Schulkinder in der Pandemie Wenn das soziale Lernen fehlt

Von Claudia Mocek
Seit einem Jahr fehlt vielen Kindern das Miteinander in der Schule. Das soziale Lernen bleibt beim Online-Unterricht auf der Strecke.⇥ Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Der Bedarf an Beratung ist gestiegen. Die Folgen der Pandemie für Schulkinder werden erst in Zukunft absehbar sein.

Erst wenn die Kinder wieder regelmäßig in die Schule kommen, können wir die Folgen der Corona-Krise absehen“, sagt Dorothee Kocher. Sie ist als Fachleitung der Evangelischen Jugendhilfe im Kreis Ludwigsburg unter anderem verantwortlich für die Schulsozialarbeit zum Beispiel in Sachsenheim. Für Julian Bach, Leitung Bildung und Jugendarbeit bei der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz, steht fest: In der dritten Corona-Welle hat die Schulsozialarbeit zum Beispiel in Besigheim und Ludwigsburg andere Gruppen erreicht als zuvor. Die Akzeptanz sei gewachsen, die Anfragen steigen. „Der physische Kontakt wird wichtiger“, sagt Bach.

Kreativität gefragt

Homeschooling, Wechselunterricht und Notbetreuung: In der Krise ist auch bei den Teams der Schulsozialarbeit viel Kreativität gefragt. Basteltüten werden gepackt, Videogrüße verschickt, das Sorgentelefon für Eltern organisiert, Spiele angeboten und Streitschlichter online ausgebildet.

Während soziale Medien dabei einerseits an Bedeutung gewonnen haben, stellt Bach andererseits aber auch eine gewisse Ermüdung bei den Schülerinnen und Schülern fest. „Die soziale Arbeit muss sich mitentwickeln“, findet er. Coronakonforme Spaziergänge oder Sportangebote werden wichtiger, ist er überzeugt. Die Voraussetzungen dafür sind für die Schulsozialarbeiter unterschiedlich, je nach Stundendeputat und Schule:  Je kleiner die Schule sei, umso leichter ist es, einzelne Schüler direkt anzusprechen, sagt Kocher.

In Einzelgesprächen erfahren die Schulsozialarbeiter dann etwa, dass ein Kind den Unterricht online nur wenig verfolgt, dafür aber viel schläft. Kocher ist sich sicher, dass viele Kinder unter der Situation leiden – vor allem wenn es an der EDV-Ausstattung mangelt oder die Eltern ihre Kinder beim Onlinenlernen nicht unterstützen können. Neben den schulischen Inhalten, die dann zu kurz kommen, hat sie auch die emotionale Entwicklung im  Blick: „Kinder, die sozial waren, verlernen das mit der Zeit“, sagt Kocher und erzählt von Kindern, die weniger fröhlich sind und sich öfter streiten als vor Corona.

„Die Benachteiligung aufgrund ökonomischer Größen hat zugenommen“, ist auch Marc Dressel überzeugt. Der Fachleiter für die Bereiche Jugendhilfe, Bildung und Jugendarbeit sowie die Sozialpsychiatrischen Hilfen bei der Caritas sagt: „Raum war vor der Pandemie kein Thema“. Wenn zu den schulischen Problemen in der Familie noch der Verlust des Arbeitsplatzes hinzukomme oder weitere psychosoziale Probleme, entwickeln sich „massive Existenzängste“, ist Marc Dressel überzeugt. Es gebe zwar viele politische Anstrengungen, die Situation zu beheben. Aber die Umsetzung sei schwierig.

Für Dressel ist das soziale Miteinander „immens wichtig für den Bildungsprozess“. Er ist überzeugt davon, dass sich die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Krise erst in einigen Jahren zeigen werden.

Den Kindern fehlt seit einem Jahr  das soziale Lernen, betont Kocher: Wie man Rücksicht nimmt, Frust abbaut oder sich auf den Hosenboden setzt und an etwas dranbleibt. „Ich bin mir sicher, dass Familien, die Gewalt als Erziehungsmedthoden ansehen, das jetzt nicht anders handhaben“, sagt sie. Dressel befürchtet, dass die Gewalt zugenommen hat. Schutzmechanismen würden nicht mehr greifen, er sieht den Kinderschutz in Gefahr.

Nach der Krise

Wird der Stellenwert der Schulsozialarbeit durch die Krise wachsen? Marc Dressel ist skeptisch. Da sich die finanziellen Folgen der Krise erst in den kommenden Jahren auf die Landkreise auswirken, rechnet er in den Jahren 2022/2023 mit großen Herausforderungen für die sozialen Träger. Dennoch gibt es schon Pläne für die Zeit nach der Krise. Etwas das Projekt „Jugend holt auf“, mit der die Caritas für 70 bis 100 Schülerinnen und Schüler im Landkreis Lernräume schaffen will – mit klassischer Nachhilfe und pädagogischer Förderung, um andere Gruppen zu erreichen als bisher und um zu verhindern, dass Kinder abgehängt werden.

 
 
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