Sanierungssprint in Löchgau Handwerker inspizieren die Baustelle

Von Heidi Falk
Vor Beginn des Sanierungssprints gab es vor Ort ein Treffen der beteiligten Handwerker. Mit dabei: Sanierungscoach Maximilian Chamaoun (links vorne), Ronald Meyer, Erfinder des Sanierungssprints (rechts vorne), und Hausbesitzer Katja und Alex Felger (hinten links). Foto: /Martin Kalb

Bei einem Handwerkertreffen vor Beginn des ersten Sanierungssprints im Kreis werden letzte Details geklärt und Problemstellen begutachtet.

Wir sind hier auf einer interessanten Reise. Meine Idee des Sanierungssprints, einer energetischen Kernsanierung innerhalb von 22 Tagen, wurde in der Vergangenheit von der Baubranche belächelt“, sagt Ronald Meyer vor versammelter Mannschaft. In der 60 Jahre alten Doppelhaushälfte von Katja und Alex Felger aus Löchgau wird die erste Kernsanierung, inklusive energetischer Optimierung, nach dem Prinzip von Ronald Meyer im Landkreis Ludwigsburg durchgeführt (die BZ berichtete). Die Idee dazu hatte Meyer bereits vor 20 Jahren, seit drei Jahren wurde sein Prinzip deutschlandweit mehrfach erfolgreich umgesetzt.

Kürzlich fand ein Treffen aller beteiligten Handwerker statt, um sich Knackpunkte vor Ort anschauen und Absprachen treffen zu können. Dass die unterschiedlichen Gewerke so aufeinander abgestimmt arbeiten und wie Zahnräder ineinandergreifen, ist bei regulären Baustellen nicht selbstverständlich. Die BZ war dabei. Die Stimmung war gelöst, es wurde gescherzt, alle waren per Du.

„Das Pilotprojekt für den Kreis“

Dabei lässt es sich der Erfinder der Expresssanierung nicht nehmen, selbst anwesend zu sein. Das jedoch eher als Stütze für Maximilian Chamaoun. Der Bauphysiker und Energieberater aus Bietigheim-Bissingen ist einer der ersten, die von Meyer zum „Sanierungscoach“ ausgebildet wurden. Er übernimmt die Bauzeitenplanung und die Koordination vor Ort. „Das ist das Pilotprojekt für den Kreis. Und ganz ehrlich: Es ist hart“, sagt der Bietigheimer. Denn die exakte Planung vorab ist essenziell für das Gelingen des Vorhabens – und obliegt ihm.

„Es geht darum, die Produktivität zu steigern. Die liegt auf normalen Baustellen bei 30,9 Prozent. Unser Ziel ist, ein zweites Drittel zu erschließen“, sagt Meyer, während er die Anwesenden durch seine vorbereitete Powerpoint-Präsentation führt. Der Projektor wirft das Bild auf die freigelegte Hauswand, an die Meyer provisorisch eine Styroporplatte gepinnt hat. Baustellenpragmatismus eben. Meyers Taktik: die Leerlaufzeiten reduzieren. Wichtig sei, dass alle Handwerkerbetriebe den Status quo kennen, dass jeder Raum im Vorfeld genau begutachtet wird – dabei lobt Meyer die Felgers für ihre Vorarbeit. Die Entkernung hat das Paar in Eigenleistung erbracht. „Wir haben hier eine 1A-Rohbausituation.“

Eine bis ins Detail geplante Materiallogistik sei entscheidend, sagt Meyer. Es könne nicht alles zeitgleich geliefert werden, so viel Abstellfläche gebe es nicht, auch wenn die Felgers bei der Gemeinde eine halbseitige Straßensperrung beantragt haben und die Nachbarn ihre Einfahrt zur Verfügung stellen. Das Material darf erst kommen, kurz bevor es auch zum Einsatz kommt. Das Müllmanagement sei ebenso wichtig. Eine Baustelle könne blitzschnell vermüllen, warnt Meyer.

Dann geht er zur Detailplanung über. Die Handwerker der verschiedenen Gewerke hören konzentriert zu. Im Gespräch mit der BZ verraten einige von ihnen: „Es ist unser erstes Mal. Unser erster Sanierungssprint.“ Überzeugt vom Prinzip seien sie aber schon jetzt.

