Wir sagen immer: Leichte Sprache zu übersetzen ist alles andere als leicht“, sagt Ulla Staiber und lacht. Die zertifizierte Übersetzerin für Leichte Sprache bei der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker hat mit der BZ über das Thema gesprochen, das vielen Menschen vermutlich gar nicht geläufig ist. Ein Beispiel: „Leichte Sprache ist leicht zu lesen und zu verstehen. Sie ist vor allem für Menschen mit Lern-Schwierigkeiten. Aber auch für andere Menschen. Man kann Leichte Sprache schreiben und sprechen. Dafür gibt es feste Regeln.“ Dies ist ein Auszug aus der Ausstellung zum Thema Leichte Sprache von der Lebenshilfe, die aktuell im Café L’ink im Seniorenheim Sonnenfeld in Sachsenheim gastiert.
Sachsenheim/Vaihingen „Barrierefreiheit geht uns alle an“
Im Café L’ink in Sachsenheim findet bis zum 14. Juli eine Ausstellung zum Thema Leichte Sprache statt.
Die Lebenshilfe setzt sich für Menschen mit Behinderungen ein, das Büro für Leichte Sprache mit Sitz in Vaihingen ist Teil davon. „Es handelt sich um vereinfachte Alltagssprache mit kurzen Sätzen, mit einer Aussage pro Satz und mit so wenig Fremdwörtern wie möglich“, erklärt Ulla Staiber. Sind Fremdwörter unvermeidbar, werden diese verständlich erklärt. Mittlerweile richtet sich Leichte Sprache nicht mehr nur an Menschen mit Lernschwierigkeiten, sondern auch an Ältere, an Menschen mit Migrationshintergrund oder an Analphabeten. Zudem gibt es ein eigenes Regelwerk und es wird mit Bildern gearbeitet, die einfach und erkennbar gezeichnet sind.
Leichte Sprache in vielen Bereichen
Die Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker arbeitet nach den Regeln des Netzwerks Leichte Sprache, das sich seit 2006 für Leichte Sprache im Alltag, in der Politik und in Ämtern einsetzt, sowie nach der europäischen Organisation Inclusion Europe.
Zum Tag der Leichten Sprache am 28. Mai hat die Lebenshilfe eine Ausstellung ins Leben gerufen, die derzeit im Café L’ink in Sachsenheim aushängt. Mehrere Plakate erklären, was Leichte Sprache ist – geschrieben sind sie natürlich auch in Leichter Sprache. „Wir veranstalten jedes Jahr eine Aktion zum Tag der Leichten Sprache, um die Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen“, sagt Staiber. Auch den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai sowie den Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember feiert der Verein.
Das Büro der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker gibt es seit fünf Jahren. Ulla Staiber ist als Lehrerin und Heimerzieherin tätig gewesen, bevor sie im Büro Leichte Sprache angefangen hat. Sie hat die Fortbildung zur zertifizierten Übersetzerin vor zwei Jahren absolviert. „Man lernt unter anderem die verschiedenen Regeln der Leichten Sprache kennen“, sagt sie. Neun Mitglieder der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker sind für die Leichte Sprache zuständig.
Verständliche Übersetzung
Gemeinsam mit ihrer Kollegin Katrin Saalbach kümmert sich Staiber um die Übersetzung beispielsweise von Flyern, Formularen oder Internetseiten. Auch die Homepage der Lebenshilfe soll bald in Leichter Sprache ausgespielt werden.
„Die Übersetzungen sind sehr individuell“, erklärt sie. Je nachdem ob es zu einem bestimmten Thema umfassende Recherchen bedarf, könne eine Übersetzung viel Zeit in Anspruch nehmen. Anschließend erfolgt die Prüfung durch eine Prüfgruppe bestehend aus Menschen mit Lernschwierigkeiten.
Sie schauen auf Verständlichkeit und gegebenenfalls geht der Text dann noch einmal in die Übersetzung. Das Büro prüft auch Texte von Kunden oder bietet Schulungen zum Thema Leichte Sprache an.
Wichtigste Aussagen herausfiltern
Die Arbeit kann manchmal herausfordernd sein, so Staiber. Beispielsweise, wenn es darum geht, die Kernaussage eines Textes herauszufinden. Trotzdem hat sie großen Spaß daran: „Ich finde, es ist eine sehr sinnvolle Aufgabe“, sagt sie.
Zudem bringt die Lebenshilfe dreimal im Jahr ein Magazin mit dem Namen „Lebens-Zeichen“ heraus. Es behandelt aktuelle Themen, zum Beispiel die Themen Gewalt, Wahlen oder Partnerschaft und erklärt sie in Leichter Sprache. Staiber und ihre Kollegin Saalbach übernehmen redaktionelle und gestalterische Aufgaben wie Recherche, Interviews und Layout.
„Wir als Gesellschaft werden in die Pflicht genommen, Leichte Sprache zu verwenden“, sagt Staiber und spricht neben dem Bundesteilhabegesetz (BTHG), das die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen verbessern soll, auch die Barrierefreie Informationstechnikverordnung (BITV) an. Diese nimmt Ämter in die Pflicht, ihre Internetseiten in Leichter Sprache anzubieten. „Barrierefreiheit geht uns alle an – und zwar nicht erst, wenn man selbst betroffen und darauf angewiesen ist“, sagt Staiber.
Keine Kindersprache
Neben vielen positiven Stimmen würden sich einige noch schwer damit tun, Leichte Sprache zu akzeptieren, sagt sie. „Wir haben zum Beispiel schon Nachrichten bekommen, dass wir die deutsche Sprache verunglimpfen würden.“ Manchmal würde Leichte Sprache auch als „Kindersprache“ bezeichnet, doch Ulla Staiber macht klar: Das ist ein Irrtum. Denn Leichte Sprache richtet sich an erwachsene Menschen und nimmt sie ernst, indem sie ihnen bei der Verständlichkeit hilft. Ihr Appell: „Menschen mit Beeinträchtigungen sind ein Teil unserer Gesellschaft. Deswegen müssen wir unbedingt auf sie achten.“
Wanderausstellung der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker
Die Ausstellung
zum Thema Leichte Sprache gastiert noch bis Montag, 14. Juli, im Café L’ink im Seniorenheim Sonnenfeld in Sachsenheim. Ab Dienstag, 15. Juli, bis Dienstag, 1. August, werden die Plakate dann in der Bücherei in Bietigheim-Bissingen aufgehängt. Ihren Abschluss findet die Wanderausstellung von September bis Ende Oktober bei der Volkshochschule (vhs) in Mühlacker.
