Sachsenheim „Viele Eltern wissen nicht, was ein Kindernest ist“

Von Bigna Fink
Die Sachsenheimer Minimäuse beim Morgenkreis: Die Tagesmütter Angela Castello (links) und Hannah Bahnmaier sind seit zehn Jahren, als sie im selben Kindergarten gearbeitet haben, gut befreundet. 2025 haben sie ihren lang gehegten Traum eines Kindernestes verwirklicht. Foto: /Martin Kalb

Seit Mai 2025 gibt es die „Minimäuse“ in Sachsenheim. Zwei Tagesmütter betreuen hier bis zu zehn kleine Kinder aus der Stadt und Umgebung.

Um kurz nach 7 Uhr morgens klingelt es schon an der Haustür, und Angela Castello nimmt herzlich das erste Kind in Empfang.

Sie und ihre Kollegin und Freundin Hannah Bahnmaier sind ausgebildete Tagesmütter und haben im Mai 2025 das erste Kindernest in Sachsenheim gegründet, die „Minimäuse“.  Dafür haben Castello und ihr Mann den ersten Stock in ihrem Haus für die Kindertagespflege saniert und kindgerecht eingerichtet. Auch ein Gartenanteil gehört dazu. Mittlerweile betreut das Zweierteam acht kleine Kinder im Alter von eins bis drei Jahren. Ein Platz sei reserviert für ein weiteres Kind und ein Platz noch frei. Die qualifizierten Kindertagespflegerinnen sind selbst Mütter: Die 30-jährige Hannah Bahnmaier hat dreijährige Zwillinge und Angela Castello zwei bereits erwachsene Kinder.

Hühner erleichtern Eingewöhnung

„Viele Eltern wissen nicht, was ein Kindernest ist“, macht Castello immer wieder die Erfahrung über ihr Angebot, das offiziell Großtagespflege genannt wird. Dabei haben sich zwei oder mehr Tagespflegepersonen zusammengefunden. Speziell im Raum Ludwigsburg wird die Betreuungsform, bei der bis zu zehn Kleinkinder in angemieteten Räumen familiär betreut werden, Kindernest genannt. In anderen Regionen heißt dieses Angebot anders, etwa „TigeR“ in Reutlingen.

Wie einzelne Tagesmütter sind Kindernester eine Alternative zur frühkindlichen Betreuung in der Krippe. In den Räumlichkeiten der Minimäuse in Sachsenheim stehen den Kleinkindern ein großes Spiel- und ein Badezimmer, ein Schlafraum sowie ein Bewegungsraum mit Essbereich zur Verfügung. „Angie“ Castello und ihre Familie halten im Garten nebenan fünf Hühner, einen Hahn und einen Hasen. Vom Balkon aus füttern die Kinder die Hühner oft mit Körnern. „Das ist toll, besonders während der Eingewöhnung“, erzählt Castello mit Blick auf die ersten Tage der Kinder bei den Minimäusen, wenn beim Abschied der Eltern schon mal Tränen verdrückt werden. „Das ist Trick 17“, sagt Castello lachend: Durch die Beschäftigung mit den Tieren ist der Trennungsschmerz meist schnell vergessen.

Die Betreuungszeit ist bei den Minimäusen von 7 bis 15 Uhr. Nach dem Frühstück und Morgenkreis gehe es meist hinaus, auf einen Spielplatz, in den Garten, zur Anlage der Kleintierzüchter oder in den Wald – „je nachdem, wie die Kinder drauf sind“, sagt Castello. Dass die Erzieherinnen ganz individuell auf die Bedürfnisse der kleinen Gruppe eingehen können, „das ist auch das Schöne an dieser Betreuungsform“.

Täglich gibt es ein selbstgekochtes Mittagessen, dann folgen der Mittagsschlaf und am Nachmittag das „freie Spiel“, bis die Eltern oder Großeltern die Kleinen abholen.

Im Kreis Ludwigsburg gibt es aktuell 34 Kindernester, teilt das Landratsamt, Kompetenzzentrum Kindertagesbetreuung, mit. 218 Kindertagespflegepersonen betreuen rund 742 Kinder im Kreis.

Derzeit sinkt die Nachfrage nach Betreuungsplätzen in der Kindertagespflege, da die Zahl der unter Dreijährigen durch den Geburtenrückgang zurückgeht, heißt es etwa vom Bundeszentrum Kita- und Schulverpflegung. Auch der Kita-Ausbau im Land wird als Grund des reduzierten Betreuungsbedarfs genannt. Viele Tageseltern im Land klagen laut Zeitungsberichten über Existenzängste.

„Wir merken diese Entwicklung auch, aber wir haben Glück“, sagt Angie Castello. „Wir sind ja kleiner als ein Kindergarten, und viele Familien entscheiden sich bewusst für uns.“ Ein Vorteil sei auch: „An dem einen Tag mag das Kind vielleicht lieber zu der einen Tagesmutter, an dem anderen Tag lieber zu der anderen“, so die 45-Jährige. „Das ist natürlich super, dass die Kleinen da entscheiden können.“

Im Kreis Ludwigsburg besteht ein bedarfsunabhängiger Anspruch auf Kindertagespflege für Kinder von ein bis drei Jahren für bis zu 30 Stunden in der Woche. „Es ist schon ein Problem, dass viele Eltern von der Förderung nichts wissen“, sagt Castello. Tagesmütter sind selbstständig tätig und haben mit den Eltern einen privatrechtlichen Vertrag. Vom Landkreis werden Tageseltern finanziell durch eine laufende Geldleistung gefördert, die in Baden-Württemberg vergleichsweise hoch, bei 8,20 Euro pro Kind und Stunde, liegt. Der Elternkostenbeitrag ist dabei oft viel geringer als die Gebühr für einen Krippen- oder einen Kitaplatz.

Tag der offenen Tür am Samstag

Die Zusammenarbeit mit der Stadt Sachsenheim sei etwas zäh an gelaufen, sagt Castello. Einige Jahre suchten die beiden befreundeten Tagesmütter vergeblich nach geeigneten Räumlichkeiten. Nun ist sie froh: Seit März 2026 erhält das Team der Minimäuse nun Unterstützung, indem die Kommune die Miete der Räumlichkeiten zahlt. Bedingung von der Stadt ist, dass mindestens sechs Kinder aus Sachsenheim kommen. Weitere der „Minimäuse“ kommen aus Metterzimmern, Sersheim und Kleinglattbach. Am Samstag ist in puncto Infos zur Kindertagespflege nicht nur in Bietigheim-Bissingen (siehe Infokasten), sondern auch bei bei den Minimäusen in Sachsenheim etwas geboten: Die Kindertagespflegeeinrichtung feiert ihr einjähriges Bestehen und lädt von 10 bis 13 Uhr alle Familien, Freunde und Gönner zum Tag der offenen Tür ein.

Aktionswoche zur Kindertagespflege im Kreis

Unter dem Motto „Gut betreut in der Kindertagespflege“findet diese Woche, bis Sonntag, 10 Mai, bundesweit und so auch im Kreis Ludwigsburg die jährliche Aktionswoche Kindertagespflege statt. Ziel davon ist es, die Kindertagespflege als Betreuungsform bekannter zu machen und vorzustellen.

Am Samstag, 9. Mai, ist das Kompetenzzentrum Kindertagesbetreeung von 10 bis 13 Uhr mit einem Infostand auf dem Bietigheimer Kronenplatz vertreten.

www.kindernest-minimäuse.de

 
 
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