Sachsenheim Wenn eine Vision zur Realität wird

Von Markus Wirth
Ein Visionär und seine Partner: Alexander Spilner (Mitte) hat sich den Traum vom Wengert in der Toplage Kirchberg erfüllt. Reinhard und Josua Baumgärtner helfen ihm bei der Vinifikation. Foto: /Martin Kalb

Alexander Spilners Wunsch ist ein eigener Wengert – da seine Heimatstadt Aalen für Weinbau jedoch wenig geeignet ist, wird er als Hobbywengerter in Hohenhaslach fündig.

Alexander Spilner hatte eine Vision. Schon lange träumte er von einem eigenen Weinberg, den er das ganze Jahr über hegen und pflegen und aus dessen Trauben er seinen eigenen Wein keltern würde. Doch zwei Hürden standen ihm hier – scheinbar – im Weg. Erstens hatte er vom Weinmachen keine Ahnung, und zweitens lebte er in Aalen. Nun ist die raue Ostalb zwar mit landschaftlicher Schönheit gesegnet, für den Weinbau jedoch aus klimatischer Sicht nicht gerade prädestiniert.

Erste Chance am Bodensee

Doch der heute 53-Jährige ließ nicht locker, erst recht nicht, als er in Hagnau am Bodensee vor einigen Jahren ein Weinbauseminar – „aus Interesse am Wein und dessen Herstellung“ – besuchte. Die alte Leidenschaft und der Wunsch für den eigenen Rebensaft flammten flugs wieder auf, jedoch wurde aus dem Kauf eines geeigneten Rebgartens direkt am Bodenseeufer nichts, obwohl sich das Inserat vielversprechend las.

„Doch ich ließ nicht locker, mein Traum ließ mich nicht ruhen“, sagt der Aalener beim Gespräch im Panoramaweingut Baumgärtner in Hohenhaslach. Nicht nur die Vinifikation seiner Lemberger-Trauben übernimmt das namhafte Weingut hoch über dem Kirbachtal, sondern Reinhard und Josua Baumgärtner sollten sich schon bald als kongeniale Partner des Spilnerschen Traums herausstellen.

Denn als dem Mann von der Ostalb, im Hauptberuf Industriefachwirt, vor nunmehr drei Jahren ein Rebgarten im unteren Teil des „Kirchbergs“ angeboten wurde, machte Spilner Nägel mit Köpfen und er kaufte den Grund mit seinen Lembergerreben. Warum aber gerade diese Lage? „Ich war auf der Suche nach einem Weinberg, das ist richtig“, sagt er.

Aber Spilner ist nicht nur prinzipientreu – andere würden diesen Charakterzug als dickköpfig umschreiben –, sondern auch, was die Realisierung seines Traumes anbelangt, sehr präzise in dem, was ihm vorschwebt.

„Ein Weinberg, der muss ganzheitlich passen – die Lage, die Beschaffenheit der Böden, das Drumherum. All das muss zu mir passen wie eine zweite Haut“, sagt er, und es klingt immer noch Begeisterung aus seinen Worten, wenn er von der steilen Staffel schwärmt, die er so oft schon hinauf und wieder hinunter gegangen ist, vom Blick auf den Kirchturm, vom Läuten der Glocken zur Mittagszeit und vom atemberaubenden Blick von ganz oben auf dem Kirchberg, dieser hervorragenden Weingergslage, auf das Umland. Von der herrlichen Sicht auf das Kirbachtal, auf das Strohgäu und das Lange Feld im Osten sowie, bei ganz guter Sicht, am südöstlichen Horizont auf die schlanke Nadel des Stuttgarter Fernsehturms.

Mehr als nur ein Grundstückskauf

„Einen Weinberg“, weiß auch „Lehrherr“ Reinhard Baumgärtner, „kauft man nicht so ohne Weiteres in der Hoffnung, dass alles wächst und gedeiht“. Denn die Arbeit im Wengert fordert ganzjährigen Einsatz, immer wieder muss zurückgeschnitten oder die Ruten gebogen, entlaubt und die Kandel gemäht werden – und schließlich gipfelt alles in der Lese, bevor es dann im Keller fast ohne Pause weitergeht.

Das wusste Spilner freilich schon im Vorfeld, daher war klar, dass er sich mehrmals im Jahr – „ich denke mal, mindestens einmal im Monat bin ich in Hohenhaslach“ – auf die mehr als 100 Kilometer lange Reise von der schroffen Ostalb ins beinahe mediterrane Stromberggebiet macht, um dem Werden eines weiteren Jahrgangs entgegenzufiebern und freilich auch ordentlich Hand anzulegen. „Harte Arbeit ist das“, weiß Spilner, der gerade seinen 2023er Lemberger im Verkauf hat, der von Reinhard und Josua Baumgärtner ausgebaut und im Panoramaweingut verkauft wird.

Ein Wein wie sein Namensgeber

Ja, nicht nur die Lage, auch sein Wein, ein trockener, 18 Monate im Holzfass ausgebauter Lemberger, müsse, so Spilners Credo, eins zu eins zu ihm passen, ausdrücken, wie er tickt, seine Persönlichkeit widerspiegeln. Ehrensache, dass der tiefrote Rebensaft auch seinen Vornamen trägt: Alexander. „Dass ein Mann von der Ostalb auf die Idee kommt, seinen Wein herzustellen“, lobt Reinhard Baumgärtner, „finde ich eine tolle Idee.“

Gerade in Zeiten, wo es um den deutschen Weinbau nicht gerade rosig bestellt sei – Stichworte brachliegende Weinberge, Nachwuchsmangel, Absatzschwierigkeiten –, brauche es Nachahmer, die, wenn auch branchenfremd, in die faszinierende Welt des Weinbaus eintauchen möchten. „Damit“, sagt Baumgärtner nachdenklich, dennoch vorsichtig optimistisch, „können wir das Flächensterben zwar nicht aufhalten, aber vielleicht etwas bremsen.“ Alexander Spilner verwirklichte seinen Traum, denn für ihn war klar: „Wenn ich spüre, dass ich was machen muss, dann mache ich es auch.“ Im Holzfasskeller liegt der nächste Jahrgang von „Alexander“ und gärt blubbernd vor sich hin. Josua Baumgärtner entnimmt mit einer Pipette einen Schuss des jungen Wilden, er liegt violett im Glas. Doch es wird noch Monate brauchen, bis sie trinkbar sein wird – die Vision eines Mannes von der Ostalb, die an Eigendynamik gewann.

 
 
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