Handwerksbetriebe, die Lust hatten, den Sanierungssprint auszuprobieren, wurden über das Netzwerk von Maximilian Chamaoun, der Ludwigsburger Energieagentur (LEA) und der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA) gefunden. Im Idealfall arbeiten die Gewerke noch oftmals in dieser Konstellation zusammen. Je öfter, desto besser sei man aufeinander abgestimmt. „Eigentlich ändert sich nicht viel für uns. Wir arbeiten wie immer. Die Planung ist nur deutlich straffer und durchdachter“, sagt ein Handwerker zur BZ.

Das bestätigt sich in der bis auf die Stunde genau geplanten Baustelle, die Meyer vorstellt. So beginnt der 22-Tage-Sprint am 10. April mit den nötigen Baustelleneinrichtungen: einem Bürocontainer, dem Aufstellen der portablen Toilette, dem ersten Müllcontainer. Die Baustelle ist zu Beginn in eine Außen- und eine Innenbaustelle unterteilt. Es wird das Gerüst gestellt. Im Innenbereich werden Schlitze für Leitungen geklopft, erste Kabel gezogen, Unterputzdosen gesetzt. Auch die Handwerker des Sanitär- und Heizungsunternehmens legen bereits los, unternehmen, wo nötig, Rückbauten und Durchbrüche für die Neuinstallation.

Planung ist alles

An Tag zwei wird das Dach abgedeckt und gedämmt. Dabei gibt es eine Besonderheit des Sanierungssprints: Die PU-Hartschaum-Dämmplatten werden exakt auf das Dach zugeschnitten als große Fertigdämmplatten geliefert und können direkt angebracht werden. Das spart nicht nur Zeit, sondern auch Abstellfläche und Müll. Im Innenbereich geht es mit der Installation der Haustechnik los. Tag für Tag geht Meyer mit den Handwerkern durch. Es folgen baustellenspezifische Themen, die besprochen werden. So stellte sich etwa heraus, dass die Rollladenkästen eingeschalt sind und keinen normalen Fenstersturz aufweisen. „Das ist ein zeitlicher Extraaufwand“, sagt Chamaoun. Dafür spare man sich aber Zeit beim Verlegen der Fußbodenheizung, da die Heizschlangen in Schlitze, die in den vorhandenen Estrich gefräst werden, gelegt werden können und daher die Trocknungszeiten entfallen, die bei einem frisch gegossenen Estrich angefallen wären.

Auch fällt bei der Begehung auf: In die Zementdecken sind Holzlatten eingelassen. Diese wurden dafür genutzt, Gipskartonplatten an die Decke zu schrauben. Beim Verspachteln der Decke sind sie aber ein Hindernis: Auf Holz hält die Spachtelmasse nicht. Die Handwerker sind sich einig: „Die Latten müssen weg.“ Die Schlitze müssten dann jedoch aufgefüllt werden, was Trocknungszeiten nach sich zieht. Alternativ könnten sie mit einem Spezialband beklebt werden, auf dem die Spachtelmasse Grip hat, wirft der Materiallieferant ein.

„Beim heutigen Termin ist es besonders wichtig, die Gewerkeschnittstellen im Blick zu haben“, sagt Meyer und weiter: „Probleme dürfen nicht während der Bauphase geklärt werden, denn da kosten sie richtig Zeit – und damit Geld. Sie müssen jetzt geklärt werden.“ Das trifft zum Beispiel auf den Anschluss von Dach beziehungsweise Dampfbremse auf die Wand zu.

Schnittstellen im Blick

Das Haus der Felgers soll ein sogenanntes Effizienzhaus 55 werden. Dafür müssen energetische Baustandards eingehalten werden, unter anderem geht es um bestimmte Wärmedämmwerte. Energieverlust durch einen unzureichenden Übergang von Dach auf Innenbereich kann man sich nicht leisten.

Im Zweiergespräch mit der BZ gesteht Meyer: „Ich hätte nicht zu träumen gewagt, dass das alles mal so kommt. Ich habe aber an meine Idee geglaubt und bin drangeblieben.“ Er ist überzeugt: „Das könnte die Wende in der Baubranche sein. Hier wird Baugeschichte geschrieben.“

 
 
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