Schlagerparade zum Bietigheimer Tag Der Schlager als roter Faden

Von Susanne Yvette Walter
Das „Dein Theater“ machte eine Schlagerparade auf die 100-jährige Geschichte des Bietigheimer Tags im Kronenzentrum. ⇥ Foto: Oliver Bürkle

Zum 100-Jährigen des Bietigheimer Tags singen vier Komikerinnen vom Schlager, der den Zeitgeist bestimmte. Das Programm, dass die Geschichte der Veranstaltung Revue passieren lässt, wurde eigens dafür geschrieben.

Pack die Badehose ein“ ist einer der ganz bekannten Evergreens, die den Zeitgeist in der Bundesrepublkik nach dem Krieg widerspiegeln. Eine Fülle von Schlagern, gekonnt eingeläutet und witzig interpretiert, beleuchteten bei der Revue zum 100--Jahr-Jubiläum des Bietigheimer Tags im Kronensaal am Freitagabend einige der Jahrzehnte, in denen die evangelische Kirche und die SPD in lebendigem Gespräch beim Bietigheimer Tag waren.

Vier Ladys machten am Schlager fest, was über Jahrzehnte die Republik bewegte und mit ihr die SPD und die evangelische Kirche in Bietigheim: Gesine Keller, Barbara Mergenthaler, Martina Schott und Ella Werner mit und ohne Gitarre liefen zur Hochform auf und hangelten sich am roten Faden des Schlagers durch die Jahrzehnte. Die vier klangstarken Individualistinnen fingen bei Kriegsende an mit „Es wird ja alles wieder gut, nur ein kleines bisschen Mut“.

Auch der Bietigheimer Geschichtsverein war mit im Boot und half, chronologisch aufzuarbeiten, was über Jahrzehnte hinweg die Republik in Atem hielt. Die vier singenden Komikerinnen stammen von „Dein Theater“ Stuttgart und haben diese Schlagerparade extra zum 100-jährigen Jubiläum des Bietigheimer Tages kreiert. An scharfzüngigen Bemerkungen zwischen den Zeilen fehlte es nicht.

„Von den Amerikanern übernahmen wir fast alles, um unsere Entnazifizierung glaubhaft zu demonstrieren und gründeten 1949 unsere Bundesrepublik Deutschland mit einem erstaunlich demokratischen Grundgesetz. Zwei Monate später erhielt die Bietigheimer Stadtkirche ihr neues Geläut, mit dem fortan jährlich an einem Sonntag der Bietigheimer Tag eingeläutet wurde“, kommentierte Gesine Keller.

Voelter war ein Glücksfall

Mit Themen wie „Unsere Verantwortung für die Zukunft der Demokratie“ setzte der Tag deutliche Akzente. „Der Präsident sah aus wie ein amerikanischer Ureinwohner. Er liebte keine Experimente, ganz im Gegensatz zu Hans Voelter, der 1921 mit dem ersten Bietigheimer Tag den Dialog zwischen der SPD  und der evangelischen Kirche ins Rollen gebracht hat“, so Keller.

„Voelter war ein Glücksfall für eine Aussprache zwischen der Arbeiterschaft und der Kirche“, brachte es Gesine Keller auf den Punkt und stimmte ein Medley mit Reiseliedern an. Denn: „Um die Träume des kleinen Mannes und der kleinen Frau zu verwirklichen, setzte man diesmal nicht auf Kraft durch Freude, sondern auf Hetzel und Neckarmann“, so die Kabarettistin und hauchte ins Mikrofon: „Ganz Paris träumt von der Liebe“. Der Zuckerhut wurde zum Reiseziel und immer wieder Italien: „Wo die Zypressen stehen am blauen Meer, da ist die Welt so schön.“

„Auch in der Familie, im Garten, im Einfamilienhaus mit Gartenzwergen, finanziert durch die Bausparkasse, versteckte man sein Krämerseelchen und verstaute die Vergangenheit auf dem Dachboden oder in der Kühltasche oder man fuhr ins Freibad nach Großsachsenheim oder nach Besigheim“, sagte Keller. Das Quartett sang dazu: „Wenn man in der Schule sitzt und über seinen Büchern schwitzt“.

Auch beim Bietigheimer Tag 1954 wurde über die moderne Familie debattiert. „Der deutsche Schlager fesselte die Ehefrau ans traute Heim, wo sie ihr Leben verkochen, verbügeln und verstricken konnte“, so Keller.

 
 
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