Mit den Kindern entdecke ich die Welt immer wieder neu, das macht mir großen Spaß“, sagt Birgit Gebhardt-Barkowsky, eine Leihoma mit Leib und Seele. Ihr Engagement ist sehr gefragt, das hat die Sachsenheimerin erfahren, als sie im Mai in der Sachsenheimer Facebook-Gruppe nach Leihenkeln gesucht hatte. Mehr als zwanzig Anfragen von Familien hatten sie innerhalb von zwei Stunden erreicht.
Sachsenheim Leihgroßeltern: Unterstützung für Familien
Birgit Gebhardt-Barkowsky ist mit viel Freude und Herz Ersatzoma. Der Bedarf bei Familien ist groß, doch Senioren sind selten für solche Bindungen bereit.
Liebevolle Großeltern sind ein Geschenk für die Enkel und die ganze Familie. Doch oft können oder wollen sich Omas und Opas nicht um ihre Enkelkinder kümmern, oft wohnen sie auch einfach zu weit weg dafür.
Das Konzept der Leihomas und Leihopas versucht, diese Lücke etwas zu schließen. Seniorinnen und Senioren betreuen dabei regelmäßig oder gelegentlich ehrenamtlich Kinder, zu denen sie eine gute Bindung aufgebaut haben.
„Wir sind wie eine Familie“
Birgit Gebhardt-Barkowsky ist seit nun fast sieben Jahren eine solche Ersatzoma. Sie hatte sich damals an die Aktiven Senioren in Bietigheim-Bissingen gewandt. Der Verein vermittelte eine Zeit lang unter dem Stichwort „Großelterndienst“ (siehe Infokasten) freiwillig engagierte ältere Menschen mit Familien, die Bedarf hatten an Leihomas oder Opas.
Dadurch kam der Kontakt zu Elvin und seiner Familie aus Ingersheim zustande, der damals drei Jahre alt war und auch heute noch gerne mit seiner Oma Birgit Ausflüge unternimmt. Auch holt sie ihn gelegentlich von der Schule ab. Wie kürzlich, als um 14 Uhr das Schulfest begann und Elvins Mutter bis 15 Uhr arbeiten musste. „Wir sind wie eine Familie, feiern Weihnachten und Geburtstage zusammen“, erzählt die Sechzigjährige beim Gespräch mit der BZ im Bietigheimer Bürgergarten.
Ihre leiblichen Enkelkinder sind acht Jahre und drei Monate alt, die zwei sieht sie etwa einmal die Woche. Ihre achtjährige Enkelin und ihr Leihenkel Elvin verstehen sich sehr gut und unternehmen öfter etwas gemeinsam mit ihrer Oma Birgit.
Da Elvin nun schon elf Jahre alt ist hat sich Birgit Gebhardt-Barkowsky auf die Suche nach neuen kleineren Leihenkeln gemacht, und einen Aufruf auf Facebook gestartet. Sie entschied sich für eine Familie mit einem sechsjährigen und einem zweijährigen Jungen, die wie sie in Sachsenheim wohnen.
„Es ist wichtig, dass es zwischenmenschlich passt - zwischen Eltern, Kind und mir“, sagt sie. Leihoma und -enkel sind seit vier Wochen in der Kennenlernphase gemeinsam mit den Eltern der Kinder, und es klappe sehr gut. „Am Anfang ist es wichtig, dass man sich häufig sieht, ein bis zweimal die Woche“, sagt Gebhardt-Barkowsky. Danach seien die Treffen je nach Bedarf, etwa alle zwei Wochen. Die Sachsenheimerin ist selbst noch voll berufstätig, arbeitet als Hygienefachkraft in Stuttgart. Gut findet sie, dass sie damals als Leihoma beim Verein ein Führungszeugnis vorlegen musste, „da hat man was in der Hand“.
Am liebsten draußen unterwegs
Mit den Kindern ist die Sachsenheimerin am liebsten draußen. Ihr Mann begleitet sie gern zu den Ausflügen mit den Kindern. Mit Leihenkel und Enkelin fahren sie mit dem Zug in den Karlsruher Zoo, Billardspielen oder zum Minigolf. Oder sie gehen einfach auf den Spielplatz und „am liebsten in den Wald, das ist immer ein schöner Abenteuerausflug.“
Besonders freut sie, selbst „völlig fußballvernarrt“, dass ihr neuer Leihenkel Fußball spielt. So begleitet sie den Sechsjährigen zum Training und beobachtet am Fußballplatz mit seinem zweijährigen Bruder die Ameisen. „Kinder sehen Dinge, die wir Erwachsenen gar nicht mehr beachten“, zählt sie einen Grund auf, warum sie sich als Ersatzoma engagiert und weiter: „Es ist echt erfüllend und so schön.“ Das müssten viel mehr Senioren machen, findet sie.
