Schwerpunkt Besondere Wege Pfade zeugen von Geschichte

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Burkhard Böer kennt die Wege in seinem Bönnigheimer Revier, wie den Königsitzweg, der von Adligen im Freudentaler Schloss als Ringverbindung mit dem Amannweg zu einem „Kutschenweg“ ausgebaut wurde.⇥ Foto: Helmut Pangerl

Der Bönnigheimer Revierleiter Burkhard Böer kennt die Verbindungen im Bönnigheimer Wald – und deren Bedeutung für frühere Generationen.

Ein Refugium alter Wege“, so bezeichnet Burkhard Böer, Leiter des Forstreviers Bönnigheim, den Wald, in dem alte, versteckte Wege seit Hunderten von Jahren konserviert und immer noch erhalten sind – ganz im Gegensatz zum Freiland.

Wege gibt es im Wald viele: Fernwege, ihre sogenannten Zubringer, überregionale Wege, Ortsverbindungswege und solche, die durch ihren Namen erklärbar, aber nur für einen einzelnen Ort relevant sind, so etwa der Amannweg, einer der modernsten Wege in Bönnigheim, der vom Wanderparkplatz Amannweg Richtung Pfeiferhütte führt. Wie Böer erklärt, habe in der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahren der Bönnigheimer Textilunternehmer Alfred Amann genug Geld besessen, um seine Arbeiter weiter beschäftigen zu können: Da der Unternehmer sehr mit dem Wald verbunden war, ließ er zwei Sackgassen als Notstandsarbeit miteinander verbinden. Zu Ehren des Bönnigheimer Unternehmers heißt der von ihm in den 1930er-Jahren gebaute Weg deshalb „Amannweg“.

Wege wie dieser seien mit Leben gefüllt, da hinter ihnen stets eine Geschichte stehe. „Man muss nachfragen und sich das kindliche ‚warum‘ beibehalten“, meint Böer. Um zu verstehen, warum die Wege so bis zum heutigen Tag heißen, müsse man sich in die damaligen Menschen und ihre Denkweise hineinversetzen. Oft waren die Wege kein ausgewiesenes Flurstück, vielmehr entwickelten sie sich aus den Trampelpfaden der Menschen zu zahlreichen „Wegschnippseln“ und uralte Wegen.

Der als eine historische Fernverbindung auf den Höhenzügen des Stromberges angelegte Rennweg sei schon über 2500 Jahre alt und führt heute vom Wanderparkplatz Krappenberg über den Stromberg – vom Rotenberg auf Bönnigheimer Gemarkung nach Sternenfels. Um auf diesen Fernweg zu gelangen, sind Aufstiegsstraßen – sogenannte Zubringer – gebaut worden. Der Zubringer von Freudental zum Rennweg existiert noch heute. Böer erzählt, dass diese Zubringer auch vom Militär genutzt worden sind: „Da waren dann 80 Mann zu Fuß unterwegs“. Auch für Händler, die Waren vertrieben, die es hier nicht gab, war der Rennweg eine bedeutende Verbindung. Außerdem sei fahrendes Volk, Sinti und Roma, unterwegs gewesen, das als Kesselflicker Dinge reparierte, die über das Jahr hinweg kaputt gingen. In Erligheim sei der Zigeunereckweg dafür ein erhaltenes Beispiel. Natürlich haben auch Wegelagerer auf dem Fernweg ihr Unwesen getrieben.

Dass die Fernwege, wie der Rennweg, auf den Höhenzügen verliefen, ist für Böer eine logische Konsequenz. Oben war es trockener, als in den feuchten Talgebieten, denn dort herrschten ideale Bedingungen etwa für Brutplätze der Malaria-Mücke. Die Mühen eines steilen Auf- und Abstiegs wurden daher gerne in Kauf genommen.

„Den Freudentaler Weg vom Krappenberg-Parkplatz ausgehend kennt jeder Bönnigheimer Jogger“, so Böer. Aber der bei Sportlern beliebte fünf Kilometer lange Weg sei nur die halbe Geschichte. Anhand einer historischen Karte fand Böer heraus, dass der Freudentaler Weg ursprünglich über den „Sandgrüblesweg“ und die „Alte Heusteige“ nach Spielberg führte. Vom Schloss ausgehend ist der Freudentaler Weg für den Bönnigheimer Revierleiter eine Besonderheit. Diese Verbindung habe mit den königlichen Einrichtungen am Altertum und Königssitz zu tun, nachdem das Freudentaler Schloss vom württembergischen König Friedrich I. zum Jagdschloss umgebaut worden war. „Wenn die hochfeinen und noblen Herrschaften mit ihren edlen Klamotten irgendwo in den Wald wollten, damit sie dort ihrer Jagdlust frönen konnten, musste man sie mit den Kutschen fahren“, erklärt Böer. Dafür sei der ehemalige Altertumweg extra zu einem befestigten Ringweg gebaut worden, den Böer als „Kutschenweg“ bezeichnet. Die Herrschaften ließ man auf der Höhe vom Königssitz ausstiegen und fuhr anschließend im Kreis über den Königssitzweg zurück. So konnten die Kutscher mühelos umdrehen und wieder vorfahren. Heute sei es ein unscheinbarer Waldweg, aber man müsse die Geschichte dahinter kennen.

Blut, Schweiß und Tränen

Den „Kutschenweg“ hat er auf der alten Karte entdeckt, da dort das Teilstück vom Altertum zur Pfeiferhütte gefehlt habe. Dies sei jedoch kein Kartierungsfehler gewesen. Böer: „Der alte Weg am Altertum macht nur als Schleife Sinn, die an einer jagdlichen Einrichtung vorbeiführt.“ Erst als der Königssitzweg in Vergessenheit geraten war, habe man die 100 Meter bis zur Pfeiferhütte zu Ende gebaut. „Wenn man bedenkt, welche Ressourcen damals zur Verfügung standen, bekommt man mehr Achtung vor dem später gebauten Damm, weil man weiß, wie viel Blut, Schweiß und Tränen hinter diesem Weg standen“, so Böer.

 
 
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