Schulleiter aus der Region: „Leistungen werden nicht pauschal schlechter“

Von Bigna Fink
Ein Schüler löst Aufgaben in einem Lehrbuch: In der Pisa-Studie wird weltweit getestet, ob 15-Jährige ihr Wissen anwenden können. Die jüngsten Ergebnisse zeigen die schlechtesten Leistungen für Deutschlands Schüler seit Beginn der Erhebung 2000. Foto: Picture Alliance/Photothek/Florian Gaertner/

In der aktuellen Pisa-Studie schnitten Schülerinnen und Schüler in Deutschland so schlecht ab wie nie zu vor. Schulleiter in der Region zeigen ein differenziertes Bild.

Rund jeder dritte 15-Jährige in Deutschland verfehlt in Mathe und beim Lesen das Mindestniveau, in Naturwissenschaften jeder Vierte, wie die kürzlich veröffentlichte Pisa-Studie 2025 zeigt. Getestet wird in der weltweiten Erhebung seit 2000 alle drei Jahre, ob 15-Jährige ihr Wissen anwenden können.

Die BZ hat bei Schulleitern von drei verschiedenen Schulen in der Region (keine Teilnehmer der Pisa-Studie) nachgefragt: Wie steht es um die schulischen Kompetenzen ihrer Jugendlichen? Wie ist der Leistungsverfall zu erklären und was tun die Schulen dagegen?

Lernstände teils sehr verschieden

Die Entwicklung, dass landesweit die Leistungen schwächer geworden sind, „nehmen auch wir wahr“, sagt Markus Nutz, Schulleiter der Bissinger Waldschule. Seit 2015/16 ist sie eine Gemeinschaftsschule, die eine Grundschule und eine Sekundarstufe (Klassen 5 bis 10) umfasst. Die Leistungen seiner Schülerschaft entsprechen laut Nutz dem Landesdurchschnitt, in einzelnen Jahrgängen und Bereichen liegen sie aber auch darüber. „Von einer kontinuierlichen Verschlechterung der Leistungen würde ich deshalb nicht sprechen.“

Auch Achim Salomon vom Alfred-Amann-Gymnasium (AAGY) Bönnigheim hält eine differenzierte Betrachtung für wichtig: „Wir erleben nach wie vor sehr leistungsstarke Schüler.“ Sascha Renner, Schulleiter der Sachsenheimer Realschule Eichwald, betont ebenfalls die Stärken seiner Schülerschaft: „Wir machen stets die Erfahrung, wenn es auf den Abschluss zugeht, berappeln sich die meisten.“ Doch alle drei Schulleiter nehmen eine, wie Salomon sagt, „größere Spannweite bei den Lernvoraussetzungen wahr“. Ein Teil der Schüler benötige bei grundlegenden Kompetenzen und beim selbstständigen Lernen mehr Unterstützung als früher.

Das Lernniveau sei heute sehr heterogen, meist zum Nachteil der stärkeren Schüler, beobachtet Renner. „Die Herausforderung besteht heute darin, sehr unterschiedliche Kinder gleichermaßen gut zu fördern“, so Nutz. Das zeige sich auch beim Übergang in Klasse 5. Gerade in Deutsch und Mathe seien die Lernstände teils sehr unterschiedlich.

„In der Grundschule beobachten wir bei einem Teil der Kinder vor allem im sprachlichen Bereich einen erhöhten Förderbedarf“, so Nutz. Auch Renner sieht vor allem hier sinkende Kompetenzen: Die Lesefähigkeit und das Textverständnis lasse nach. „Um eine Aufgabe lösen zu können, ist es elementar, das Gelesene inhaltlich zu verstehen.“ Der Sachsenheimer Schulleiter fordert eine verbindliche vorschulische Bildung und appelliert an die Eltern, mehr vorzulesen.

Eine Hauptursache der zunehmenden Sprach- und Konzentrationsschwäche vieler Schüler sieht Renner in der frühen, abhängig machenden und bisher ungefilterten Nutzung sozialer Medien mit sehr kurzen Clips wie bei Tik Tok, in denen selten korrektes Deutsch gesprochen werde. Er erlebe, dass viele Schüler schon vor der fünften Klasse ein eigenes Handy besitzen. „Ich rate, so lange es geht auf das Smartphone zu verzichten.“

Auch Nutz appelliert: „Kinder brauchen neben der digitalen Welt vor allem reale Erfahrungen: Bewegung, gemeinsames Spielen, direkte Kommunikation und Zeit, sich konzentriert mit einer Sache zu beschäftigen.“ Auch für Salomon spielen veränderte Mediengewohnheiten eine Rolle bei sinkenden schulischen Leistungen, „doch man sollte vorsichtig sein, aus einzelnen Zusammenhängen vorschnell eindeutige Ursachen abzuleiten“. Was ihn besonders nachdenklich macht: „Pisa 2025 zeigt für Deutschland erneut sehr deutliche Leistungsunterschiede zwischen sozial begünstigten und sozial benachteiligten Jugendlichen.“ Schule müsse versuchen, unterschiedliche Lernvoraussetzungen so weit wie möglich auszugleichen. „Sie kann das aber nicht alleine leisten.“

