Sachsenheim „Landwirtschaft ist Leidenschaft“

Von Lisa Lorenz
Patrick Appl inmitten seiner Schafherde. Sie pflegen die Grünfläche einer alten Flugzeuglandebahn aus dem zweiten Weltkrieg, die jetzt ein Naturdenkmal des Landkreises Ludwigsburg ist. Foto: /Martin Kalb

Die Schäferei Appl ist ein landwirtschaftlicher Betrieb im Nebenerwerb in erster Generation. Trotz viel Arbeit würde sich Inhaber Patrick Appl immer wieder so entscheiden.

Total unklassisch“ sei Patrick Appl zur Landwirtschaft im Nebenerwerb gekommen, erzählt er auf dem Weg zu seinem neu aufgestellten Mobilstall für Hühner. Appl betreibt die Schäferei Appl in Sachsenheim, einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Tierhaltung in erster Generation. Mittlerweile gehören dazu neben Schafen auch Hühner, Ziegen und Rinder sowie zwei Pferde und natürlich ein Schäferhund. Regionalität und Nachhaltigkeit seien ihm wichtig, deshalb würden die Tiere nicht zum Schlachter transportiert. Stattdessen komme ein Mobilschlachter direkt zum Hof. Auch die Verarbeitung geschieht regional: Die Felle beispielsweise würden von Hand eingesalzen, im Schwarzwald gegerbt und dann zurück auf den Hof gebracht werden.

Das ganze Tier verwerten

Um nachhaltiger zu sein, werde das ganze Tier verwendet. Das bedeutet, die Schlachtpakete, die Kunden kaufen können, enthalten auch Teile des Tiers, die man vielleicht nicht so lecker findet. Aber auch das gehöre dazu, und Appl versuche, das den Leuten wieder beizubringen. „Das Tier als Lebewesen muss ganz verwertet werden. Nur dann kann man das rechtfertigen.“ Sowohl die Limpurger Rinder als auch die Coburger Fuchsschafe des anerkannten Herzuchtbetriebs seien alte Nutztierrassen, die vom Aussterben bedroht sind. „Die Erhaltungszucht der Schafe ist unser Steckenpferd“, erklärt Appl.

Jeder brauche seine Nische, und die Appls ist neben dem Verkauf der tierischen Produkte vor allem die Beweidung von Grünland. So war seine Schaf- und Ziegenherde kürzlich auf einem Hang der Stadt Sachsenheim. „Das dauert natürlich länger, als das Gras mähen und das Gestrüpp schneiden zu lassen, und die Kommune muss sich darauf einlassen, aber es ist auch nachhaltiger.“ Der neueste Versuch, sich Nischen zu sichern: Grundstücke der Schäferei Appl können für die Zeit von Mai bis November gepachtet werden. Im Pauschalbetrag ist nicht nur ein pflanzfertiger Acker inbegriffen, sondern auch ein Bauwagen mit Gartengeräten und Wasser zur Verfügung. Die Kunden sollen dadurch auch sehen, so Appl, dass Landwirtschaft Geschäft ist – immerhin ist es die Arbeit, die der Landwirt jeden Tag hat.

Transparente Landwirtschaft

Ein ähnliches Ziel verfolgt der Landwirt auch mit seinem Content auf Instagram. Hier nimmt er Zuschauer in Videos mit in seinen Alltag, so wurde auch das Aufstellen des neuen Mobilstalls gefilmt. Neben der Werbung für seine Produkte wolle er damit auch Transparenz in die Landwirtschaft bringen. Der Betrieb sei zwar konventionell, orientiere sich aber an biologischer Landwirtschaft. Nur von der bei einem Bio-Betrieb nötigen Bürokratie und den Zertifizierungen halte Appl nichts. Die Bürokratie sei ohnehin eine Herausforderung: Durch die Direktvermarktung habe er einen zweiten Betrieb gründen müssen – und durch die Landschaftspflege einen dritten. „Wir schreiben uns selbst Rechnungen“, macht Appl die Absurdität deutlich, und seine Frau verbringe durchschnittlich einen Tag pro Woche ausschließlich im Büro. Alles regional zu halten, sei da sehr schwer.

Heike Appl ist in die Landwirtschaft scheinbar genauso reingerutscht wie ihr Mann: „Ich wurde nicht gefragt“, sagt sie lachend. Als sich beide kennenlernten, habe er jeweils fünf Hühner und Tauben gehabt. Gemeinsam hätten sie dann mit drei Schafen angefangen, und so ging es weiter. Seine Lieblingstierart sind dennoch die Hühner, „weil das der Ursprung von allem war. Das kann ich nicht ganz loslassen.“ Er komme aus einer Familie, die immer Kleintierzucht betrieben habe. Hühner, Hasen und Tauben waren es ursprünglich.

Bei ihm sei es dann etwas ausgeartet: „Angefangen mit Gänsen, bin ich dann auf Schafe umgestiegen, damit sind wir relativ schnell gewachsen“, erzählt der Landwirt. Die Tierhaltung habe sich vom Hobby zum Nebenerwerb entwickelt, und das ist sie auch heute noch – denn Appl arbeitet noch zu 80 Prozent als Elektromeister. Da brauche man auch einen Arbeitgeber, der das mitmacht, wenn man morgens anruft und sagt, man könne nicht zur Arbeit kommen, weil die Schafe ausgebüchst sind. Während Appl im neuen Mobilstall nach seinen 300 Hennen und acht Hähnen schaut, fährt ein Radfahrer vorbei und ruft: „Gute Idee.“ So etwas sei die beste Bestätigung, meint Appl.

Die Resonanz seiner Produkte sei ohnehin durchweg positiv, es würden immer mehr Menschen wieder Wert auf Qualität legen. Aber: Das Umdenken gehe trotzdem noch viel zu langsam, gerade, weil die Unterstützung durch den Endverbraucher eine der größten Herausforderungen der Landwirtschaft sei. Man brauche Verbraucher, die in Kauf nehmen, weniger und dafür nachhaltig produziertes Fleisch zu essen, und die es nicht stört, dass nicht immer alles vorrätig ist, da sie dafür wissen, wo es herkommt. Von der Geburt bis zum Tod der Tiere immer dabei zu sein, kostet Zeit, und die Arbeit in der Landwirtschaft sei weit unter Mindestlohn: „Man wird nicht nach Stunden bezahlt, sondern nach Kilogramm“, macht Appl deutlich.

Der Hof geht vor

Dass der Betrieb, der eine 500-jährige Geschichte vorweisen kann und von Appl gepachtet ist, einmal von seinen Kindern übernommen wird, hoffe er – aber wissen könne man es natürlich nicht, und er will „niemanden in eine Schiene zwingen“. Den Hofalltag müssten die Kinder aber natürlich mitmachen. Dass der Hof vorgehe, auch wenn eigentlich eine Verabredung anstünde, sorge manchmal für Diskussionen, sagt Heike Appl. Und ihr Mann fügt hinzu: Ja, das könne die Beziehung zermürben, aber gleichzeitig dürfe man nicht vergessen, was man am Hof habe. Immerhin machten andere Urlaub auf dem Bauernhof. Beruflich würde Appl, wie er sagt, sich wieder so entscheiden, denn: „Landwirtschaft ist Leidenschaft“, und ohne würde es auch nicht gehen.

 
 
- Anzeige -