Jedes Jahr im Juni, dem sogenannten „Pride Month“, machen weltweit die Mitglieder der LGBTIQ-Gruppierungen auf die Bedeutung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt aufmerksam und wenden sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. In Sachsenheim gab es dazu bisher so gut wie keine Veranstaltungen.
Sachsenheim „Queere Menschen sichtbar machen“
Noah aus Sachsenheim will „Kleinstadt Queers“ in der Stadt mit Büchertisch und Austauschtreffen sichtbar machen, um ein Angebot für queere Menschen zu schaffen.
Das will Noah unter dem Motto „Kleinstadt Queers“ ändern. Der 28-Jährige, der als Frau geboren wurde und sich zu den queeren Menschen zählt, hat in der Stadtbücherei einen Büchertisch gemeinsam mit Leiterin Sarah Simon-Burger mit den unterschiedlichsten Literaturempfehlungen von Bilderbüchern über Biografien bis zu Sachbüchern zusammengestellt.
Bücher halfen Noah
„Queer bedeutet so viel mehr als nur schwul oder lesbisch. Dazu muss in der Öffentlichkeit noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Mit dem Büchertisch will ich die Neugier wecken“, sagt Noah. Er erinnert sich an die Zeit, als er wahrgenommen hat, dass er sich anders fühlt und nicht wie ein heterosexuelles Mädchen. Er konnte diese Emotionen aber zunächst nicht in Worte fassen und hat selbst viel in Büchern gelesen, die ihm geholfen haben, sich öffentlich als „queer“ zu bekennen. Unter dieser Bezeichnung, die im Englischen ursprünglich abwertend seltsam oder sonderbar bedeutet, werden heute alle sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten sowie Lebensweisen zusammengefasst, die nicht den heterosexuellen oder zweigeschlechtlichen Normvorstellungen entsprechen.
„Ich bin dankbar, dass ich bisher viele positive Erfahrungen machen durfte und immer Menschen um mich hatte, die mich begleitet und unterstützt haben. Das möchte ich mit anderen queeren Menschen teilen“, so Noah, der inzwischen mutig zu sich selbst steht.
Daher will er ab 29. August im Tender-Bahnhofsgebäude in Großsachsenheim von 18 bis 20 Uhr monatliche Treffen für „Kleinstadt Queers“ anbieten. „Ich habe lange in einer Großstadt in Deutschland gelebt, und dort gab es für queere Menschen sehr viele unterschiedliche Veranstaltungen und Möglichkeiten sich zu treffen. In Sachsenheim gibt es diese bisher noch nicht“, schildert Noah.
Er setzt darauf, dass auch queere Menschen in der Stadtgesellschaft sichtbar werden. „Das hätte mir damals bei meinem ‚Coming-Out‘ geholfen. Der Austausch mit anderen, die Ähnliches fühlen, ist so wichtig und macht Mut fürs eigene Leben“, sagt Noah und blättert im Bilderbuch „Florian“, das zu seinen Lieblingstiteln auf dem Büchertisch gehört. Darin outet sich ein Kind als trans und erfährt dabei viel Akzeptanz im familiären Umfeld, bei Freunden und in der Schule.
Sich in Büchern wiederfinden
„Das wünsche ich jedem Menschen, der so empfindet. Das Buch vermittelt so kindgerecht dieses Thema, und man kann sich selbst mit seinen Gefühlen darin wiederfinden“, sagt Noah. Auch Bücherei-Leiterin Simon-Burger registriert bei ihren Nutzern eine gewisse Nachfrage nach dieser Art der Literatur und hat mit der Beratung von Noah ihr Sortiment in den vergangenen Wochen kontinuierlich erweitert. „Unsere Bücherei in Sachsenheim steht für die ganze Gesellschaft, die vielfältig und bunt ist. Niemand soll sich hier ausgegrenzt fühlen. Wir wollen jedem ein Angebot machen“, unterstreicht Sarah Simon-Burger, die den Büchertisch den ganzen Sommer hindurch stehen lassen will.
„Es ist mir wichtig, queere Menschen in unserer Kleinstadt sichtbar werden zu lassen. Das liegt mir sehr am Herzen“, sagt Noah, der seinen Nachnamen nicht nenne möchte, denn im Hinterkopf hat er immer noch die Sorge vor Diskriminierung oder öffentlicher Anfeindung. Dass sein Angebot auf Interesse stößt, hat er bereits gemerkt, denn schon haben sich erste Interessenten für die Treffen im Tender gemeldet.
