Sebastian Heinemann aus Bietigheim sammelt Kippen ein Kampf gegen die Kippenflut

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Sebastian Heinemann liegt die Umwelt am Herzen: Deshalb plädiert er für eine saubere Umwelt und sammelt Zigarettenkippen, nicht nur in Bietigheim-Buch. Tausende sind schon zusammengekommen. ⇥ Foto: Martin Kalb

Der Bietigheim-Bissinger Sebastian Heinemann sammelt in seiner Freizeit Zigaretten ein, um die Stadt sauberer zu machen. Die Kippen werden dann sogar recycelt.

Die Zahlen sind beeindruckend und doch erschreckend: Wenn Sebastian Heinemann in Bietigheim-Bissingen unterwegs ist, sammelt er Zigarettenstummel ein, die arglos auf den Boden geworfen worden sind. „Am Montag habe ich ein nettes Plätzchen von Kippen befreit“, schreibt er in einem Facebook-Post, „hier waren es unfassbare 437 Stück.“ Vor einer Pizzeria sammelt er 270 Stück. Doch Heinemann arbeitet nicht etwa beim Bauhof der Stadt, er sammelt ehrenamtlich Kippen von der Straße auf. Im Gespräch mit der BZ erklärt er, warum.

Zwei Drittel der gerauchten Zigaretten landen auf der Straße, schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in dem Pamphlet „Tobacco and its environmental impact: an overview“, das 2017 veröffentlicht wurde. Darin steht zudem, dass jedes Jahr zwischen 340 bis 680 Millionen Kilogramm weggeworfene Zigarettenkippen den Planeten verschmutzen. Auf diese Zahlen stieß auch Sebastian Heinemann, als er sich 2019 für die Gemeinderatswahl in Bietigheim-Bissingen aufstellen ließ und für die SPD ins Rennen ging. Zwar sammelte er nicht genügend Stimmen für den Einzug ins Gremium, doch sein Interesse an Umweltschutz war geweckt.

Er stieß auf den nicht eingetragenen Verein „TobaCycle“, der 2018 durch Mario Merella entstanden war und seit dem zwölf Tonnen Zigarettenkippen gesammelt hat. „Eine Kippe verursacht 40 Liter Grundwasserverschmutzung“, begründet Heinemann die Entstehung der Organisation, die auf dem Weg zur gemeinnützigen GmbH sei. Da Mario Merella selbst Raucher sei, wollte er eine Möglichkeit schaffen, den Restmüll von Zigaretten zu befreien. „Die Zigaretten, die im Restmüll landen, werden verbrannt und die Giftstoffe landen in der Luft.“

Filter aus Kunststoff

Doch der Filter einer Zigarette besteht aus Celluloseacetat und das ist ein Kunststoff. „Wir können diesen Kunststoff recyclen“, erklärt Heinemann. Merella informierte sich intensiv über den Kunststoff und die Recycling-Möglichkeiten. Es stellte sich die Frage, wie man Kippen in einen Kunststoff verwandeln kann, der auch verwendbar ist. „Die Filter sind getränkt mit den ganzen Giftstoffen wie Arsen, Blei, Kadmium und Formaldehyd. Daraus können wir keine Verpackungen für Lebensmittel machen.“ Merella knüpfte Kontakte mit anderen Organisationen, die sogenannte Clean-Ups (Aufräumaktionen) machen und entwickelte ein Konzept, wie der Kunststoff aus Zigarettenfiltern mit Kunststoffen aus dem Gelben Sack, aus dem Meer, vom Strand und vom Land vermengt werden und daraus ein Kunststoffgranulat hergestellt werden kann. „Mit einem Spritzgussverfahren werden daraus dann unsere Sammelbehälter“, sagt der Bietigheim-Bissinger. „Wir sind auch dran, mit einem Freund von mir, der 3D-Druck betreibt, das ganze Verfahren für den 3D-Druck umzuwandeln.“

Sebastian Heinemanns Interesse war schnell geweckt, doch dabei blieb es nicht. Er wollte selbst aktiv werden. Über drei Monate testete er bei seinem Arbeitgeber, dem Verpackungsunternehmen CTA aus Ludwigsburg, die sogenannten Outdoor-Ascher von „TobaCycle“. Sebastian Heinemann leitet die Abfallwirtschaft bei CTA und stieß dadurch auf verständnisvolle Ohren bei seinem Arbeitgeber. „Wir sind damit echt gut gefahren“, sagt Heinemann, „in kürzester Zeit haben wir von 75 Rauchern zirka 45 000 Zigaretten gesammelt. Das sind wir zwar auch erschrocken, aber wir haben gesehen, dass wir das weitermachen müssen.“ Mittlerweile ist CTA eine Sammelstelle für Zigaretten. „Wir wollen das ganze umweltfreundlich und klimaneutral gestalten und daher ist es sinnvoll, möglichst viele Sammelstellen zu haben.“ Denn die Verwertungsstelle von „TobaCycle“ ist in Köln. Damit auch beispielsweise Privatpersonen ihre Sammeleimer nicht immer dorthin schicken müssen, gibt es Sammelstellen.

