Sachsenheim Vorlesung in der Natur

Von Martin Hein
Die Dozenten Dr. Moritz von Cossel (links) und Dr. Andrea Bauerle von der Universität Hohenheim untersuchen zusammen mit Studenten die Blühwiesen der Familie Weißschuh Foto: /Martin Kalb

Studenten der Universität Hohenheim untersuchen die Blühwiesen in Häfnerhaslach und begleiten dieses Projekt wissenschaftlich.

Es kommt sicher nicht alle Tage vor, dass zwei Kleinbusse der Universität Hohenheim in Häfnerhaslach Station machen. Die Fahrzeuge standen beim landwirtschaftlichen Anwesen der Familie Weißschuh.

Die rund 50 Hektar Blühwiese, die die Familie Weißschuh im oberen Kirbachtal pflegt, haben das Interesse von Dr. Andrea Bauerle und Dr. Moritz von Cossel von der Universität Hohenheim geweckt. Nun haben die beiden Dozenten zusammen mit 15 Studentinnen und Studenten eine Exkursion ins obere Kirbachtal unternommen. Die 15 künftigen Agrarwissenschaftler, allesamt im vierten Semester, belegen das Bachelor-Modul „Grünlandbewirtschaftung“. Die Exkursion im Rahmen einer Vorlesung in Häfnerhaslach ist einer von wenigen Vor-Ort-Terminen.

Jasmin Weißschuh appellierte eingangs an die Studenten, falls deren berufliche Karriere sie einmal auf ein Amt führen sollte, sollen sie bitte regelmäßig in die Natur rausgehen und mit den Landwirten vor Ort sprechen. Jasmin Weißschuh regte mit Blick auf die Pflegeverträge, beispielsweise für Blühwiesen an, den Landwirten mehr Freiheiten zu geben.

Potenzial für Abschlussarbeiten

Aus pflanzenbauwissenschaftlicher Sicht bergen solche Blühwiesen wie von Familie Weißschuh ein großes Potenzial für Projekte und Abschlussarbeiten über die Chancen und Herausforderungen der Biodiversitätsforschung im Dauergrünland, erläutert Moritz von Cossel. Solche artenreiche Blühwiesen seien stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht, so Moritz von Cossel weiter. Um sie zu schützen müsse die Bewirtschaftung durch weniger Schnitte und geringere Düngung angepasst werden. Dadurch würden jedoch die Erträge und Futterwerte sinken, was durch entsprechende Förderprogramme kompensiert werden müsse.

Kennarten bereits kartiert

Die Studenten haben, so von Cossel, in den vergangenen zwei Wochen bereits die vorhandenen Kennarten kartiert. Damit habe man endlich Zahlen, die man statistisch auswerten könne. Andrea Bauerle betont den Praxisbezug solcher Lehrveranstaltungen.

Nach einer kurzen Begrüßung geht’s raus in die Natur. Auf einer großen Blühwiese in Richtung Zaberfeld erläutert Jasmin Weißschuh, dass diese Wiese seit 15 Jahren nicht mehr gedüngt wurde.

Sofort schwärmen die Studenten in das hüfthohe Gras aus und beginnen gleich mit der Bestimmung der Arten. „Auf einen Blick erkenne ich drei Kennarten“, ist von einer Studentin zu hören. Hier wächst Rotklee, dort Glockenblumen, Hornklee, der Salbei ist schon verblüht. Dazwischen flattern aufgeregt einige Große Ochsenaugen herum, die zur Familie der Edelfalter gehören.

Besonderes Interesse erregen die Gräser. „Das hier ist Wiesen-Goldhafer“ erklärt Student Paul Bumiller. Charakteristisch sei bei Wiesen-Goldhafer, dass im unteren Blattbereich Härchen nach unten gerichtet sind, sonst wäre es Glatthafer. Glatthafer wiederum sei eine Zeigerpflanze der Fettwiesen. Direkt neben dem Wiesen-Goldhafer wächst Wolliges Honiggras, Knaulgras und die Rapunzel-Glockenblume erläutert Paul Bumiller.

100 Bodenproben gezogen

Seit einigen Tagen machen die Studenten Philip Röcker und Marc Neuberger Bodenproben. Rund 100 Proben haben sie inzwischen auf den Blühwiesen bei Häfnerhaslach gezogen. Die Proben werden allesamt im Labor der Universität Hohenheim untersucht und ausgewertet. Dabei geht es beispielsweise um den Nährstoffeintrag, erklären die beiden angehenden Agrarwissenschaftler. Für die Laboranalysen werden laut von Cossel die Bodengehalte, wozu organisch gebundener Kohlenstoff, Phoshpor, Kalium und Magnesium gehören, untersucht. Desweiteren wird der PH-Wert des Bodens und die Bodentextur auf Ton, Schluff und Sand bestimmt.

Proben im Labor ausgewertet

Die Ergebnisse der Bodenproben dienen laut dem Dozenten dazu, die Zusammenhänge zwischen der floristischen Artenvielfalt und der Bewirtschaftungsweise, wozu die Art und Weise der Düngung sowie die Schnittnutzungshäufigkeit zählen, zu untersuchen.

Ein Schluss aus dieser Untersuchung könne beispielsweise sein, dass eine geringe bis moderate Düngung, je nach Standort und Bewirtschaftung, durchaus nötig sein könnte, um eine höhere Artenvielfalt zu erreichen. Eine zu starke Ausmagerung des Bodens hingegen könne nämlich auch zu einer Abnahme der Artenvielfalt führen, weil sich dann einige wenige Pflanzenarten, wie zum Beispiel der Zottige Klappertopf, am besten durchsetzen können.

„Wir wollen die Zusammenhänge verstehen“, sagt Moritz von Cossel, der auf aussagefähiges Zahlenmaterial hofft. „Wir versuchen, die Blühwiesen im Vergleich der übrigen Nutzflächen im Kirbachtal weiter wissenschaftlich zu begleiten, da hier das Thema des Zielkonflikts zwischen Biodiversitätsförderung und Ertragsmaximierung sehr gut im Praxismaßstab untersucht werden kann“. Dazu gehören Untersuchungen in Praxisflächen, Interviews mit involvierten Betrieben, Ämtern und Anwohnern sowie Laboranalysen und Literaturstudien.

 
 
- Anzeige -