Gäbe es statt blühender Obstbäume und sattgrüner Weisen Säulenkakteen und Präriestaub, dann könnte man sich aktuell am Südrand von Sersheim, auf der Anhöhe nahe der Landesstraße, glatt 150 Jahre zurück und rund 7500 Kilometer weit weg wähnen. Dort oben stehen sie, all die weißen Zelte, Countrymusik klingt aus allen Ecken, und aus dem Schornstein des Saloons dringt schwarzer Rauch, es riecht nach Holzkohlegegrilltem. Die Menschen, die einem hier begegnen, sind so ganz anders gekleidet als der durchschnittliche Sersheimer. Was selbigen allerdings nicht überrascht, denn dieser weiß – wenn es langsam Mai wird, dann ist es Zeit für den Wilden Westen im schwäbischen Unterland.
Sersheim Zu Gast im Paralleluniversum
Zum 46. Mal findet das Wildwesttreffen der Westernfreunde statt. Ein Gespräch mit den Machern.
Dann tragen – zumindest hier oben – Frauen weite Röcke mit Schürzen und Hauben auf ihren Köpfen, Männer ihre Stetsons und mit Wildleder bestückte Hosen und führen ihre Colts im Holster.
Rund 400 Wildwestfans zu Gast
Es ist elf Uhr am Vormittag, das Lagerleben ist in vollem Gange, erste Gäste haben sich an den klobigen Echtholztischen im Saloon versammelt. Auf dem Weg nähern sich zwei Cowboys – der Sheriff und ein Begleiter. Der Marshal mit seinem karierten Hemd, seinen „Stove Pipe“-Stiefeln, dem lässigen Halstuch und dem freundlichen Blick ist eigentlich gelernter Drucker und heißt Christian Steinebronn, hier liebevoll „Stony“ genannt. Er ist eine der treibenden Kräfte, wenn es um das jährliche große Treffen der Westernfreunde geht, die aus dem Sportschützenverein hervorgegangen sind, um diesen gerade bei dieser Großveranstaltung zu unterstützen. Wo sich in den vergangenen und noch folgenden Tagen rund 400 Wildwestfans aus ganz Deutschland, aber auch aus Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden, Belgien sowie aus Österreich und der Schweiz zum großen Camp mit mehr als 130 Zelten treffen, steht stets eine Menge an Vorbereitungen an.
„Das geht im Februar los, vor allem an den Wochenenden ist dann voller Einsatz gefragt“, sagt Steinebronn, und Matthias Feyerabend, den die BZ im Saloon antrifft, nickt und lächelt. „Wir sind alle ehrenamtlich tätig und bauen, so möglich, alles, was Sie hier sehen, in Eigenleistung“, sagt er und zeigt auf verschiedene Teile des Saloons, der eigentlich ein großes Festzelt ist, aber stilecht mit Holzbohlen verkleidet wurde. Auch der Dielenboden wurde Stück für Stück in Eigenregie angefertigt und für die Westerntage verlegt. Zur Vorarbeit, bei dem über 30 feste Helfer und wiederum temporär deren Helfer mit anpacken, gehört auch das Einrichten der Küche, das Aufstellen der Stühle und Tische, der Aufbau der Bar und auch das Verlegen der Stromleitungen. Und es sind Auflagen zu erfüllen – seitens der Gemeinde, beim Brandschutz, auch der Wirtschaftskontrolldienst schaut vorbei.
Alles so authentisch wie möglich
„Wir legen stets ein Augenmerk darauf, dass alles, was Sie hier sehen, möglichst authentisch rüberkommt“, sagt Steinebronn, der mit etwa neun Jahren zum ersten Mal bei diesem Treffen zu Gast war: „Mein Onkel hatte mir damals eine Wochenendkarte geschenkt, und von dort an war ich Feuer und Flamme für dieses Camp“, sagt er, und seine Augen leuchten. Überhaupt leben alle hier in ihrem Paralleluniversum, das Feuer der Leidenschaft fürs gemeinsame Hobby ist greifbar. Heuer findet das Camp zum 46. Mal statt, doch angefangen hat alles ganz klein, wie Feyerabend weiß: „Da hatten drei, die beim Schwarzpulverschießen des SSV teilnehmen wollten, an den Vortagen Zelte mitgebracht und ihre Vorfreude durch ein improvisiertes Lager Ausdruck verliehen.“
Die Sache gewann schnell an Eigendynamik, und irgendwann wurde es den Verantwortlichen des Sportschützenvereins zu viel, beide Veranstaltungen, das Schießturnier und das Westerntreffen, zu wuppen. „So haben sich dann 2009 die Westernfreunde formiert und sich die Orga der Veranstaltung auf die Fahnen geschrieben“, erzählt Steinebronn. „Dieses Treffen ist wie eine Modellbahnlandschaft“, sagt „Matze“ Feyerabend, „es wird nie ganz perfekt oder gar fertig sein“, denn die Westernfreunde schauen ganz genau hin, dass alles so originalgetreu vonstatten geht und nichts klischeeüberladen oder gar geschichtsklitterisch wirkt.
Das fängt bei der möglichst authentischen Ausstattung des Saloons an, geht über die an Originalschnitte und -outfits angelehnte Kleidung, gipfelt im Klein-Klein, indem selbst Wandplakate, Werbeschilder und selbst die Etiketten der Würzsoßen nostalgisch und mit Western-Touch gestaltet werden und hört freilich im alltäglichen Lagerleben nicht auf. Will heißen: „Autos sind auf dem Festgelände tabu, und unsere Gäste sind auch angehalten, sich in der angemessenen Kleidung zu zeigen“, sagt der Sheriff.
Passende Kleidung ist Pflicht
Nur zum Einkaufen in den Ort etwa darf das Alltagsoutfit getragen werden. „Handys sind generell geduldet, wenn auch nicht gerne gesehen“, sagt Feyerabend, doch zum Fotografieren drückt man ein Auge zu. „Ich halte es generell so, dass ich das Smartphone für all die Tage beiseite lege, ich gönne mir eine Auszeit“, sagt Steinebronn, der allerdings auch weiß, dass sich diese mitunter rächt, wenn er nach dem Treffen erst einmal eine Fülle an ungelesenen Mails zu bearbeiten hat.
Mittlerweile erfüllt helles Lachen den Saloon. Eine Kindergartengruppe hat sich mit ihren Erzieherinnen eingefunden und nimmt an den langen Tischen, die früher in der alten Ludwigsburger Stadthalle standen, Platz. Die Kleinen lassen sich die frisch zubereiteten Pommes schmecken. „Wir haben hier immer wieder Kindergartenkinder hier, aber auch Seniorengruppen besuchen uns gerne“. Christian Steinebronn trinkt sein Bier aus, aus dem Holster blinkt sein Colt: „Keine Angst, das ist zwar eine echte Waffe, aber die ist natürlich mittlerweile ohne Funktion“.
Und sein Begleiter von vorhin, Markus Vollmer, stimmt ihm zu. Der Mann aus dem niederrheinischen Tönisvorst ist seit fast zehn Jahren treuer Gast hier im Schwäbischen und freut sich wie Bolle auf die anstehenden Tage. Tage voller Lagerromantik unter Cowboys, Goldsuchern, Siedlern und Trappern. Tage irgendwo im Unterland, wo der Wilde Westen greifbar nahe ist.
