Ziel der Schulseelsorge ist es, die Seele der Schule zu finden“, sagt Barbara Scheuhing. Sie ist katholische Religionslehrerin an den Ellentalgymnasien Bietigheim-Bissingen und seit Herbst 2025 mit zwei Deputatstunden pro Woche vom katholischen Dekanat ausgestattete Schulseelsorgerin. Insgesamt gibt es fünf aktive Schulseelsorger an Schulen im Landkreis Ludwigsburg.
Schulseelsorge Kreis Ludwigsburg Auf der Suche nach der Seele der Schule
Die katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart finanziert Schulseelsorgerinnen auch für das Dekanat Ludwigsburg. An den Ellental-Gymnasien besetzt Barbara Scheuhing die Stelle.
Als Vorbereitung dafür hat Scheuhing eine Weiterbildung Schulpastorat/Schulseelsorge der Diözese Rottenburg-Stuttgart absolviert. Das Schulpastorat wird von der Diözese finanziert. Da Scheuhing schon Religionslehrerin an den Bietigheim-Bissinger Gymnasien ist, bot es sich an, die Schulseelsorge auch hier aufzubauen. „Die Schulseelsorger sind immer an einer Schule installiert“, so Kornelia Vonnier-Hofkamp, die im Dekanat Ludwigsburg für Bildung und Schule zuständig ist.
Unterschied Schulsozialarbeit und Schulseelsorge
„In der Schulsozialarbeit geht es um die Probleme von Individuen, darum, jedem einzelnen zu helfen, in der Schulseelsorge geht es um die Gemeinschaft, aber wir arbeiten eng zusammen“, sagt Scheuhing. Zur Schulgemeinschaft gehören alle an der Schule: Schüler, Lehrer, Eltern. Schulseelsorger greifen Ideen auf, gestalten im Team Aktionen und Projekte, vernetzen Akteure vor Ort und sind in Notsituationen für andere da. „Ein Netzwerk für die Schule bilden“, so Scheuhing, sei ihr größtes Anliegen. Zum Netzwerk zählten die Religionslehrkräfte, Ehrenamtliche aus der Schulgemeinschaft sowie inner- und außerschulische Kooperationspartner wie zum Beispiel Kirchengemeinden. Scheuhing selbst ist in der katholischen Kirchengemeinde Bissingen Gemeinderätin und diese Kontakte nutzt sie für gemeinsame Aktionen.
Als eine ihrer ersten Taten hat Scheuhing an den Ellentalgymnasien einen regelmäßigen „Self Care Tag“ ins Leben gerufen, an dem es um Achtsamkeit und Teambildung geht, aber auch darum, Frust los zu werden. Sie hat einen literarischen Adventskalender organisiert, macht regelmäßig Durchsagen über den Funk der Schule oder auf der internen Schulplattform. Als zwei Lehrerinnen starben, hat sie sich um die Trauerarbeit bei Schülern und Lehrern gekümmert.
Dabei agieren Schulseelsorger überreligiös, arbeiten mit den evangelischen, islamischen und orthodoxen Lehrkräften und Schülern zusammen. „Es geht immer um die Bildung einer starken Gemeinschaft an der Schule, die dann gemeinsam Lösungen für Probleme sucht und findet, sich Mut und Selbstvertrauen zuspricht, in Krisen zusammenhält, aber auch Feste gemeinsam feiert“, sagt Scheuhing.
Ihre Aufgabe sieht sie auch darin, Kritik an Ausgrenzung zu üben. Sie nennt ein Beispiel: Am Ellentalgymnasium hat sich eine Gruppe von „Schülern mit Glauben“, so nennt sie sich, gegründet. „Ihr Motto war ‚bete ohne Unterlass, denn das ist Gottes Wille’“, sagt sie. Unter dem Deckmantel des Gottesglaubens haben sie laut Scheuhing Schüler ausgeschlossen, ein konservatives Frauenbild vertreten und streng religiöse Denkweise vermittelt. „Ausgrenzung geht gar nicht, die Schulseelsorge will ein offenes Glaubensbild vermitteln“, sagt Scheuhing. Sie distanziert sich von der Gruppe, will aber weiter dafür sorgen, dass die sechs Mitglieder ihre „sturen Denkweise“ überwinden.
Niemand darf ausgeschlossen werden
Muslime, so sagt sie, gestalten in christlichen Schulgottesdiensten Fürbitten, beteiligen sich aktiv an Aktionen und Projekten der Schulseelsorge. „Von einer Schulgemeinschaft darf niemand ausgeschlossen werden.“ Auch die Lehrer nicht, für die die Schulseelsorgerin ebenfalls einen Blick hat. „Die Kollegen gehen oft auf dem Zahnfleisch, vor allem in Prüfungszeiten, da gebe ich Impulse im Lehrerzimmer, bringe Süßigkeiten mit.“ Sie gehe einfach „mit offenem Ohr durch die Schule“. Für die derzeitigen Abiturprüfungen habe sie eine jüngere Schülerin aktiviert, Mutplakate für die Abiturienten zu malen. Auf ihren Wegen verteilt sie Kärtchen mit Traubenzucker und dem Slogan „Du bist mehr Wert als der Notendurchschnitt“.
