Die „Marsch des Lebens“-Bewegung hat am Montagabend nun erstmals auch in Sachsenheim mit Erinnerungen und schlichten Zeremonien ein mutiges, eindrucksvolles Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. An der über zwei Stunden andauernden Aktion vom Sachsenheimer Bahnhof bis hin zur geschichtsträchtigen westlichen Peripherie am Eichwald hatten sich annähernd 150 Personen mit Israel-Fahnen und Transparenten beteiligt, um an die Shoa im Dritten Reich, das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 in Israel und aktuell Jahr für Jahr über rund 6000 antisemitische Straftaten wie Volksverhetzung, körperliche Attacken, Bedrohungen und Sachbeschädigungen in Deutschland zu erinnern.
Sachsenheim Weckruf wider den Antisemitismus
„Marsch des Lebens“ erinnert am ehemaligen Krankenlager an die Nazizeit und den aktuellen Judenhass in aller Welt.
Alles ging problemlos vonstatten – sieht man einmal von einem permanenten Zwischenrufer am Bahnhof ab, in dessen Vokabular „Zur Hölle mit Israel“ noch die mildeste Formulierung war. Er wurde von der Polizei abgedrängt.
Ortshistoriker Baden berichtet von der Deportation
Zum Auftakt des Marsch des Lebens am Sachsenheimer Bahnhof stimmten im Namen des Veranstalters Desiree Syring und der Unterriexinger Ortshistoriker Hans Bader auf die Thematik ein, wobei Bader daran erinnerte, wie KZ-Juden an dieser Bahnstation zu und von Zwangsarbeitsplätzen gebracht worden waren.
Sachsenheims Bürgermeister Holger Albrich sagte in seiner Ansprache, dass jeder Einzelne in der Gesellschaft den Opfern „gegenüber schuldig sei“, sich an den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung zu erinnern. „Wir müssen heute wachsam sein, wenn Vielfalt, andere Meinungen, andere Religionen und alles, was vielleicht irgendwie anders ist, infrage gestellt und angegriffen werden“, sagte er, und daraus folgernd, dass Erinnerungsarbeit dahingehend kein Wunsch, sondern eine Pflicht sei.
Der Rathauschef: „Ich sehe insbesondere die Schulen und Universitäten hier als wichtige Player, kommenden Generationen das Wissen über den Nationalsozialismus zu vermitteln. Mit dem ,Marsch des Lebens‘ heute setzen wir nicht nur einen, sondern ganz viele Stolpersteine für das Erinnern und gegen das Vergessen.“
Bürgermeister Hübner betontBedeutung des Marsches
Auf dem ehemaligen Flugplatz-Areal unterstrich – im Beisein auch von Sachsenheimer Gemeinderatsmitgliedern und dem stellvertretenden Oberriexinger Bürgermeister Erich Bannert – Markgröningens Bürgermeister Jens Hübner in einer unmissverständlichen Rede die Bedeutung von derlei Veranstaltungen in der näheren Heimat, „an Schauplätzen, die Leid, Unrecht und unmenschliche Grausamkeit mit sich brachten.“
Hübner spannte den Bogen bis hin in den Nahen Osten und hob auch die historische Verantwortung Deutschlands gegenüber den Juden hervor. Schon wieder würden gerade auch in Deutschland Menschen wegen ihrer Herkunft, Religion oder ihres Aussehens beschimpft, bedroht oder gar angegriffen – „und das dürfen wir nicht hinnehmen“, so Hübner.
Mit bemerkenswertem Erinnerungsvermögen erläuterte vor Ort der 90-jährige Sachsenheimer Ehrenbürger und Ortshistoriker Hermann Albrecht die damalige Situation am nahe der Oberriexinger Straße gelegenen Militär-Flugplatz und am Krankenlager mit seinen 667 Toten. Insbesondere erinnerte er auch an den verdienstvollen, von den Nazis zum „Behandler“ degradierten einstigen jüdischen Lagerarzt Dr. Adolf Levi.
Das von Madeleine Syring vorgetragene Grußwort des Gründers und Präsidenten der „Marsch des Lebens“- Bewegung, Jobst Bittner, war auch eine Rückbesinnung auf die Entwicklung des Judenhasses und mündete in die Mahnung: „Wer heute zu Antisemitismus und Judenhass schweigt, läuft Gefahr, genauso zu handeln und schuldig zu werden wie die Zuschauer, Mitwisser und Mitläufer zur Zeit des Nationalsozialismus.“
Laut einer globalen Befragung in 102 Ländern ist demnach Antisemitismus besonders unter jungen Menschen auf dem Vormarsch. „Mit dem Aufstieg autoritärer Politiker und dem zunehmenden Einfluss linker sowie rechter Bewegungen beobachten wir eine stetige Zunahme antisemitischer Denk- und Handlungsmuster. Diese äußern sich nicht nur in Parolen, sondern auch in Taten: in der Zerstörung jüdischer Friedhöfe, in Anschlägen auf Synagogen, in täglichen Angriffen auf jüdisches Leben – und in der politischen Delegitimierung des Staates Israel“, so der Präsident der „Marsch des Lebens“-Organisation.
Verein für Heimatgeschichte will Gedenkstätte errichten
Bei der Gedenkstunde mitten im Grünen informierte die Vorsitzende des Vereins für Heimatgeschichte Sachsenheim, Jutta Glöckle, über die Absicht, mit Hilfe des Zweckverbands beziehungsweise der Stadt an dieser Stelle eine kleine Gedenkstätte einzurichten.
Vier Anwesende trugen im Zusammenhang mit der Nazizeit bedrückende Geschichten aus ihren Familien vor, ehe Lieder eines Chores, viele Kerzenlichter und der Gang zum nahen Zwangsarbeiter-Friedhof an der Unterriexinger Straße die Stunden der Besinnung und Mahnung beendeten.
