine gemeinsame Ausstellung.⇥ Foto: Helmut Pangerl

Eine gemeinsame Ausstellung mit Werken von Hanni Weyreiter und ihrer Tochter Brigitte Sandoval.

Hanni Weyreiter widmet sich seit vielen Jahrzehnten der zart-transparenten, detailgetreuen Kunst des Aquarellierens. Ihre Tochter Brigitte Sandoval arbeitet abstrakt, auf Leinwand, wobei sie ihren Acrylfarben gerne auch Pigmente, Sand, Kohle und andere Materialien beimischt. Beide stellen im Sachsenheimer „Tender“ aus.

Vieles gemeinsam

So unterschiedlich das bildnerische Schaffen der in Oberriexingen und Sachsenheim ansässigen Frauen auch sein mag, ist doch beiden vieles gemeinsam. Der Antrieb, sich künstlerisch zu betätigen, dabei immer wieder neue Ausdrucksformen zu entdecken, Stimmungen und Gefühle einzufangen oder Erlebtes zu verarbeiten.

Hanni Weyreiter (82), die als Kind in den Wirren der Nachkriegszeit aus Karlsbad in Böhmen fliehen musste und ins Schwäbische kam, räumt noch immer fast täglich ihren Wohnzimmertisch leer und widmet sich ihren Lieblingsmotiven, den Blumen, Blüten oder Landschaften. Eine Schaffenspause gab es vor drei Jahren, als ihr Ehemann verstarb, und heute ist sie produktiver denn je.

Brigitte Sandoval ist in Markgröningen aufgewachsen. Als Kind hat sie gemalt wie alle anderen Kinder auch. Künstlerische Ambitionen kamen aber erst 2005 im Zusammenhang mit einer schweren Erkrankung und Lebenskrise auf, als sie – wie sie sich ausdrückt – das Leben als ein „großes Energiefeld“ entdeckt und die wohltuende, befreiende und heilende Wirkung verspürt hatte, sich intuitiv, noch ohne klare Vorstellung von einem fertigen Bild zu haben, in ihrem Kelleratelier mit dem Pinsel auf die Reise zu begeben. Auf eine Reise zu sich selbst, zu ihrer ureigenen Gefühls- und Erfahrungswelt.

Für beide Künstlerinnen gab und gibt es Vorbilder. Hanni Weyreiters Stiefvater arbeitete mit Öl und hinterließ eindrucksvolle Gemälde, die sie noch heute in ihrer Erinnerung mit sich herumträgt. Für Brigitte Sandoval ist es freilich die Mutter, die ihr die Neigung zu künstlerischem Schaffen wohl mitgegeben hat. Ob dieser Ausdruckswille bei der Tochter genetisch angelegt oder dem anregenden Umfeld in ihrer Kindheit und Jugend geschuldet ist, sei dahingestellt.

Die im „Tender“, dem alten Bahnhof in der Sachsenheimer Innenstadt, ausgestellten Werke, verdienen in jedem Fall einen Besuch. Besonders reizvoll begegnet dem Kunstinteressenten das unmittelbare Aufeinandertreffen gegenständlich-traditioneller und kompromisslos-abstrakter Kunst. Der Betrachter nimmt die Bilder aus dem jeweilig anderen Blickwinkel wahr, entdeckt in der Konkretion das Allgemeine und das Gesetzmäßige im freien Raum.

Raumkunst wird Zeitkunst

Im Zusammenfügen von Bekanntem und überraschend Neuem gerät Raumkunst gleichsam zur Zeitkunst. Während Hanni Weyreiter viele Kurse besucht und sich immer wieder neuen Anregungen ausgesetzt hat, ist Brigitte Sandoval Autodidaktin geblieben, die als Quelle ihrer Inspiration keine Lehrer benötigt, sondern ihre Sujets aus sich selbst und ihrer Lebensgeschichte schöpft.

Drei Dinge braucht es für eine gelungene Vernissage: Gute Kunst, einen anregenden Ausstellungsraum und ein interessantes Publikum. Alle Bedingungen waren am vergangenen Freitagabend erfüllt. Ein lustiges, unprätentiöses Völkchen hatte sich im nahezu original erhaltenen historischen Sachsenheimer Bahnhof eingefunden, stand mit einem Glas und Knabbereien vor den etwa dreißig Bildern, unterhielt sich lebhaft und lauschte dem Gute-Laune-Gitarrenspiel von Bernd Steckroth, dem Lebensgefährten Brigitte Sandovals.

Der Chemieingenieur ist bekannt als langjähriger Teil des Schwabenduos „Kehrwoch Mafia“, von dem er sich mittlerweile gelöst hat. Wie auch in der Malerei, gibt es für ihn, den Folk-Enthusiasten, keinen Stillstand. Das Leben kann nur vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden. Die Ausstellung mit Werken von Mutter und Tochter ist eine Veranstaltung von IBISA Sachsenheim und ist noch bis Ende März zu sehen.

 
 
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