Die Bühne ist dunkel, Licht scheint nur durch kleine Luken, innenarchitektonisch „Borrowed Light“ genannt. Das ist auch der Titel der Choreografie des Finnen Tero Saarinen, die er mit seiner Company und unter Einbeziehung von „The Boston Camerata“ am Sonntagnachmittag im Forum in Ludwigsburg präsentierte.
Schlossfestspiele Ludwigsburg Diese Einfachheit ist ein Geschenk
Die Tero Saarinen Company und The Boston Camerata erinnern in „Borrowed Light“ an die Shaker.
Diese Lichttöne finden sich wieder in den Kostümen der Tänzer und Sänger, scheinen auf die reduzierte Bühne, die auf mehreren Ebenen Aktionsfläche für die vier Tänzer, vier Tänzerinnen, vier Sänger und vier Sängerinnen bietet. The Boston Camerata ist in die Choreografie einbezogen, jede tänzerische Rolle spiegelt sich in einer sängerischen. Zum Beispiel in der von Ann Lee, Gründerin der radikal-protestantisch-calvinistischen Gemeinschaft Shaker im Jahr 1774. Sie ist es, die im trüben Licht auftaucht, auf der Suche nach Antworten, nach einer minimalistischen, kargen Lebensweise und nach Mitstreitern. Gespiegelt wird die Tänzerin im Gesang der Sopranistin Anne Azemas, die die Rolle Lees sängerisch übernimmt.
Gemeinschaft der Askese und des Zölibats
Das Licht nimmt zu, die Gemeinschaft wächst, huldigt frenetisch und mit hypnotisierenden Bewegungen, die ihnen den Namen „Schüttler“, also „Shaker“ gaben, ihrem Gott. Die Choreografie folgt der Gemeinschaft in ihrem Zusammensein, ihrer schweren Arbeit, ihrer Askese, dem Zölibat, das nicht gebrochen werden darf, aber dennoch immer wieder in Gefahr ist.
All dass überführte Saarinen in die gleichförmigen, schüttelartigen Bewegungen, aus denen kaum einer ausbricht. Und wenn doch Flirtsituationen auftreten oder ein Zweifeln, wird diese Person mit rüden Mitteln ins Abseits katapultiert. Saarinen aber schaut hinter die gemeinschaftlichen Bewegungen und findet die einzelnen Menschen. Inwieweit kann man seine Individualität aufgeben, um im Gleichschritt mitzugehen? Das gelingt den Tänzern und Tänzerinnen so eindrucksvoll, dass man genau hinschauen muss, um die Tragik am Bühnenrand mitzubekommen, wenn eine Frau als Außenseiterin malträtiert wird.
Die Sänger und Sängerinnen von The Boston Camerata begleiten das Geschehen auf den mehreren Ebenen des Bühnenbilds, werden in die Mitte gedrängt, um deutlich zu machen, auch sie sind Teil der Einheit. Sie performen 20 bisher unveröffentlichte Songs der Shaker, von denen es etwa 10.000 geben soll. Die Boston Camerata hatte sich schon vor Jahren auf die Einspielung von Shaker-Songs spezialisiert. In den Texten geht es um das gottgefällige Leben, um die Seele, „soul“, des Glaubens. Aber es gibt auch eindeutige Warnungen wider die fleischliche Liebe, bei der die Seele in die Hölle versinkt.
Das Archaische der Lieder wird im Tanz des Ensembles aufgenommen. In grobschlächtigen Bewegungen sind aber immer kleine, gefühlvolle Details verborgen, genauso wie in den dunklen Kostümen, die schweren Filz mit transparenten Stoffen verbinden. Es sind keine komplizierten Bewegungen, auch der Tanz folgt dem minimalistischen Motto der Shaker: „Es ist ein Geschenk, einfach zu sein“.
Am Ende sind alle – Tänzer und Sänger – wieder in einer festen Linie vereint, die Gemeinschaft ist intakt und das Publikum wurde Zeuge einer Ästhetik, die nachhaltig wirkt. Diese Choreografie der Einfachheit ist ein Geschenk.
Shaker-Architektur und -Design
Bekannter als die Glaubensgemeinschaft selbst sind heute die Shaker-Möbel. Der Möbelstil wird als Beitrag zur Kunstgeschichte eingestuft. Ihre formale Strenge, der Verzicht auf Ornamentik und die Orientierung auf Nützlichkeit beeinflusste auch die Moderne in Architektur und Design. Shaker-Küchen sind wegen ihrer einfachen Bauweise in Regalform und einer wie zufällig wirkenden Zusammensetzung sehr beliebt. Teile finden sich in jeder modernen Küche.
