Schwerpunkt Besondere Wege Auf 411 Stäffele nach oben

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„Damals ist der Wengertschütz hier als Wächter die Himmelsleiter hoch und runter mit Wengertpeitsche, Rätsche und Pistole bewaffnet“, erzählt Katrin Held..⇥ Foto: Helmut Pangerl

Die „Himmelsleiter“ in Besigheim schlängelt sich die Steillagen entlang und führt auf direktem Weg zum Panoramaweg und zur Weinkanzel.

Ausgetretene und teils eingesunkene 411 Treppenstufen führen in den Weinbergsteillagen von Besigheim zwar nicht direkt in den Himmel, dafür aber auf den Panoramaweg, von wo man einen traumhaften Blick auf die Altstadt auf dem Bergkamm und auf das Hügelland hat, das Besigheim umrahmt. Seit Kurzem können Wanderer vor dem Aufstieg oder umgekehrt, nach dem Abstieg auf neuen Bänken am Fluss rasten. Auch der Einstieg zur Himmelsleiter ist jetzt gut ausgeschildert.

Wer den Enztalradweg entlangfährt, kann es kaum übersehen: Genau da, wo mit ganz großen Buchstaben „Liebe, Liebe, Frieden“ auf die Weinbergmauer geschrieben steht, geht es unter einer Eisenbahnbrücke durch die Himmelsleiter von Besigheim hinauf. Die Himmelsleiter ist ganz in der Nähe der Enzmündung und lädt dazu ein, von oben eine Panoramawanderung zu unternehmen.

Wegsymbol ist eine gemalte Traube

Unten am Einstieg ist vor kurzem eine Haltestelle für Radfahrer angelegt worden. Auch die Beschilderung, die auf die Himmelsleiter hinweist und die Parkbänke unten am Einstieg sind neu. Wer seinen Blick die Weinbergwand entlanggleiten lässt, entdeckt direkt am Eingang eine gemalte rote Traube auf weißem Grund. Dieses Symbol weist auf besondere Kleinode im Weinberg hin – hier auf die Himmelsleiter.

„Die Eisenbahnbrücke gibt es seit 1848“, weiß Weinerlebnisführerin Katrin Held aus Besigheim. „Den Aufstieg, die Himmelsleiter gibt es seit Jahrhunderten.“ Seit wann genau kann Katrin Held, die für ihre historische Spürnase in Besigheim bekannt ist, nicht sagen. Sie erzählt von der trennenden Funktion des schmalen Staffelwegs, Himmelsleiter genannt: „Sie trennt den Besigheimer Niedernberg vom Walheimer Schalkstein, der den Schalksteinnarren ihren Namen gab“, lässt sie wissen. Eine wichtige Funktion kommt der Himmelsleiter auch als Wasserstaffel zu. Diese Staffeln helfen das Wasser aus dem Weinberg auszuleiten. „Wo früher praktisch nur Wasser den Weinberg hinunter floss, wandern heute die Touristenströme nach oben“, schmunzelt sie. Zur Geschichte der Himmelsleiter schaut sie auf erste urkundliche Erwähnungen der heutigen Weinberge und trifft auf das Jahr 1153. „Man weiß aus einem Kaufvertrag, dass hier damals schon Weinberge bestellt wurden“, erzählt Katrin Held und erinnert an eine Zeit, als Steillagenweinberge höher gehandelt wurden als Wohnhäuser. „Damals war es oft so, dass der Sohn den Weinberg übernahm und die Tochter das Haus bekam“, weiß Katrin Held.

Schönster Blick über Weinberge

Die ersten Stufen von unten ragen kaum mehr aus dem Boden heraus. Sie sind offensichtlich eingesunken, tun aber immer noch ihren Job. Denn, wer körperlich fit ist, kann hier auf dem schnellsten Weg auch zur vor zwei Jahren gebauten Weinkanzel gelangen, von wo man den schönsten Blick über die Weinberglandschaft an der Enz hat. Die Stadt Besigheim kümmert sich darum, dass die Stufen frei von Unkraut bleiben. Für den Erhalt der Mauern, die die Himmelsleiter links und rechts flankieren, sind die Besitzer des jeweiligen Weinbergs selbst zuständig. Wenn es anhaltend regnet und dann richtig kalt wird, sind die alten Mauern besonders gefährdet, einzustürzen.

Auf dem kürzesten Weg zum Himmel über Besigheim begegnen dem Spaziergänger viele Pflanzen, die sich gerne in den Steillagen ansiedeln und den Wärmespeicher Weinbergmauer in vollem Umfang genießen. Der „Ackersalat“ gehört dazu. Überall kann man ihn an der Himmelsleiter sprießen sehen. Der Mauerpfeffer gehört hierher und das „Wengertgrües“, eine feine Form des Schnittlauchs, den man gerne in den Maultaschenteig gegeben hat. Auch für viele Moosarten bietet der Weinberg Heimat. Eidechsenarten fühlen sich hier geborgen, und Marienkäfer machen sich besonders nützlich, weil sie die Läuse fressen.

Mit viel Mitgefühl denkt Katrin Held auch laut an all die Buttenträger, die früher die Himmelsleiter hoch und runter mussten – in einer Zeit als die Butten noch aus Holz waren und nicht wie heute aus Kunststoff. „Die Holzbutten wurden ja auch noch gewässert, damit sie dicht waren“, berichtet die Weinerlebnisführerin.

85 Höhenmeter zur Weinkanzel

„Die Buttenträger hier haben sich schon damals ein Extrageld verdient, denn 60 Höhenmeter liegen zwischen den ersten und den letzten Weinbergstufen. 85 Höhenmeter sind es heute bis zur Weinkanzel“, macht sie deutlich.

Und weil nicht nur Nützlinge, sondern auch Traubenfresser den Wengert bevölkern, sieht man hier oben an der Himmelsleiter heute noch eine kleine Hütte aus Stein, die Herberge des Wengertschütz in heikler Zeit vor der Lese. Nicht nur die Stare und die Amseln kommen dann gern zum Vespern. Auch das Reh und der Dachs haben ein Faible für Trauben. Noch einmal wandert ihr Blick über die vielen Treppenstufen in unterschiedlicher Höhe, die sich den Berg hinauf schlängeln. Die Sonne schimmert geheimnisvoll im Wasser, und der Turmfalke erkundet sein Jagdgebiet.

 
 
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