Raus aus dem Restmüll

„Wir wollen versuchen, mit unserem Sammelsystem die trockenen Kippen aus dem Restmüll zu holen, separieren und dann in unsere drei Verwertungswege zu geben.“ Es gibt die stoffliche Verwertung: „Da können wir alle trockenen Zigarettenkippen mit dem Kunststoffgranulat recyceln.“ Der zweite Weg ist eine Pyrolyse, durch die die Kippen in ihre gasförmigen Bestandteile zersetzt werden und dann ebenfalls wiederverwendbar sind. „Wenn wir bei Clean-Ups viele nasse Kippen sammeln, haben wir ein Problem“, sagt Heinemann zur dritten Variante, denn der Aufwand, diese zu trocknen, sei zu groß. Bestandteile der nassen Kippen können jedoch in der Biogasanlage verwertet werden, um Energie zu produzieren. Durch Filteranlagen werden dort die Giftstoffe zudem herausgefiltert und die Giftstoffe werden nicht in die Luft freigelassen, so Sebastian Heinemann.

Doch woher kommt Heinemanns Einsatz? „Ich bin damit aufgewachsen.“ Als Kind hieß es, dass jede Art von Müll, die möglicherweise auch unterwegs entsteht, in den nächsten Mülleimer geworfen werde und wenn es keinen gibt, dann komme es in die Hosentasche und wird zu Hause entsorgt. Zudem kenne er das Problem mit den Kippen aus eigener Hand. „Ich habe 15 Jahre lang geraucht und bin 2017 zum Dampfer geworden“, sagt er und zeigt auf seine E-Zigarette. Er sei in der Zeit selbst recht sorglos mit seinen Kippen umgegangen. Seit er sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat, sehe er das jedoch anders: „Egal wo du hinguckst, es ist eine Riesensauerei.“ Nicht nur Kippen sammelt er deswegen in seiner Freizeit ein, sondern auch sonstigen wilden Müll. „Ich mache das für meine Familie, meinen Sohn und eben auch für meine Mitmenschen.“ Seine Begeisterung für eine saubere Umwelt geht noch weiter. Heinemann ist Mitglied im Verein Saubere Stadt und gibt sein Wissen an die nächste Generation weiter: „Mein Sohn und ich sammeln gemeinsam auf dem Weg zum Kindergarten oder wenn wir spazieren gehen, Kippen ein“, sagt Heinemann. „Er ermahnt auch seine Großeltern, dass sie ihre Zigaretten ja nicht auf den Boden werfen sollen.“

Aus den recycelten Kippen stellt „TobaCycle“ beispielsweise die Sammeltonnen und -eimer her, die man als Unternehmen und Privatperson durch ein Pfandsystem bekommen kann. Zusätzlich stellen sie Taschenaschenbecher her, um gleichzeitig neuen Müll zu verhindern. Taschenaschenbecher sind keine neue Erfindung und doch finden sie nicht bei allen Rauchern Anklang. „Viele wissen gar nicht, was ein so kleiner Filter alles ausmacht und schnipsen ihn deswegen einfach weg“, sagt der Bietigheimer, „das ist eben Ende des Rauchvorgangs.“ Ein weiteres Problem sehe er darin, dass es oft keine Aschenbecher gebe. Viele öffentliche Mülleimer auch in der Stadt seien nicht mit Aschenbecher ausgestattet und wenn, dann landen die Kippen wieder im Restmüll. Deswegen bietet die Organisation Aschenbecher aus Edelstahl an, in denen die Kippen trocken und ohne Brandgefahr gesammelt werden können.

„Ich mach das für mich, als Herzensangelegenheit“, sagt er über sein Engagement, das sich nicht nur auf seinen Wohnort Bietigheim-Buch beschränkt. Sebastian Heinemann hofft, dass er mit seiner Begeisterung viele Menschen und auch die Stadtverwaltung anstecken kann. Er könne sich zudem vorstellen, dass der Wertstoffhof im Ellental eine Sammelstelle werden könnte. Wer ebenfalls helfen will, kann sich online an „TobaCycle“ und Heinemann wenden.

www.tobacycle.de

 
 
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