Ganz ohne Automobil geht es dann doch nicht bei der Familie aus Großsachsenheim. Den Wagen von Corina Blums Eltern sowie Carsharing-Angebote nutzt sie gelegentlich. Ein eigenes Auto hat das Ehepaar Blum zusammen aber noch nie gehabt. „Vor unserer Heirat 2013 fuhr mein Mann so einen ollen Schinken, und ich habe mir bis ich 20 war, ein Auto mit meiner Schwester geteilt“, erzählt die 41-Jährige. Zusammen haben die beiden stets in der Nähe von Bahnhöfen gelebt, mal im nordrhein-westfälischen Witten, dann in Kornwestheim, seit 2019 in Sachsenheim.
Sachsenheim Wie eine Familie autofrei zurecht kommt
Die Blums haben zwei Kinder im Kindergarten- und Schulalter – und seit 2013 keinen eigenen PKW. Mit Bollerwagen, Bus und Bahn: Wie kommen die Vier im Alltag zurecht?
„Die Vorteile ohne eigenes Auto überwiegen aktuell,“ erzählt Blum, die in Sachsenheim aufgewachsen ist. „Für uns funktioniert es so im Alltag. Wir sparen Geld und machen es auch der Umwelt zuliebe. Außerdem bewegen wir uns mehr und Zugfahren empfinden wir oft entspannter als Autofahren.“
Mehr Zeit für die Kinder im Zug
Etwa fünf Minuten wohnen die Vier vom Sachsenheimer Bahnhof entfernt. Michael Blum pendelt mit dem Zug zur Arbeit nach Stuttgart-Nord und fährt mit der Bahn auch zum Pickleballspielen nach Zuffenhausen. Corina Blum ist gelernte Bürokauffrau und derzeit auf Jobsuche. „Wichtig ist natürlich, dass ich die neue Arbeitsstelle mit den Öffentlichen gut erreiche“, so Blum. Auch zu Kursen der Bietigheimer Musik- oder Kunstschule geht es für die Mädchen in Begleitung der Eltern per Zug und dann zu Fuß.
Die Blums besitzen ein Deutschlandticket, mit dem sie bundesweit den öffentlichen Nahverkehr nutzen können. Während der Bahnfahrt genießt es die Familie mit den Töchtern im Kindergarten- und Grundschulalter gemeinsam Zeit zu verbringen, Karten zu spielen oder zu lesen. „Die Kinder haben im Gegensatz zum Autofahren Auslauf und sind besser abgelenkt“, sagt Corina Blum. Sie seien Zugfahren so gewohnt, dass es Paulina öfters mal schlecht werde im Auto und sie lieber wieder in den Zug wolle, lacht Blum. Auch alleine unterwegs mag es die Sachsenheimerin im Zug, „einmal einfach Zeit fürs Lesen oder das Handy zu haben“. Ihr Mann erledige während der Fahrt ins Büro oft Emailanfragen. Diese kleinen Zeitersparnisse machten Umstände beim Zugfahren wie längere Wartezeiten wieder wett, so Blum. Öfters hört sie von Leuten, vor allem mit Familie, dass sie sich den Alltag nicht vorstellen könnten ohne eigenes Auto. Corina Blum erwidert dem, dass das Bahnfahren viel sicherer sei und man sich mit den Umständen arrangieren könne. Beim Autofahren sei man mit Staus und der Unfallgefahr konfrontiert.
„Es kommt darauf an, wo man wohnt und wie nah der Bahnhof gelegen ist“, sagt Blum und fügt hinzu: Würden sie abgeschiedener, etwa in Hohenhaslach, leben, hätten sie wahrscheinlich ein Auto.
Ärgernis Sachsenheimer Bahnhof
Das Sachsenheimer Paar organisiert die Freizeittermine der Kinder möglichst vor Ort. Einmal war Corina Blum für einen Kindertanzkurs mit ihrer Tochter nach Vaihingen-Kleinglattbach über eine Stunde mit den Öffentlichen unterwegs. „Das mache ich nicht mehr. Mit dem Auto hätte es eine Viertelstunde gebraucht. Richtig ärgerlich finden die Blums, vor allem seit sie Kinder haben, dass der Bahnhof in der Stadt Sachsenheim nicht barrierefrei ist. Dessen Gleise sind nur über eine steile Treppe zu erreichen. Ein Aufzug oder eine Rampe fehlen, obwohl Bürger und Stadt die Barrierefreiheit seit Jahrzehnten von den Verantwortlichen, der Deutschen Bahn, fordern. Corina Blum stört zudem, „dass es am Sachsenheimer Bahnhof oft nach Urin stinkt.“
Gelegentlich fährt die Familie auch Bus. „Einige Busfahrer fahren allerdings wie die Henker,“ so die Erfahrung der Mutter, „die heizen richtig.“ Es wundert die 41-Jährige, dass es in den Linienbussen keine Gurte gibt. Bei einem Unfall mit Aufprall sei man doch im Bus genauso gefährdet wie im Auto. Für eine Busreise ins Elsass nahmen die Blums eigene Kindersitze mit. „Auch wenn das sonst kaum jemand macht“, so Blum.
