Sachsenheimer setzen sich für  afghanischen Arzt ein Hilferuf aus Taschkent

Von Jörg Palitzsch
Der HNO-Arzt Dr. Deniz Qurban (Dritter von rechts) bei der Verteilung von Hilfsgütern in Kabul. Foto: ⇥Fotos: D. Qurban

Das Projekt „Einfach Singen“ setzt sich für einen Arzt ein, der mit seiner Familie aus Kabul geflüchtet ist und in Taschkent festsitzt.

Seit 2016 gibt es in Sachsenheim das interkulturelle Projekt „Einfach Singen“, die Teilnehmer kommen aus dem ganzen Landkreis. Neben dem gemeinsamen Singen engagiert sich die Gruppe auch für Hilfsprojekte.

So wurde bereits eine Aktion des 1983 in Kabul geborenen HNO-Arztes Dr. Deniz Qurban (Name geändert) unterstützt, der sich um Waisenkinder und Witwen kümmert, Lebensmittelpakete verteilt und als Generalsekretär sowie FIDE-Schiedsrichter des afghanischen Schachverbandes auch Schachunterricht für Mädchen und Frauen gibt. Es ging dabei um direkte und unbürokratische Hilfe, die auch vor Ort angekommen sei, so Christiane Hähnle, Leiterin von „Einfach Singen“. Doch Hilfe ist in Afghanistan nicht mehr möglich. Deniz Qurban ist mit seiner Familie einen Tag vor dem Sturz Kabuls durch die Taliban geflohen, befindet sich zurzeit in Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan, und benötigt selbst Hilfe.

In Kabul war er vielfältig aktiv. Der Arzt rief unter anderem ein Buchleseprogramm und soziale Programme ins Leben. Eines der Hauptziele war es, Aufklärung in die afghanische Gesellschaft zu tragen, besonders unter den Jugendlichen. Ebenso hat er Artikel über verschiedene soziale und philosophische Themen geschrieben. Ebenso aktiv war Qurbans Frau Ahdia. 2011 schloss sie ihr Chemiestudium an der Pädagogischen Universität in Kabul ab und arbeitete als Sozialarbeiterin in Afghanistan. Sie hat sich in Schulungen und Workshops für die Rechte der Frauen in der afghanischen Gesellschaft eingesetzt und zu mehr Selbstbewusstsein ermutigt.

Verdienste um das Schachspiel

Nach seiner Flucht aus Kabul hat Qurban in einem Schreiben an das Auswärtige Amt, das Innenministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf seine akute Gefährdung hingewiesen. So sei er schon seit dem Beginn der ISAF-Mission in Afghanistan im Rahmen der Entwicklungsarbeit im Kontakt mit ISAF-Ländern gestanden. Die Mission war 2002 in das Land am Hindukusch entsandt worden, um nach dem Sturz der Taliban den Wiederaufbau abzusichern. Er verfüge über gültige Reisedokumente und könne jederzeit mit seiner Frau, seinen beiden Mädchen, drei und acht Jahre alt, sowie seinem zehnjährigen Sohn zum Flughafen von Taschkent kommen, um die Luftbrücke nach Deutschland zu nutzen.

Internationale Unterstützung in Form eines Briefes kam auch von Casto Abundo, Direktor der Asian Chess Federation, in dem er die Verdienste Qurbans um das Schachspiel in Afghanistan herausstreicht. Dieser habe mit seinen landesweiten Aktivitäten das Spiel verbreitet, wobei das Spiel laut den Gesetzen der Taliban dem Islam widerspricht. 

Kaum Unterstützung kam vom Deutschen Schachbund, eine Mail sei unbeantwortet geblieben, so Christiane Hähnle, die mit Qurban in Kontakt steht. Demnach werde die Situation der Familie in Taschkent immer schwieriger, weil das Visa bald auslaufe. Auch seien die finanziellen Mittel erschöpft, der Arzt dürfe in Taschkent nicht arbeiten, seine Kinder die Schule nicht besuchen, eine medizinische Versorgung werde verwehrt. Wenig Unterstützung habe es auch vom Auswärtigen Amt gegeben.

Trotzdem will die Sachsenheimerin nicht aufgeben. So werde Qurban täglich bei der Deutschen Botschaft in Taschkent vorstellig. Um etwas zu bewegen, hat sie nun den Kreisdiakonieverband und die Landtagsabgeordneten Dr. Markus Rösler (Grüne) und Konrad Epple (CDU) kontaktiert, Antworten stehen noch aus. „Es wäre ein Traum, wenn es Deniz Qurban mit seiner Familie bis hierher schaffen würde“, so die Hoffnung von Christiane Hähnle.

Info Die Namen des aus Kabul geflüchteten HNO-Arztes als auch der Name seiner Frau wurden geändert, weil es in Kabul noch Familienangehörige gibt, die vor Repressalien der Taliban nicht geschützt sind. Die Namen sind der Redaktion bekannt.

 
 
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