Sachsenheimer mit doppeltem Handicap Auf Wohnungssuche mit einer blinden Frau und ihrem Partner

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Patric Krahl (von links) von der Fachstelle für Wohnungssicherung versucht eine neue Bleibe für Alexander Kowalczyk und seine Partnerin Agniecszk Gorcynska aus Sachsenheim zu finden.  ⇥ Foto: Martin Kalb

Ein Paar muss seine Wohnung verlassen. In Zeiten von Corona haben sie es wegen einer Sehbehinderung doppelt schwer auf dem Wohnungsmarkt.

Der Fall liegt mir am Herzen. Die beiden Klienten sind ganz liebe Menschen“, sagt Patric Krahl. Er arbeitet bei der Wohnungslosenhilfe im Landkreis Ludwigsburg. Die gemeinnützige GmbH will Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahren, genauer gesagt vor der Wohnungslosigkeit. Die Städte und Gemeinden müssen nämlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür sorgen, dass Menschen nicht wortwörtlich auf der Straße landen. Bei Krahl geht es also darum, Menschen vor einer Unterbringung in eine Notunterkunft zu bewahren.

Das droht Alexander Kowalczyk und seiner Partnerin Agniecszk Gorcynska aus Sachsenheim. Die beiden gebürtigen Polen leben seit 2012 in ihrer aktuellen Wohnung zur Miete und fühlen sich sichtlich wohl in ihren gepflegten vier Wänden. „Ich habe immer gearbeitet“, sagt Kowalczyk beim Termin mit Krahl. Seine Frau hat als Näherin gearbeitet und erzählt, dass er Teamleiter in der Produktion war. „War“ denn vor einigen Jahren wurde bei seiner Partnerin ein Hirntumor diagnostiziert, der entfernt werden musste. Als Folge der Erkrankung erblindete sie und seither kümmert sich ihr Mann rund um die Uhr um sie. Gorcynska hat auch einen Betreuer zur Seite bestellt gekommen: Johannes Hömberg.

Recht des Vermieters

Krahl ist ins Spiel gekommen, als den beiden die Kündigung wegen Eigenbedarfs auf den Tisch flatterte. „Es gibt keinen besonderen Schutz, der es Vermietern verbietet Eigenbedarf anzumelden, wenn sie an Menschen mit einer Behinderung vermieten“, erzählt Krahl. Dem Vermieter sei allerdings kaum ein Vorwurf zu machen. Er nutzt nur sein Recht als Eigentümer. Der aktuelle Besitzer habe die Wohnungen von ihrem ursprünglichen Vermieter gekauft, erklärt Kowalczyk. Der Eigentümer taugt auch deswegen nicht als Sündenbock, weil er sich selbst laut offiziellem Schriftverkehr, mittlerweile ist die Sache bei Gericht, in einer beengten Wohnsituation befindet und dies ändern möchte.

Sündenbock ist vielmehr die aktuelle Situation auf dem Wohnungsmarkt, die immer wieder zu solchen Härtefällen führt. Krahl kann davon ein Lied singen, hat er doch mehrere Klienten bei denen es ähnlich aussieht. Die Sache liegt bei Gericht, weil Kowalczyk und seine Partnerin einfach keine neue Wohnung finden. „Wir haben ein Bewerbungscoaching gemacht“, erzählt Krahl von der Arbeit mit seinen Schützlingen. Das soll helfen bei der Bewerbung um eine neue Wohnung. Und der gebürtige Pole ist fleißig, bewerbe sich ohne Unterlass für Wohnungen, schaue in die einschlägigen Internetseiten und versucht auch über Kontakte an eine neue Bleibe zu kommen.

Leicht resigniert hört sich Kowalczyk an, wenn er von über 100 Bewerbungen erzählt und von einigen besonders engen Fällen, wo man die Wohnung schon praktisch zugesagt bekommen habe, dann die andere Seite aber noch einen Rückzieher gemacht habe, wie neulich in Bietigheim. „Die meisten reagieren nicht einmal auf eine Anfrage“, sagt er über seine erfolglosen Versuche. In Corona-Zeiten sei die Wohungssuche nochmal schwerer, sagt Krahl. Selbst wenn mal eine Besichtigung möglich sei, dann in der Regel nur eine virtuelle.

Doppeltes Handicap

Woran liegt es, dass gerade auch dieses Paar solche Probleme hat? Hat es etwas mit Kowalczyks Akzent zu tun? „Das glaube ich nicht. Viele Menschen in der Region sind Türken, Italiener oder Griechen. Da spielt es keine Rolle, dass wir Ausländer sind“, so der gebürtige Pole. Erlebt habe er aber, dass ein Rückzieher gemacht wurde, sobald ersichtlich wurde, dass eine sehbehinderte Frau einziehen soll. „Es besteht die Angst bei einigen Vermietern, dass man Menschen mit Behinderung eben nicht mehr aus der Wohnung bekommt“, so Krahl.

Blindenhilfe vom Staat

Neben Krahl unterstützt auch Hömberg das Paar nach Kräften. Gorcynska habe auch wegen ihrer geringen Deutschkenntnisse einen Betreuer zur Seite gestellt bekommen, erklärt er: „Ich höre mich auch schon immer um, ob ich für die beiden über Kontakte eine Wohnung bekomme.“ Bislang jedoch ohne Erfolg. Eine spezielle Unterstützung für sehbehinderte bei der Wohnungssuche gebe es nicht, aber unter anderem durch die Blindenhilfe vom Staat stehe das Paar finanziell auf sicheren Beinen. Dass die beiden trotzdem Gefahr laufen eine Notunterkunft der Stadt in Anspruch nehmen zu müssen, berührt auch Hömberg, der beide schon seit einigen Jahren kennt und begleitet.

Info „Wer eine Idee hat, wie man den beiden helfen kann, kann sich gerne bei mir melden“, sagt Krahl der unter (0176) 34 50 36 97 oder per E-Mail an $(LEmailto:patric.krahl@wohnungslosenhilfe-lb.de:patric.krahl@wohnungslosenhilfe-lb.de)$ erreichbar ist.

 
 
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