Bleibt wach, bleibt unbequem“, war das Schlusswort des diesjährigen Schillerpreis-Trägers, des Pianisten Igor Levit. Worte wie diese hätte Friedrich Schiller sicher unterschrieben, der seine Dichtkunst als Transportmittel für politische Begriffe wie Freiheit und Gleichheit verstand. „Die Kunst darf nicht schweigen“, sagte Levit in seiner Dankesrede.
Schillerpreis Marbach Igor Levit hat den Schillerpreis erhalten
Der Pianist Igor Levit hat den Schillerpreis verliehen bekommen – wegen seines Engagements gegen Rassismus, Antisemitismus und für die Demokratie. Thomas Wördehoff hielt die Laudatio.
Levit macht Kunst zu einem demokratischen Akt
Weil der international bekannte Pianist nicht schweigt, immer wieder Stellung bezieht gegen Extremismus, gegen Rassismus und Antisemitismus und für Demokratie und Gedankenfreiheit hat er an Schillers Geburtstag, dem 10. November, den Schillerpreis der Stadt Marbach in der Stadthalle entgegennehmen können. Warum die Jury ihn auswählte, das machten Marbachs Bürgermeister Jan Trost und Laudator Thomas Wördehoff, ehemaliger Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, deutlich.
„Igor Levit ist ein Künstler, der wie kaum ein anderer in unserer Gegenwart die Verbindung von Musik, Denken, Freiheit und menschlicher Würde verkörpert“, so Trost. Das mutige Ansprechen von Wahrheiten, auch wenn sie unbequem seien, habe Levit Hass und Hetze beschert, er schweige dennoch nicht. Levits Musik und seine Haltung machten Kunst zu einem demokratischen Akt, der Räume für Begegnungen öffne.
Thomas Wördehoff erinnerte daran, wie er den jungen unbekannten Künstler Igor Levit 2012 kennenlernte, weil eine Kritikerin ihm gesagt hatte, „das kann der Pianist des Jahrhunderts werden“. Er engagierte ihn. Gemeinsam mit dem Ludwigsburger Publikum konnte er sich von Levits Können überzeugen, „Musik zu verwandeln“, so Wördehoff. In seiner Dankesrede benannte Levit diesen Moment, Wördehoff kennen gelernt zu haben und bei den Schlossfestspielen auftreten zu können, als wichtigstes Geschenk seines Lebens.
Levit habe die „Menschensucht“ bescheinigte Wördehoff dem Pianisten. Immer ging es ihm um die Menschen. Er sei beim Klavierspiel „ganz Mensch“, krieche in die Musik, um als neuer Mensch zu den Menschen zu sprechen. Sein Wirken hinterlasse Spuren über die Musik hinaus, sein Protest sei unerschütterlich, wie seine Musik.
Der Preisträger holte in seiner Rede aus – zum Schlag gegen den Antisemitismus. Er sei zornig, sagte er. Der derzeitige Antisemitismus zeige eine Entmenschlichung der Gesellschaft, die sich in Sprache, falschem Lachen, Spott und Häme niederschlage und zwar nicht nur in rechten Kreisen oder der AfD. Auch die sogenannte Mitte, Intellektuelle, Künstler und Kunstveranstalter „verstecken sich im moralischen Nebel und finden keine klaren Worte gegen den Antisemitismus“. Eine neue Form der Feigheit mache er aus, es werde geschwiegen und Judenhass geduldet. „Künstler haben die Verantwortung, Klarheit, Haltung und Mut zu zeigen.“ Kunst sei nicht Dekoration, sondern ein Auftrag. Die Standing Ovations und der stürmische Applaus nach seiner Rede – obwohl er zweimal Marburg statt Marbach sagte – verstärkte seine Worte noch.
Igor Levit und der Schillerpreis
Igor Levit wurde 1987 in Russland geboren, zog im Alter von acht Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. Sein Klavierstudium in Hannover absolvierte er mit der höchsten Punktzahl in der Geschichte des Instituts.
Bekannt wurde er international, als er 2012 erstmals bei den Ludwigsburger Schlossfestspielenmit einem außergewöhnlichen Programm auftrat. Dieser besondere Auftritt begründete nicht nur seine einzigartige Karriere und zeigte sein außerordentliches Talent, sich Kompositionen anzueignen und in einzigartiger Weise darzubieten, sondern sie begründete auch eine enge Freundschaft zu dem damaligen Intendanten der Schlossfestspiele, Thomas Wördehoff. Dieser hielt die Laudatio für Levit bei der Verleihung des Schillerpreises.
Für sein politisches Engagement gegen Extremismus, Antisemitismus und für Menschenwürde und Demokratie wurde er schon mit dem Internationalen Beethovenpreis ausgezeichnet. Seine 53 während des Lockdowns im Frühjahr 2020 auf Twitter gestreamten Hauskonzerte fanden weltweite Resonanz, die als Zeichen der Hoffnung und des Gemeinsinns galten. 2022 hatte die Langzeitdoku „Igor Levit – No fear“ in den Kinos Premiere. Levit nutzt seine Bekanntheit immer wieder, um sich politisch zu engagieren, dafür bekam er den Deutschen Nationalpreis und den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.
Der Schillerpreis der Stadt Marbach wird seit 1959 immer an Schillers Geburtstag am 10. November vergeben. Anlässlich des Schillerjahres 2009 veränderte der Marbacher Gemeinderat die Verleihungskriterien. Bisher wurden alle zwei Jahre eine hervorragende Arbeit auf dem gebiet der Landeskunde von Württemberg ausgezeichnet. Seit 2009 geht der Preis an Persönlichkeiten, die der Denktradition Friedrich Schillers folgen, besonders dem Freiheitsbegriff, sei es in Politik, Kunst, Musik, Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Der Marbacher Gemeinderat beschloss, aus finanziellen Gründen den Schillerpreis nur noch alle vier Jahre zu vergeben.
