Wir können keine Therapien oder auch nur Therapieansätze anbieten, sondern haben uns im Oktober 2024 als offener Gesprächskreis für an Demenz Erkrankte und deren Angehörige gegründet“, sagt Nicola Raichle. Seitdem hat sich dieses Angebot, welches immer am ersten Dienstag im Monat von 14 bis 16 Uhr im Haus der Senioren im Schlosspark stattfindet, fest etabliert, ist gar zum Selbstläufer geworden.
Sachsenheim „Reden heilt nicht, aber es kann helfen“
Seit knapp zwei Jahren gibt es den Gesprächskreis Demenz, der Anlaufpunkt für Betroffene und Angehörige sein soll.
Implus des Ganzen war auch der Wille der Stadtverwaltung, Sachsenheim zu einer demenzfreundlichen Kommune zu machen. Aus diesem Grund gibt es nun seit geraumer Zeit das Kompetenzteam aus eben Nicole Raichle vom Seniorenbüro der Stadt sowie Claudia Queisser von der kirchlichen Sozialstation und Patricia O’ Rourke vom Pflegeheim Sonnenfeld.
Integration und Hilfestellung
Die Integration von an Demenz erkrankten Bürgern ist das vorderste Ziel, und so gibt es neben dem Gesprächskreis seit geraumer Zeit, ebenfalls immer dienstags, allerdings wöchentlich, das Café „EMmA“ („Ein Mittag mit Anderen“), initiiert von der kirchlichen Sozialstation (die BZ berichtete), oder, am heutigen Donnerstag, von 18.30 bis 20 Uhr den Runden Tisch für Senioren im Haus der Senioren.
Auch wenn der Gesprächskreis sich gleichermaßen an Betroffene wie an deren Angehörige richtet, sagt Raichle, seien es doch eher die unmittelbaren Verwandten oder Bekannten der Erkrankten. „Viele, das habe ich gemerkt, sind von dem, über was in unseren Gesprächskreises geredet wird, erschrocken oder damit überfordert“. Denn viele stünden noch am Anfang ihrer Erkrankung und würden aus den Schilderungen der Betroffenen mitbekommen, wie es sein könnte, wenn die dementen Menschen immer mehr in ihrem „Paralleluniversum“ leben und ihnen ihr bisheriges Leben mehr und mehr entgleitet.
„Schilderungen von der Mutter, die wiederholt die Herdplatte anlässt, die Ehefrau, die den Weg zur Toilette nicht mehr findet oder der Ehemann, der frühmorgens mit Schlafanzug und Pantoffeln zum Spaziergang aufbrechen möchte, das wollen die Demenzpatienten begreiflicherweise nicht hören.“ Und daher sei es gut, wenn sich die Betroffenen miteinander über eben diese „Ausbrüche“ austauschten, ihre Erfahrungen, sowohl jene, die weiter in der Vergangenheit lägen als auch natürlich aktuelle, teilten, sich psychisch aufbauten, einander Stützen seien.
Gegenseitig ermutigen
„Reden heilt nicht, aber es kann helfen“, weiß Raichle, „und so haben die an dem Kreis Teilnehmenden das gute Gefühl, sich gegenseitig zu ermutigen und durch den einen oder anderen wertvollen Tipp oder einen neuen Denkanstoß besser mit der Situation fertig zu werden.“ Aktuell kämen zwischen sechs und acht Personen zu diesem Treff, und bei Kaffee und Kuchen oder süßen Stückle entstünde immer in einem lockeren Rahmen ein Austausch, bei dem jeder Betroffene gestärkt nach Hause gehe.
Sollten, was durchaus vorkommt, auch mal mehrere Teilnehmer den Weg ins Haus der Senioren finden, dann teile man diese in zwei Gruppen auf, denn ansonsten würden die angesprochenen Themen schnell etwas untergehen. Raichle: „Wir wissen doch alle allzu gut, dass es Wunder wirken kann, wenn man sich das Erlebte von der Seele reden kann.“ Sie selbst agiere dabei lediglich als Moderatorin und als Mediatorin, „denn nicht alle sind extrovertiert, manche unsere Gäste wollen auch etwas aus der Reserve gelockt werden.“ Das Angebot richtet sich übrigens nicht nur an Demenzkranke und Betroffene aus Sachsenheim, sondern es sind Gäste aus der ganzen Region willkommen, sagt Raichle. Wie zum Beweis betreten just zu diesem Zeitpunkt Annett und Gisela Leidel aus Hessigheim den Raum. Sie sind heute das erste Mal hier und schon gespannt, wie das Ganze so ablaufen wird.
Freundschaften entstehen
Schon länger im Gesprächskreis Demenz mit dabei ist Ingrid Gruß aus Kleinsachsenheim, die ebenfalls gerade am Tisch Platz nimmt. „Wie gesagt, wir bieten keine Therapieansätze an, wollen aber zuvorderst, dass sowohl die Betroffenen als auch die Angehörigen die Tabuzone verlassen, den Schambereich überwinden und sich mit uns über die Krankheit Demenz, die so viele unterschiedliche Verlaufsformen und Symptome hat, zu reden und sich mit ihr zu befassen – in einem Rahmen, der Vertrautheit und Diskretion verspricht.“
Und bei all den erfolgreichen Sitzungen gebe es, so Nicole Raichle, auch noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: „Einige unserer Gäste sind mittlerweile ehrenamtlich beim Café ,EMmA’ engagiert“, und es seien auch allgemein schon einige Freundschaften entstanden. In den Sommermonaten August und September fänden nun keine Gesprächskreise statt, „dafür treffen sich die Gäste dann zusammen mit Claudia Queisser im Café Clement neben dem Rewe-Markt.“