Senioren, die sich in der Kinderbetreuung „in moderatem Maß“ einbringen, profitieren gesundheitlich, wie etwa eine internationale Langzeitstudie 2016 von Forschenden der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Basel ergab. Demnach leben Großeltern, die sich um ihre Enkelkinder kümmern, im Schnitt länger als Großeltern, die das nicht tun.
Birgit Gebhardt-Barkowsky weiß, wie wichtig Großeltern oder Ersatzgroßeltern für Familien sein können. Sie selbst war mit ihren drei Söhnen sieben Jahre lang alleinerziehend, arbeitete im Nachtdienst als Krankenschwester. „Wenn ich meine Eltern nebenan als Unterstützung in der Kinderbetreuung nicht gehabt hätte, wäre ich echt aufgeschmissen gewesen“, erzählt sie.
Engagement ist ehrenamtlich
Die Herausforderung sei abzuwägen, wie weit die Kapazitäten im Alter für die Kinder reichen. Die Familien verstehen sich gut – so zeige der 29-jährige Sohn von Birgit Gebhardt-Barkowsky dem elfjährigen Leihenkel Elvin derzeit etwa, wie ein Chemiekasten funktioniert.
Geld nimmt sie für ihr Engagement keines. „Klar bekomme ich auch mal ein Geschenk oder wir werden zum Essen eingeladen. Aber ich bin Oma, es ist wie Familie.“
Eltern etwas Zeit schenken
Elke Weeber aus Ingersheim sieht sich selbst nicht wirklich als Leihoma. Ihre Enkelkinder wohnen weit weg, in Bielefeld, und der 66-Jährigen macht es Spaß, Zeit mit kleinen Kindern zu verbringen.
Also besucht die Rentnerin jeden Donnerstagnachmittag das Café Bambini, ein Begegnungsort in Ingersheim für Familien mit Kindern. Dort hilft sie auf die Kleinen aufzupassen, „damit die Eltern sich mal in Ruhe unterhalten können“. Mit etwa fünf Kindern verbringt sie sporadisch auch sonst Zeit, begleitet sie ins Turnen oder spielt mit ihnen zu Hause. Wenn es sich eben ergibt: „Ich war Jahrzehnte gebunden an Familie und Arbeit, nun möchte ich keine festen Verpflichtungen mehr eingehen.“ Wenn es aber bei ihr zeitlich passe, dann sei sie da und unterstütze sehr gerne Familien mit Kindern.
Kaum Interesse und Anlaufstellen für das Ehrenamt
Ihr Vermittlungsangebot zwischen Leihgroßeltern und Leihenkeln haben die Aktiven Senioren Bietigheim-Bissingen vor ein paar Jahren aufgegeben. Der Grund: Es gab einfach keine Senioren mehr, die sich für dieses Ehrenamt gemeldet haben, so Dieter Friedrich, Vorsitzender des Vereins.
„Nicht nur junge. auch ältere Leute sind heute offenbar nicht mehr bereit, eine längere Bindung einzugehen“, erklärt sich Friedrich das mangelnde Angebot an Ersatzomas und -opas. Die Nachfrage von Seiten der Familien sei weiterhin da. Dabei sei das Engagement eine sehr gute Sache, findet er für beide Seiten. „Das ist auch unser Ziel, ältere Leute mit jüngeren zusammenzubringen.“
Auch in Ludwigsburg gab es eine Vermittlungsstelle des Seniorenbüros bezüglich „Wunsch-Großeltern“. Das Angebot gibt es nicht mehr, wie ein Pressesprecher der Stadt mitteilt.
Die S tadt Kornwestheim vermittelt noch ehrenamtliche Seniorinnen und Senioren an junge Familien, die eine vertrauensvolle Bezugsperson für gelegentliche Kinderbetreuung suchen. „Doch es melden sich seit Längerem keine Senioren mehr“, sagt Vanessa Bilger, die als Quartiersmanagerin das Angebot betreut. „Es ist die Frage, wie fit genug man im Alter ist, um auf Kinder aufzupassen.“ Und Senioren, die fit genug sind, wollten meist ihre Freiheit ohne Verpflichtungen genießen. „Schade um den geneartionenübergreifenden Austausch, findet sie.
Auch Sabine Frank, Quartiersmanagerin im Familienbüro Asperg, vermittelt im Seniorinnen und Senioren mit Leihenkeln – auch hier gebe es kaum Interessenten von Seiten der Älteren. Die sechs Familien, die sie in den vergangenen Jahren mit Leihgroßeltern vermittelt habe, seien „unfassbar glücklich über die Verbindung“, erhält sie die Rückmeldung. Frank hofft, dass sich wieder mehr Senioren für die ehrenamtliche Tätigkeit melden, denn der Bedarf bei den Familien sei groß.