Reisen mit geliehenem Wagen
Immer wieder, für Ausflüge und Reisen, nutzt die Familie Carsharing-Angebote, leiht also für eine kurze Zeit Fahrzeuge bei Anbietern wie „Stadtmobil“ oder „Deer“. Diesen Sommer sind sie in den Urlaub an die Nordsee gefahren und haben dort eine Stuttgarter Familie getroffen, die ebenfalls mit einem Carsharing-Wagen unterwegs war. „Ich kenne wenige Menschen ohne eigenes Auto. Meist sind es Städter“, erzählt Blum. Auch für ihre Umzüge hat das Paar „Stadtmobil“ genutzt und dafür Kleintransporter gemietet. Für ein Auto von „Stadtmobil“ fährt sie oder ihr Mann mit der Bahn zur nächstgelegenen Leihstation nach Bietigheim an den Bahnhof. Das sei bisweilen umständlich, „vor allem, wenn man abends müde von der Reise heimkommt und das Auto an dem Tag noch abgeben muss“, so Blum. Nervig sei auch, die Kindersitze jedes Mal ein- und auszubauen. Vieles an ihrem Mobilitätsstil sei etwas komplizierter als mit einem eigenen Auto, „aber man gewöhnt sich dran“.
Zwölf Euro beträgt der monatliche Mitgliedsbeitrag als Familie von „Stadtmobil“ laut Corina Blum. Zum Vergleich: Für einen neu gekauften Golf Variant, einen Kombi der mittleren Preisklasse, kommen laut ADAC monatlich 628 Euro an Gesamtkosten zusammen. Die Ausleihkosten des Carsharing-Kombis (Zeit und Kilometer) inklusive Sprit für den Nordseeurlaub der Familie betrug rund 1200 Euro, so Blum.
Einkauf mit dem „Hackenporsche“
Neuerdings besitzt die Familie ein E-Lastenrad, das Michael Blum über das Programm Jobrad least. Ansonsten seien sie kaum mit Fahrrädern unterwegs.
Einkaufen geht die Mutter zweier Kinder am liebsten zu Fuß mit ihrem Bollerwagen oder ihrem Einkaufstrolley, den sie liebevoll „Omawägele oder Hackenporsche“ nennt. „15 Minuten laufend zum Supermarkt ist gut zu schaffen“, sagt Blum lachend, „und ich bin dabei gut in Bewegung.“ Insgesamt sei das (fast) autofreie Leben natürlich mit einem logistischen Mehraufwand verbunden, sagt Blum, und „man ist unflexibler. Aber für unser Familiengefüge ist es so am besten.“
Carsharing in der Region
Der größte Anbieter von Leihfahrzeugen vor Ort, Stadtmobil, hat zwei Stationen in Bietigheim-Bissingen, am Bahnhof und am Kronenzentrum mit insgesamt zwei Kombis und drei Kleinwagen. „Mit der Auslastung von 25 Prozent sind wir in Bietigheim-Bissingen ganz zufrieden,“ sagt Matthias Hartlieb von Stadtmobil Region Stuttgart. Aber das sei zu wenig, um das Angebot zu erhöhen. In den anderen Kommunen im Umkreis gibt es keine Stadtmobil-Standorte, „leider auch nicht in Sachsenheim“, sagt Corina Blum. „Je ländlicher es wird, umso schlechter wird auch der ÖPNV, den die Menschen ergänzend zum Carsharing nutzen möchten“, erläutert Hartlieb.
Der Mobilitätsanbieter Deer ist im ländlichen Raum stärker präsent und verleiht seine E-Autos in Sachsenheim, Löchgau, Freudental, Erligheim, Besigheim, Kirchheim und Pleidelsheim.
Die Deutsche Bahn ist mit ihren Flinkster-Autos im Kreis in Bietigheim und in Markgröningen vertreten.