Wie sich die Schulen engagieren

Am AAGY gehören projektorientiertes und fächerübergreifendes Lernen, ein reflektierter Umgang mit digitalen Technologien, internationale Begegnungen sowie Mentoring zur Schulentwicklung dazu, zählt Salomon auf. „Gerade im neuen G9 wollen wir die Begleitung der Schüler durch verbindliche Mentoringangebote weiter stärken.“

Renner und seine Sachsenheimer Realschule setzen seit Jahren eine zusätzliche Deutschstunde für Fünftklässler ein, auch eine Extrastunde Leseförderung gibt es in der Bildungsstätte. „Außerdem ist das Kollegium froh, seit diesem Schuljahr eine pädagogische Assistenzkraft für den Deutschunterricht zu haben.“ Die Schule setze stark den Fokus darauf, dass die Absolventen nach der Schule anschlussfähig sind für das berufliche Schulwesen und die Ausbildung. „Deshalb setzen wir seit mehr als zehn Jahren in den Klassen 10 auf freiwillige Kurse, die sogenannten Förderstunden Deutsch-Mathe-Englisch Plus“, was sehr gut angenommen werde.

Die Waldschule Bissingen, die Gemeinschaftsschule ist, hat sich Unterstützung durch pädagogische Assistenten, Sprachförderpaten, FSJ-Kräfte und die Schulsozialarbeit geholt. „Davon profitieren die Schüler und gleichzeitig wird das Kollegium entlastet“, sagt Salomon. Die Bissinger Gemeinschaftsschule sieht unter anderem „große Chancen im Ganztag. In unserer Sekundarstufe arbeiten wir bereits als verbindliche Ganztagsschule, in der Grundschule führen wir den Ganztagsbetrieb in Wahlform ein“, so Nutz. „Unsere Aufgabe ist es, jedes Kind dort abzuholen, wo es steht, und von diesem Ausgangspunkt aus weiterzuentwickeln.“

Gesamte Bildungskette gefordert

Die Pädagogischen Hochschulen sowie Schulleiter berichten vom Mangel an Lehrkräften und deren Berufsbelastung.

Als Konsequenz aus der aktuellen Pisa-Studie plädieren die lehrkräftebildenden Hochschulen in Baden-Württemberg, darunter die PH Ludwigsburg, „für eine neue Kultur der Zusammenarbeit im Bildungssystem“. Angesichts des anhaltend negativen Trends in den Schülerleistungen und des Mangels an qualifiziertem Personal sei mehr Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten gefordert, heißt es in einer Pressemitteilung der fünf Pädagogischen Hochschulen des Landes. Wichtig sei von der frühkindlichen Bildung aus die gesamte Bildungskette in den Blick zu nehmen und alle, von den Eltern bis zur Lehrkräftebildung miteinzubeziehen, betont Jörg-Ulrich Keßler, Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz (LRK) der Pädagogischen Hochschulen. Unterschiedliche Lernausgangslagen bei Kindern und Jugendlichen einerseits sowie zunehmende Berufsbelastung und Lehrkräftemangel anderseits hängen direkt miteinander zusammen, so der LRK-Vorsitzende.

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„Die Anforderungen an die Lehrkräfte sind extrem gestiegen“, beobachtet etwa Sascha Renner, Schulleiter der Eichwald-Realschule Sachsenheim. Sie seien heute auch Sozialarbeiter, Krankenschwester, Seelsorger. „Bei Ausfällen versuchen wir Aufgaben transparent und fair auf das Kollegium zu verteilen, und den Fokus auf das Unterrichten nicht zu verlieren.“

Eine Lehrkraft müsse heute sehr unterschiedliche Lernvoraussetzungen fördern, mit sozialen und psychischen Belastungen junger Menschen umgehen, Eltern beraten, Konflikte lösen und die Herausforderungen von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz bewältigen, meint der Leiter des Bönnigheimer Alfred-Amann-Gymnasiums, Achim Salomon. „Hinzu kommen immer mehr Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben.“

Wie viele andere Schulen sei auch die Bissinger Waldschule in den vergangenen Jahren personell eher knapp ausgestattet gewesen, sagt deren Schulleiter Markus Nutz. Angesichts der Leistungsschwierigkeiten der Schüler findet er: „Wir müssen an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen: früh fördern, ausreichend Zeit zum Lernen und Üben schaffen und Schüler entsprechend ihrer individuellen Voraussetzungen unterstützen.“

Der Einsatz multiprofessioneller Teams aus Psychologinnen, Sozialtherapeuten und Erzieherinnen sei deshalb überfällig, heißt es in der Mitteilung der Pädagogischen Hochschulen.

 
 
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