Rund 116.000 Meldungen von Hass im Netz sind in den vergangenen zehn Jahren bei der Meldestelle „Respect! im Netz“ der Jugendstiftung Baden-Württemberg eingegangen. Gut 29.000 davon wurden nach einer ersten Prüfung an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet. Einige werden bis zum Jahresende noch dazukommen, doch dann ist Schluss. Die niedrigschwellige Meldemöglichkeit wird 2027 nicht weitergeführt, stattdessen soll sich „Respect!“ wieder stärker auf die Bildungsarbeit fokussieren, so der Plan.
Sersheim Meldestelle „Respect!“: „Wir ziehen uns nicht zurück“
Die Meldestelle „Respect!“ wird es 2027 nicht mehr geben. Trotzdem will die Jugendstiftung Baden-Württemberg aus Sersheim in diesem Bereich aktiv bleiben.
Nun liegt die Idee nahe, dass die Umstrukturierung auch in der neu konzipierten Förderung des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ begründet liegt (die BZ berichtete). Immerhin hat die Jugendstiftung aus dem Fördertopf zuletzt 424.510 Euro pro Jahr erhalten. Dem sei jedoch nicht so, sagt Petra Densborn, Vorstandsvorsitzende der in Sersheim ansässigen Jugendstiftung Baden-Württemberg: „Das war für uns kein Impuls.“ Neu bewerben werde man sich für die Förderung mit „Respect!“ nicht, kündigt Densborn an, stattdessen lote man andere Finanzierungskulissen aus. Schon länger habe man Überlegungen zu einer möglichen Neufokussierung geführt, sagt sie. Der Schwerpunkt des Projekts „Respect!“ sei immer der Hass im Netz gewesen, mit einem besonderen Auge auf die Situation junger Menschen. Doch die Meldestelle binde enorme Ressourcen und sorge für Diskussionen, die das Projekt vom eigentlichen Fokus ein Stück weit abbringen würden, so Densborn.
Weiterhin aktiv bleiben
Auch habe sich in den vergangenen Jahren einiges getan, unter anderem der Digital Service Act der EU verpflichtet etwa Plattformen, illegale Inhalte schneller zu löschen. „Ich glaube, dass wir sehr viel erreicht haben.“ Nichtsdestotrotz möchte man auch weiterhin auf das Thema Hass im Netz aufmerksam und auch mögliche Rechtswege klar machen. „Wenn wir weiter auf Meldewege verweisen, aber sie nicht mehr selbst bearbeiten, können wir mehr auf aktuelle Entwicklungen reagieren“, sagt Petra Densborn. Sie versichert: „Wir ziehen uns nicht zurück.“
Neue Schwerpunkte
Stattdessen liegt der Schwerpunkt der Bildungsarbeit nun auf Themen wie Desinformation und KI. Auf letzterem lag 2017, als die Meldestelle ins Leben gerufen wurde, noch kein allzu großer Stellenwert. Zu diesem Zweck habe man unlängst das Projekt „KI-Scouts“ gestartet, mit dem Ziel, Jugendliche für einen reflektierten Umgang mit der Technologie zu qualifizieren. Man müsse unterscheiden können, in welchen Bereichen KI eine sinnvolle Unterstützung darstelle und wann ein kritischer Blick angebracht sei, so Densborn.
Selbstbewusstsein entwickeln
Die Zukunft werde stark von Künstlicher Intelligenz geprägt sein, daher gelte es im Umgang damit, ein gewisses Selbstbewusstsein zu entwickeln und Ängste nicht überhand nehmen zu lassen, sagt sie. Dazu entwickle man ein Konzept für ein Mentorenprogramm. 2027 ist der erste Ausbildungsgang geplant. Darüber hinaus arbeite man am Projekt „SEED“, einem Workshopformat für Schulen zum Thema Desinformation. Und auch ein Konzept zum Thema Gaming mitsamt seinen positiven wie negativen Aspekten befinde sich in Arbeit. Mit ihren Programmen ist die Jugendstiftung in Schulen aktiv und arbeitet mit Jugendgemeinderäten zusammen. „Wir sind gut vernetzt. Unser Vorteil ist, dass wir eine Stiftung sind, die mit jungen Menschen in Kontakt treten kann“, sagt Densborn.
Kein Personalabbau
Ein Personalabbau ist für die Vorstandsvorsitzende kein Thema. Schon bisher waren die meisten Mitarbeiter, die für die Meldestelle zuständig waren, auch in den über 1000 Bildungsangeboten von „Respect!“ tätig, so Densborn. „Diesen großen Wissensfundus wollen wir nicht verlieren.“