Jede Schule brauche eine andere Art von Seelsorge, so Vonnier-Hofkamp. „Die Kirche ist ein Dienstleister und da liegt es doch nahe direkt zu denen zu gehen, die uns brauchen können, also auch an die Schulen“. Im großen Ellentalgymnasium, so sagt Scheuhing, fehle ein Raum der Stille, ein Rückzugsort, weil die Schule so lebhaft sei. Daran will sie künftig arbeiten. Seitdem sie Schulseelsorgerin ist, sei sie an jedem Elternabend der Klassen gewesen, um herauszufinden, „an was es hapert“. Sie ist auch im Krisenstab der Schule, führt Bedarfsgespräche. Ihr ist aufgefallen, dass an den Ellentalgymnasien seit Corona ein Stück weit das soziale Miteinander verlernt wurde, sagt sie. „Viele Kinder gehen nicht mit ins Schullandheim, aus Scheu und Zurückhaltung und wegen der Übervorsicht ihrer Eltern. Sie haben das Vertrauen in die Welt verloren“, sagt Scheuhing. Das zu ändern, daran wolle sie arbeiten.
Herausforderungen annehmen und machen
Gemeinsam mit einer Lehrkraft und externer Unterstützung hat sie den Workshop „Herausforderung einfach machen“ organisiert. 40 Schüler und Schülerinnen planen dabei eine Reise, die nach den Sommerferien stattfinden soll. Sie müssen diese Ausfahrt inhaltlich organisieren und vor allem auch für die Finanzierung sorgen, das sie nur 80 Euro Budget für eine Woche haben. „Die Schüler sollen die Herausforderung annehmen und machen“, sagt Scheuhing. Alle 14 Tage treffen sich die Teilnehmer, um über grundlegende Fragen zu diskutieren wie „Wer bin ich, was will ich, wozu habe ich Lust, mit wem könnte ich diese Herausforderung annehmen. „Und die Kinder haben die tollsten Ideen, was sie tun wollen“, so Scheuhing.
Vonnier-Hofkamp und Scheuhing werden in ein paar Wochen Schulen und ihre Vertreter zu einer Veranstaltung an die Ellentalgymnasien einladen. Dabei soll es um das Thema „mentale Erste Hilfe“ in Krisenzeiten, aber auch bei Trauerfällen gehen. „Ein großes Thema an jeder Schule“, sagt Scheuhing. Es soll eine Schulung werden, aus der ein Netzwerk aus allen Schulen entsteht, hofft sie.
Mit dem evangelischen Schulseelsorger hat Scheuhing ein Demokratiebildungsprojekt auf den Weg gebracht. „Schulseelsorger sollen eine menschenfreundliche Schule gestalten und da gibt es viel zu tun“, sagt die Dekanatsbeauftragte Vonnier-Hofkamp. „Die Kirche muss sich für die gesellschaftliche Lebenswelt öffnen, das Schulpastoral ist ein Weg dahin“, sagt sie.
Etwa 90 katholisch Religionslehrer und -lehrerinnen und pastorale Mitarbeiterund Mitarbeiterinnen arbeiten derzeit in der Diözese Rottenburg-Stuttgart an mehr als 100 Schulen in allen Schularten als Schulseelsorger. Sie entwickeln an ihren Schulen jeweils ein passendes schulseelsorgliches Konzept, das den konkreten Bedürfnissen und Möglichkeiten der Schule entspricht. Sie begleiten und gestalten Anlässe im Schul- und Kirchenjahr mit und sind in Not- und Krisensituationen für andere da. Durch die Kooperation mit außerschulischen Partnern tragen sie dazu bei, die Vielfalt der Angebote auszuweiten und die Schulen weiter in ihren Sozialraum hinein zu vernetzen.
Schulseelsorge kann nur an Schulen verankert werden, an denen die Schulleitung die Anliegen und Arbeitsfelder der Schulseelsorge unterstützt. Bestandteile des Arbeitsfeldes sind: der Aufbau eines Schulpastoralteams an der Schule, die Durchführung von schulpastoralen Angeboten und Projekten, eine inner- und außerschulische sowie ökumenische Vernetzung der schulpastoralen/schulseelsorgerlichen Initiativen, Mitarbeit im Kriseninterventionsteam der Schule, die Zusammenarbeit mit Dekanatsbeauftragten Schulpastoral/Kirche und Schule.
Schulseelsorger haben erfolgreich eine Weiterbildung Schulpastoral/Schulseelsorge absolviert. Vorausgesetzt ist die Zustimmung der Schulleitung, ein Schulpastoralteam sowie die Kooperation mit der Fachschaft Religion. Zwischen der Schulleitung, dem Schulseelsorger und der Fachstelle Schulpastoral, gegebenenfalls zusammen mit dem zuständigen Schuldekanatamt, wird in einem Gespräch eine Kooperationsvereinbarung getroffen.
