Lilly Auer strahlte über das ganze Gesicht. „Dieser schöne Brauch des Urzelnlaufs macht mir Jahr für Jahr sehr viel Freude. Ich hoffe, dass diese Tradition noch lange bewahrt wird“, erklärte die 100-jährige Großsachsenheimerin, die alljährlich die Brauchtumsvorführungen der Hästräger auf dem Äußeren Schlosshof mit großer Begeisterung verfolgt.
Sachsenheim Mit Peitschenknall und Schellenklang
Rund 500 Urzeln aus ganz Deutschland begeistern am Samstag in Sachsenheim mit ihrem Brauchtum die Generationen.
Zum ersten Mal bei Urzelnlauf mit von der Partie war die 15-jährige Lisa, die mit viel Elan ihre Peitsche knallen ließ. „Ich habe oft beim Urzelnlauf zugeschaut und wollte gerne einmal selbst mitmachen. Endlich hat sich mein Traum erfüllt“, schwärmte Lisa. Dass dieser Brauch des Urzelnlaufs aus Agnetheln in Siebenbürgen die Generationen miteinander verbindet, bewiesen auch Birgit und Jule Andree, die zu den fünf Reifenschwingerinnen bei den Brauchtumsvorführungen zählten und zur Pyramide gestapelte Weingläser in einem Reifen über ihren Köpfen kreisen ließen. „Ich bin sehr stolz darauf, dass meine Tochter Jule diese Tradition in unserer Familie fortführt und inzwischen sogar sechs Gläser in ihrem Reifen balancieren kann“, erklärte Andree.
500 Urzeln am Wasserschloss
Unter Anführung der musikalischen Klänge der Stadtkapelle Sachsenheim versammelten sich rund 500 Urzeln aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Schellenklang und Peitschenknall vor der Kulisse des altehrwürdigen Wasserschlosses im Herzen Großsachsenheims, wo Zunftmeister Thomas Lutsch auch zahlreiche Zuschauer begrüßen konnte. Auch Bürgermeister Holger Albrich nimmt selbst seit 1977 als Urzel mit der Nummer 530 in seinem dunklen Häs an der Traditionsveranstaltung teil. Albrichs Amtsvorgänger Andreas Stein und Horst Fiedler wiederum, dessen Tochter Anna unter den Urzeln war, gehörten zum begeisterten Publikum vor dem Wasserschloss.
„Ob’s schneit, ob`s stürmet oder regnet, wenn heut ein Zottel dir begegnet, dann weiß du heute ist Urzelntag“, begrüßte der Sachsenheimer Schultes die Gäste. Er wies in seiner Rede daraufhin, dass die Tradition des Urzelnlaufs der Stadtgemeinschaft in Sachsenheim Halt spende und die Menschen weit über die Stadtgrenzen hinaus miteinander verbinde.
Dies konnte auch Hästrägerin Jasmin Henning aus Kleinsachsenheim bestätigen, deren Schwiegervater die Gruppe der violetten Parte anführte und in dessen Haus sich am Morgen des Urzelntages bis zu 50 Urzeln getroffen hatten, um den Tag gemeinsam zu beginnen. „Schon frühmorgens um 5 Uhr waren wir unterwegs. Heute gibt es zum Essen wieder Krautwickel wie in Siebenbürgen, woher meine Schwiegereltern stammen“, schilderte Henning.
Freudentränen beim Wiedersehen
In Siebenbürgen haben die zotteligen Gesellen früher die Zunftlade begleitet, die zum Haus des neuen Zunftmeisters gebracht wurde. An die unterschiedlichen Zünfte erinnern noch heute die Brauchtumsvorführungen. So ließ Treiber Alfred Hütter seinen Bär alias Daniel Schröpfer im melodischen Takt auf dem Schlosshof tanzen, wobei Dieter Fielk die schwere Kürschnerkrone mit den vier Füchsen drehte. Mummerl Christian Lang tanzte mit seinem Schneiderrösslein alias Christiane Lang, und Hauptmann Hans-Walter Thellmann hatte das Oberkommando über das kunterbunte Treiben, bei dem immer wieder laute „Hirräi“-Rufe zu hören waren.
„Hallo und willkommen“
„Hirräi heißt bei uns in Siebenbürgen ‚Hallo und willkommen‘“, sagte Zunftmeister Lutsch. Auch im Stadtteil Spielberg hatten die Urzeln zuvor vor den Augen von vielen Zuschauern und Ortsvorsteherin Viola Lepp ihre Vorführungen gezeigt. „Der Lauf durch die Stadtteile von Sachsenheim ist jedes Jahr ein Erlebnis bei toller Stimmung“, sagte Kerstin Haible, die bei den Sachsenheimer Urzeln für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
In Hohenhaslach wurden die Urzeln von den Landfrauen am Backhaus empfangen und mit Köstlichkeiten verwöhnt. Bei Pfarrer Dieter Hofmann von der Evangelischen Kirchengemeinde schauten die Urzeln traditionsgemäß ebenfalls im Pfarrhaus vorbei, bevor sie in der Sporthalle gemeinsam feierten. „Wir freuen uns in jedem Jahr, wenn wir uns am Urzelntag wiedersehen und unsere Gemeinschaft pflegen können. Da fließen auch ein paar Freudentränen“, betonte Haible dankbar.
