Jochen Kemmler lebt in Vaihingens Vorort Kleinglattbach, ist 61 Jahre alt, von Beruf Ingenieur bei einem Verpackungsunternehmen im Remstal und ehrenamtlich im evangelischen Kirchengemeinderat engagiert. An sich ein ganz normaler Mensch, wäre da nicht das Paralleluniversum, in welches er immer wieder eintaucht, gerade dann, wenn die Seele nach Entschlackung ruft.
Serie: „Die Karre meines Lebens“ In Kemmlers Paralleluniversum
Jochen Kemmler aus Kleinglattbach restauriert, pflegt und fährt seit vielen Jahren Autos und Zweiräder der früheren schwäbischen Marke NSU.
Dazu muss er keine Lichtjahre dauernde Reise antreten, sondern lediglich seine Garage öffnen – und schon befindet er sich in einer anderen Welt. In einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Jochen Kemmler ist leidenschaftlicher Fan der ehemaligen schwäbischen Marke NSU, die nach dem Krieg mit Motorrädern groß und durch Weltrekorde berühmt wurde, in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren mit der Kleinwagenserie „Prinz“ auf dem Markt mitmischte und mit dem visionären Ro 80 Automobilgeschichte schreiben sollte – wenn auch, wie sich herausstellte, zum letzten Mal.
Ein „Prinzle“ als erstes Auto
„Auslöser dieser Liebe zu NSU“, sagt der Schwabe, „war mein erstes Auto, ein Prinz 4L, den ich 1986 gekauft habe“, für 1000 Mark und mit einem defekten Motor. „Ich habe dem Kleinen dann einen neuen Zweizylinder spendiert, und fortan war er mein treuer Begleiter.“ Was folgte, waren viele gemeinsame Kilometer und unzählige Jahre, die der Kleinwagen kommen und gehen sah.
1989 kam dann der TT, der große und mit strammen 65 PS sportlich ambitionierte Bruder vom „Prinzle“, dazu: „Ein Italien-Import mit kaum mehr als 30.000 Kilometern auf der Uhr in einem bestechenden, ungeschweißten Zustand und mit der damals so angesagten Farbe ,Cadiz-Orange’, die, wie ich auch heute noch finde, dem kleinen Flitzer gut zu Gesicht steht“. Den TT von damals aus dem letzten Fertigungsjahr 1972 besitzt Kemmler heute noch, 36 Jahre später, wohingegen andere Wagen von NSU, die er besaß, längst weiterverkauft wurden, „wie zuletzt ein blauer 1974er Ro 80, den habe ich an Ostern veräußert“, erzählt er.
Vor Kemmlers Haus steht ein weiteres Exemplar vom „großen NSU“, der bei seiner Vorstellung auf der IAA in Frankfurt 1967 wegen seiner revolutionären Form und dem neuartigen Motorenkonzept – dem totpunktfrei laufenden Kreiskolbenmotor – ein Schlag ins Gesicht der etablierten Großserienhersteller war.
Zwar vielfach bewundert, jedoch letztlich zu teuer, zunächst technisch unausgereift und, zumal nach den Wehen der Ölkrise 1973, zu durstig, sollte ihm, der eigentlich die Marke hätte retten sollen, kein großer Erfolg beschieden sein. Sodass seine Produktion 1977 sang- und klanglos auslief und dies auch das endgültige Aus für die Marke NSU bedeutete.
Für Kemmler hingegen ist die Marke aus dem Deutschordensstädtchen Neckarsulm (NSU steht schlicht für NeckarSUlm) nach wie vor lebendig, und als Vorsitzender des NSU Prinz Clubs Schwaben, den es seit 1981 gibt, kennt er die Szene in- und auswendig. „Ursprünglich bin ich dem Club beigetreten, um in erster Linie Gleichgesinnte zu treffen, gemeinsam Ausfahrten zu machen und auch, um besser an Ersatzteile zu kommen, denn Ende der 1980er-Jahre wurden diese langsam rar. Und dennoch tat sich doch immer wieder eine Chance auf, an Restposten zu kommen, etwa dann, wenn eine Werkstatt aufgelöst wurde.“
Keine Probleme mit Ersatzteilen
Heute, sagt der 61-Jährige, sei die allgemeine Ersatzteillage, auch der zahlreichen anderen NSU-Clubs wegen, total entspannt: „Es gibt für alle mechanischen Teile Nachfertigungen, selbst für frühere Raritäten wie die Türverkleidungen hier“ – Kemmler zeigt auf die schwarzen Kunstledermatten – „gibt es wieder Neuteile in bester Qualität, wenn auch nicht gerade billig zu haben.“
Und so, wie sein original erhaltener 1972er-TT dasteht, würde auch dieser nicht günstig zu haben sein, wenn Jochen Kemmler ihn verkaufen wollte. „Der Gutachter bescheinigte mir einen Wiederbeschaffungswert von 50.000 Euro.“ Weniger wert ist da sein 1977er Ro 80 – „der steht bei rund 15.000 Euro.“ Vervollständigt wird sein aktueller Fuhrpark durch einen Motorroller vom Typ „Prima“, ebenfalls ein für diese Baureihe spätes Modell von 1961, sowie durch ein Mofa vom Typ „Quickly“. „Das Quickly war ein Scheunenfund und eigentlich wollten mein Sohn und ich das Rädle wieder herrichten.“ Allerdings waren sich die beiden Kemmler-Männer schnell einig, dass die vorhandene Patina dem lediglich 1,4 PS starken Zweirad von 1953 eigentlich ganz gut zu Gesicht stehe. Und so beließen sie das knatternde Etwas im Originalzustand.
Union Lido nahe Venedig
Immer wieder geht es mit den Fahrzeugen auf Treffen, so waren Kemmler und seine Frau mit dem bananagelben Ro 80 im Mai auf dem Union Lido nahe Venedig, auf dem sich die große NSU-Familie traf – auf dem in den 1950er-Jahren als Sommerfrische durch das Unternehmen angelegten größten Campingplatz Europas.
Dort waren sie alle anzutreffen, die liebenswert Verrückten, die die altehrwürdige Marke NSU in Ehren halten – und aus Italien, der Schweiz und Österreich, aus Frankreich, den Niederlanden und Dänemark anreisten sowie aus all den anderen Ländern, in welchen NSU-Fans leben. Kemmlers Sohn trägt übrigens auch dieses Virus in sich und pflegt seit Jahren einen Hecktriebler aus Vaters Beständen. Die Frage an den Senior, ob er noch oft an sein erstes „Prinzle“ denkt, beantwortet er mit einem schelmischen Grinsen: „Klar. Das steht seit Jahren sorgfältig abgedeckt in einer Garage und wartet nur darauf, dass es bald wieder reanimiert wird.“
Jetzt geht es aber erst einmal mit dem Ro 80 – „vielleicht auch mit dem TT, denn der ist dieses Jahr noch nicht viel bewegt worden“ – in den Schwarzwald auf das nächste Treffen, um dort mit Gleichgesinnten in das Paralleluniversum mit den für sie magischen drei Buchstaben einzutauchen.
